Münster

Predigteklat: Kann Missbrauch vergeben werden?

Es kann keine Pauschalvergebung von sexuellem Missbrauch Minderjähriger geben. Der Münsteraner Pfarrer Zurkuhlen hat seinen Verkündigungsauftrag doppelt fahrlässig verfehlt. Von Stefan Hartmann

Gemeinde-Gesprächsrunde in Heilig-Geist-Kirche Münster
Die Klagedes Münsteraner Pfarrers Zurkuhlen, dass Bischöfe Missbrauchstätern nicht vergeben, sondern sie weiter anprangern würden, hält Stefan Hartmann für abwegig. Foto: Caroline Seidel (dpa)

Der Fall des Münsteraner Pfarrers Ulrich Zurkuhlen, der in einer Predigt die Vergebung gegenüber klerikalen Missbrauchstätern ansprach, schlägt bundesweit mediale Wellen. Der Text der freien Predigt ist nicht genau belegt, aber mehrere Kirchenbesucher, darunter wohl auch Missbrauchsopfer, haben unter Murren und Protest den Gottesdienst verlassen. Jüngst gab es eine Diskussion mit dem leitenden Pfarrer und 120 Teilnehmern, die sich von dem Prediger distanzierten.

Predigtverbot für den Pfarrer ist richtig und unvermeidbar

Es ist richtig und unvermeidbar, dass der Münsteraner Bischof Felix Genn dem Pfarrer eine Rüge und ein vorläufiges Predigtverbot erteilte. Mit der Predigt wurde, ob gewollt oder ungewollt, ein ungutes Ärgernis gegeben. Sicher lassen Gemeindemitglieder einem älteren und ansonsten anerkannten Priester auch einmal eine Unsensibilität durchgehen. Auch ist es für einen gläubigen Christen selbstverständlich, dass jede ernsthaft bereute Sünde oder Schuld bei glaubwürdiger Umkehr vergeben werden kann – von Gott und im Bußsakrament, dessen striktes Geheimnis auch in der Frage des Missbrauchs von keiner staatlichen oder medialen Stelle angetastet werden darf.

Aber hier hat der Prediger doppelt seinen Verkündigungsauftrag fahrlässig verfehlt: Einmal, da er mit der indiskreten Erwähnung von ihm bekannten Frauen, die über ihre Ehemänner tratschten, einen Zusammenhang zum Missbrauch herstellte. Und ein zweites Mal mit der abwegigen Klage, dass Bischöfe Missbrauchstätern nicht vergeben, sondern sie weiter anprangern würden.

Priester sollte sich aufrichtig für sein Verhalten im Gottesdienst entschuldigen

Es kann keine Pauschalvergebung von sexuellem Missbrauch Minderjähriger geben, sondern allenfalls nur gegenüber dem Einzelnen, der diese Schuld und dieses Verbrechen in Reue beichtet und dafür die straf- und kirchenrechtlichen Konsequenzen trägt. Von letzteren kann ohnehin niemand dispensieren, eine mögliche Vertuschung durch Bischöfe war dem Prediger kein Thema, ihr schien er aber das Wort zu reden. Das alles macht den Protest verständlich. Der Münsteraner Priester sollte sich aufrichtig für sein Verhalten im Gottesdienst entschuldigen und nicht rechthaberisch auf seinem Blog oder anderswo nachkarten.

Für die Inhalte der MeinungsMacher-Kolumnen sind die jeweiligen Autoren verantwortlich. Ihre Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung der Tagespost-Redaktion wieder.

DT

Die Hintergründe zu diesem Thema finden Sie in der Wochenausgabe der Tagespost. Kostenlos erhalten Sie die Zeitung hier.