Wenn der Inhalt stört

Manche Kritik, die Johannes Hartl von theologischer Seite erfährt, wirft ein entlarvendes Licht auf die Lage der Theologie. Von P. Engelbert Recktenwald

Johannes Hartl
Der Leiter des Augsburger Gebetshauses und Veranstalter der Mehr- und der Schön-Konferenz, Johannes Hartl.

Seit Jahrzehnten hören wir, dass die Kirche eine neue Sprache finden müsse, um Gehör für ihre Botschaft zu finden. Hartl hat sie gefunden. Seine Vorträge sind beliebt und erreichen z.B. über seinen youtube-Kanal eine Reichweite, von der die meisten Theologen nur träumen können. Aber gerade das passt einer bestimmten Richtung innerhalb der Theologenschaft nicht.

Dabei könnte ich eine bestimmte Kritik gut verstehen. Auch ich habe kritische Anfragen, z.B. ob laute Musik und Discofeeling bei der MEHR-Konferenz die angemessene Form und “Sprache” für den Inhalt sind, den Hartl vermitteln will. Aber Inhalt und Ziel dessen, was er vermittelt, kann ich nur befürworten: Er verkündigt den katholischen Glauben, um die Menschen zu einer lebendigen, persönlichen Beziehung zum Herrn, ihrem Erlöser, zu führen.

Aber genau das ist Gegenstand einer Kritik, für die ich als Beispiel die beißenden Ausführungen von Franca Spies, einer jungen Theologin und Redakteurin beim Theologie-Blog y-nachten, herausgreifen will.

Immerhin schreibt sie noch: “Es soll niemandem das Recht abgesprochen werden, seine Beziehung zum Erlöser zu pflegen.” Für so viel Toleranz sind wir echt schon dankbar. Ansonsten hat sie für Hartls Anliegen viel Spott und karikierendes Unverständnis übrig: “autoreferentiellen Himmel-Hölle-Sex-Brei” nennt sie es. Dabei sind die von Hartl behandelten Themen so vielfältig, dass ein Interviewpartner von IdeaSpektrum zu ihm meinte: “Sie reden über alles und jedes.” Natürlich zählen zu diesen Themen auch Sünde, Sex und Jesus. Und was tut Spies? Genau, wir können es uns denken: Sie greift diese Punkte heraus, um eine thematische Engführung bei Hartl zu suggerieren.

Spies vermisst bei Hartl die Politik. Ihre Autoritäten, an denen sie Hartl misst, sind die Vertreter der politischen Theologie. Paulus konnte noch so herrlich unpolitisch sein: “Der Sohn Gottes hat mich geliebt und sich für mich dahingegeben” (Gal 2, 20). Auf diesen Nenner bringt Paulus die Quintessenz des christlichen Glaubens. Dasselbe tut Hartl, und genau das stößt Spies sauer auf. Nicht Lehramt, Schrift und Paulus, sondern Rahner, Metz und Sölle sind ihre Referenzgrößen, um über Hartl abzuurteilen.

Dem promovierten Theologen, der stets biblisch argumentiert, wirft sie ein unkritisches Bibelverständnis vor. Von ihrem eigenen Umgang mit der Bibel gibt sie eine Kostprobe, wenn sie Gal 3,28 “Da ist nichts Männliches und Weibliches. Ihr alle seid einer in Christus Jesus” heranzieht, um allen Ernstes die Idee der Geschlechtervielfalt zu promoten, im ausdrücklichen Anschluss an Judith Butler, die die Zweigeschlechtlichkeit des Menschen nicht etwa als Teil von Gottes Schöpfungsordnung, sondern als diskursives Konstrukt ansieht.

Eigentlicher Stein des Anstoßes ist für Spies also nicht die Form, sondern der Inhalt. Für sie sind es “traditionalistische Positionen”, die Hartl vertritt. In Wirklichkeit sind es schlicht und einfach katholische Positionen.
 
Das passt zu einer Beobachtung, die ich schon seit Jahrzehnten mache, und das ist der Punkt, auf den es mir ankommt: Modernistische Theologie fordert zwar eine neue Sprache, aber in Wirklichkeit praktiziert sie das genaue Gegenteil: Sie verpackt in der alten Sprache neue Inhalte. Sie sagt z.B. weiterhin “Jesus ist auferstanden”, meint aber: “Die Sache Jesu geht weiter.” So etwa schon Marxsen in den 70er Jahren.
Eine Theologie, die die kirchliche Lehre nicht auslegt, sondern durch eine andere ersetzt, hat ihre Glaubwürdigkeit eingebüßt. Solange die Bischöfe über die ausbleibende Weitergabe des Glaubens nur klagen, aber der Blockade dieser Weitergabe an den theologischen Fakultäten tatenlos zuschauen, ist an ein Ende der Krise nicht zu denken.

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