Wofür steht das Kreuz?

In wenigen Tagen feiern Christen fast überall auf der Welt den Kreuzestod und die Auferstehung Jesu Christi. In den katholischen Kirchen trifft man das Kreuz derzeit nur verhüllt an. Anlass, sich einmal Gedanken über das Symbol der Christen schlechthin und über unseren Umgang damit zu machen. Von Andreas Kuhlmann
Foto: IN | Ausschnitt aus dem Gemälde „Der Christus des Heiligen Johannes vom Kreuz“, das der spanische Maler Salvador Dalí (1904–1989) im Jahr 1951 fertigstellte und das in der „Kelvingrove Art Gallery ...
Foto: IN | Ausschnitt aus dem Gemälde „Der Christus des Heiligen Johannes vom Kreuz“, das der spanische Maler Salvador Dalí (1904–1989) im Jahr 1951 fertigstellte und das in der „Kelvingrove Art Gallery ...

Heutzutage wird in modernen Gesellschaften das Kreuz gerne als Schmuckstück getragen, gleichzeitig aber aus Klassenzimmern und Gerichtssälen verbannt. Bei den Ägyptern galt das Kreuz als Zeichen des Lebens. Auch im Einsatz für das Leben unschuldiger und wehrloser Menschen wird das Kreuz auf vielfältige Weise verwendet. Es ist gut, manchmal auch darüber nachzudenken, was Christen mit dem Kreuz als Zeichen verbinden. Das soll an dieser Stelle geschehen.

Während das Kreuz in der ägyptischen Kultur das Leben symbolisierte, stand es im römischen Imperium für den Tod: das Kreuz als schreckliches Marterwerkzeug. Der schmachvolle Tod an einem Kreuz aus Holz war für die Bewohner des römischen Reiches die grausamste Hinrichtungsart, denn das Leiden war enorm und zog sich – im Vergleich zu anderen Hinrichtungsformen wie den Speer, das Vierteilen, das Verbrennen, den zum Tode verdammten Gladiator und andere mehr, sehr in die Länge.

„Wir treffen manchmal auf eine falsche

Spiritualität, die uns einen zornigen,

aufbegehrenden Christus vor Augen stellt“

Erst, als sich mit den Christen auch das Symbol ihres Glaubens, das Kreuz, auf dem Gebiet des römischen Imperiums und dann darüber hinaus ausbreitete, bekam das Kreuz einen symbolischen Wert, der die schreckliche Verwendung von vormals nach und nach vergessen ließ.

Wie konnte es zu dieser Art „Umwertung“ oder Umdeutung des Kreuzes kommen? Wie konnte eine Religion, die Liebe und Barmherzigkeit predigt, auf solch ein negatives Zeichen zurückgreifen, das doch nur für Hass und Unbarmherzigkeit steht? Wie wir wissen, findet sich die Antwort auf diese Fragen bei dem Gekreuzigten selbst: bei seiner Lehre und bei seinem Leben.

Als geschichtliche Tatsache steht fest: Jesus Christus ist durch die Hinrichtungsform der Kreuzigung ermordet worden.

Er hat seinen gewaltsamen Tod vorausgesehen und ohne Rebellion angenommen, denn er ist freiwillig gestorben, um uns Menschen zu erlösen.

Als Mensch, der er (auch) war, litt er seelisch und körperlich bis ins Unermessliche. Der Grund, so zu sterben, war nicht die bittere Konsequenz von persönlicher Schuld, Schwäche, Resignation oder gescheitertem Widerstand gegen Unrecht. Der Grund war seine unermessliche Liebe zu uns Menschen. „Niemand hat eine größere Liebe als der, der sein Leben hingibt für seine Freunde“ (vgl. Joh 15,13). Jesus Christus hat das Kreuz als Werkzeug der Befreiung des Menschen von der Versklavung der Sünde genutzt. Er hat unendlich gelitten, aber er hat souverän gehandelt.

Er wurde nicht Opfer, er hat sich zum Opfer gemacht. Gottes Sohn wusste, was er auf sich nahm und wofür er es auf sich nahm. „Wenn das Weizenkorn nicht in den Boden fällt und stirbt, kann es keine Frucht bringen“ (vgl. Joh 12,24), lehrte er. Und so hat er gehandelt. Die Frucht der Sünde Adams war der Tod, die Frucht des Todes am Kreuz ist das Leben, sagen die Kirchenväter. Das ist die zentrale Botschaft des Christentums an die Welt.

Der heilige Papst Johannes Paul II. schrieb in seinem Buch „Die Schwelle der Hoffnung überschreiten“ im 11. Kapitel über die Frage der Ohnmacht Gottes: „Das Christentum ist eine Religion des Heils, das heißt, um den theologischen Ausdruck zu verwenden, es ist Soteriologie. Die christliche Soteriologie konzentriert sich auf das Ostergeheimnis. Wenn der Mensch auf die Rettung durch Gott hoffen will, so muss er unter dem Kreuz Christi verharren. Und dann, am Sonntag, der auf den Karsamstag folgt, muss er vor dem leeren Grab stehen und wie die Frauen von Jerusalem hören: ,Er ist nicht hier, denn er ist auferstanden‘ (Mt 28,6). Zwischen dem Kreuz und der Auferstehung steht die Sicherheit, dass Gott den Menschen rettet, dass er ihn rettet durch Christus, durch sein Kreuz und seine Auferstehung.“

Das Kreuz, das bis dahin nur Symbol des Todes war – Symbol von Vernichtung und Auslöschung des Lebens –, es ist mit dem Tod und der Auferstehung des Sohnes Gottes zum Zeichen der Hoffnung und der Liebe geworden für alle Menschen. Nur so kann man verstehen, dass viele Menschen – viele darunter nicht einmal Christen – ein Kreuz auf ihrer Brust tragen.

