Dormagen

Systemfehler der Politik

Wer es heute in die höheren Sphären der Politik geschafft hat, der hat ein hohes Maß an Intrigenfähigkeit unter Beweis gestellt. Von Felix Honekamp

Tusk trifft von der Leyen in Brüssel
Ursula von der Leyen (CDU), Bundesministerin der Verteidigung, trifft Donald Tusk, Präsident des Europäischen Rates. Foto: Francois Lenoir (Reuters Pool/AP)

Natürlich kann man sich über das Postengeschachere zur "Wahl" des EU-Kommissionspräsidenten (oder der –Präsidentin) aufregen, natürlich kann man sich fragen, was eigentlich führende Politiker von sich als christlich bezeichnenden Parteien umtreibt, die sich an grüne und linke Politik anbiedern. Genauso kann man auch fragen, was eigentlich in den Köpfen verbliebener Oppositionspolitiker (innerhalb und außerhalb von Regierungsparteien) vorgeht, die es vorziehen, am Ende doch lieber umzufallen und das zu tun, was die meisten ihrer Art immer schon getan haben: Das Hemd als näher betrachten als den Rock.

Symptome erheblicher Charakterdeformationen

Solche Kasuistik bringt allerdings nur wenig, denn sie verstellt den Blick auf das große Ganze. Denn wenn man flächendeckend, von Regierung bis außerparlamentarischer Opposition, von links bis rechts, von konservativ bis progressiv, immer wieder auf Symptome erheblicher Charakterdeformationen trifft (zu unterscheiden jeweils nur in der Art der medialen Skandalisierung) sollte die Frage nicht sein "Wie kann der / die nur?" oder "Was denken die sich dabei?" sondern "Wie kommt es zu dieser Häufung in genau jenem Bereich?"

Darwin pur: "Survival of the fittest"

Die Antwort – zugegeben eine These: Solches Verhalten, solche generellen Symptome sind systemimmanent! Wer es heute in die höheren Sphären der Politik geschafft hat und dort plötzlich von seinesgleichen für ganz unterschiedliche Aufgaben für qualifiziert erachtet wird, der hat eben nicht eine solche Qualifikation nachgewiesen, sondern ein hohes Maß an Intrigenfähigkeit unter Beweis gestellt. Wer Minister wird oder Staatssekretär hat in allererster Linie mal gezeigt, dass er sich gegen andere Wettbewerber gleicher Qualifikation durchzusetzen weiß. Das ist insofern Darwin pur: Nicht eine Elitenauswahl, sondern ein "survival of the fittest", also das Durchkommen derjenigen, die sich mit den Gegebenheiten am besten zu arrangieren wissen. Gemeinerweise haben in einem solchen Umfeld Soziopathen einen ungemeinen Startvorteil, also Menschen, die sich aufgrund mangelnder Empathie unsozial verhalten. Wegbeißen kann eben derjenige besser, dem sein Gewissen nicht im Weg steht.


Wenn das so stimmt, bleibt am Ende nur noch die Frage, ob hochrangige Politiker schon immer so waren oder im Laufe ihrer Karriere so geworden sind. Das ist aber für einen Christen, der sich für eine politische Karriere entscheiden möchte, eher zweitrangig. Die Frage, die der sich stellen muss, ist die, ob er sich in dieses Haifischbecken begeben möchte. Oder anders gefragt: Kann ich christlichen Positionen, Positionen der Liebe und Mitmenschlichkeit gepaart mit Vernunft und Verantwortung, nur in einem politischen Umfeld zum Durchbruch verhelfen?

Ein Christ wird es in der Politik schwerhaben

Die Antwort – und wieder ein These: Ein Christ der auf dem Weg keine Kompromisse eingehen möchte, die er mit seinem Gewissen nicht vereinbaren kann, der sich nicht ständig ob seines weltlichen Berufs fast unabwendbaren Versuchungen ausgesetzt sehen möchte, der nicht jeden Abend Gottes Vergebung dafür erbitten muss, dass er nur seinen Job gemacht hat, . Vielleicht ist es nicht unmöglich, aber wer mag sich schon selbst die Charakterstärke eines Thomas Morus anheften, die man offensichtlich in dem Metier braucht?

"Graswurzelaktivitäten" brauchen Zeit

Alternativen liegen aber für denjenigen auf der Hand, der nicht der Überzeugung ist, Politik würde nur in "der Politik" gemacht. Jeder kann in seinem Umfeld, in seiner Familie, seinem Unternehmen, unter Freunden und Kollegen christlichen Position zu Geltung verhelfen. Das mag ebenfalls mit Nachteilen verbunden sein, aber ein massiver Schaden an der eigenen Seele, den ein Marsch durch die Institutionen beinahe zwingend verursacht, wird so jedenfalls nicht billigend in Kauf genommen. Damit sollten Christen in der Lage sein, ein gesellschaftliches Umfeld zu errichten, an der die Politik nicht mehr vorbeikommt und – wenn schon nicht aus Überzeugung dann doch wenigstens im Sinne des eigenen Machterhalts –bedienen wird. Das sind "Graswurzelaktivitäten" und die brauchen Zeit. Aber Zeitdruck konnte noch nie das Argument eines Christen sein.

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DT (jobo)

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