Deshalb würde man das christliche Kreuz gründlich missdeuten und in die Gefahr geraten, es auch missbräuchlich zu verwenden, wenn man das christliche Kreuz nicht mehr dafür stehen lässt, wofür es nach dem christlichen Bekenntnis steht: für den Sieg über den Tod, für die Überwindung destruktiver Mächte durch die göttliche Allmacht, die alles neu zu erschaffen mag. Im Laufe der Geschichte kam es immer wieder zu Fehldeutungen, wofür denn das Kreuz stehe. In der Kunst des 20. Jahrhunderts gab es die marxistische Ausdeutung des Todes Christi am Kreuz: Gott reißt sich vom Kreuz los und schleudert den Übeltätern die Nägel voller Wut entgegen. Das Aufbegehren der Unterdrückten, der Klassenkampf, sollte geschürt werden.

Die Heiligen der Kirche haben niemals so eine den christlichen Glauben total verkennende Interpretation gekannt. Sie haben das Kreuz nicht theoretisch ausgedeutet, sondern am eigenen Leib, im eigenen Leben, erfahren – und es geliebt. Der heilige Josemaría Escrivá, der Gründer des Opus Dei, schrieb einmal folgendes über das Kreuz:

„Wir treffen manchmal auf eine falsche Spiritualität, die uns einen zornigen, aufbegehrenden Christus vor Augen stellt, einen zusammengekrümmten Leib, der wie eine Drohung über den Menschen zu hängen scheint: ihr habt mich zerschlagen, aber ich werde meine Nägel, mein Kreuz, meine Dornen gegen euch schleudern. Solche Menschen wissen nichts vom Geiste Jesu Christi. Er hat alles, was Er konnte, gelitten – und das ist, seiner göttlichen Natur entsprechend, unermesslich viel gewesen! – aber seine Liebe hat sein Leiden noch übertroffen ... Noch nach seinem Tod ließ Er es zu, dass ein Lanzenstoß Ihm eine weitere Wunde zufügte, damit du und ich dicht an seinem geliebten Herzen Zuflucht fänden“ (Kreuzweg, XII. Station, Betrachtungspunkt 3). Das christliche Kreuz symbolisiert die verzeihende Liebe Gottes, die grenzenlos ist. Es für politische Ziele einzusetzen und mögen sie noch so edel sein, scheint mir zumindest sehr bedenklich und geht mit der Gefahr einher, dessen eigentliche Aussage zu verfälschen. Wenn diejenigen, die für eine Kultur des Lebens einstehen wollen, das Kreuz zur Hand nehmen, dann sollte es die Liebe Gottes widerspiegeln, die der Vergebungsbereitschaft der Christen spezifisch Ausdruck verschafft.

Lesen wir noch einmal beim heiligen Josemaría nach, der – so meine ich – hierzu einen sehr wichtigen Gedanken äußerte: „Versöhnen, Verstehen, Verzeihen: darum geht es. Richte niemals ein Kreuz auf, nur um daran zu erinnern, dass Menschen Menschen umgebracht haben. Es wäre ein Banner des Teufels. Das Kreuz Christi tragen heißt vielmehr: schweigen, vergeben und für alle beten, damit alle Frieden finden“ (Kreuzweg, VIII. Station, Betrachtungspunkt 3).

„Richte niemals ein Kreuz auf, nur um daran zu

erinnern, dass Menschen Menschen umgebracht haben. Es wäre ein

Banner des Teufels“

Wenn also das Kreuz – als Symbol des christlichen Glaubens an den auferstandenen Erlöser der Welt – auf Schweigemärschen für die unschuldig getöteten Kinder eingesetzt wird, wenn es in großer Zahl auf ein Feld gestellt wird, dann muss es vor allem ein Zeichen der Hoffnung und der Liebe sein und darf nicht als bloßes Mahnmal oder sogar als Zeichen der Anklage verstanden werden. Das erhobene Kreuz will sagen: lass dich mit Gott versöhnen!

Wer das Kreuz als christliches Symbol einsetzt, will damit sagen, dass er trotz Unrecht, Leid und Tod, die über das abgetriebene Kind gekommen sind, daran glaubt, dass es für jeden Menschen „Auferstehung“ gibt: Reue und Umkehr, Vergebung und Neuanfang, ein neues Leben und ein glückseliges ewiges Leben bei Gott.

Der Tod – alle destruktiven Kräfte und Akteure dieser Welt – hat nicht das letzte Wort, nicht die endgültige Macht: die Liebe Gottes siegt immer! Diese frohe Osterbotschaft ist ja im Grunde auch das, was bei einem guten Beratungsgespräch durchscheint, was bei den vielfältigen praktischen Hilfen zum Ausdruck kommt: Es gibt Hoffnung und es gibt wirkliche Liebe, gegen die der Tod (die Kultur des Todes) letztendlich ohnmächtig bleibt.

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