Keine Chance für Alfie?

Eine Familie kämpft um ein Leben. Von Alexandra Maria Linder

Alfie Evans-Anteilnahme
Liverpool: Blumen liegen vor dem Kinderkrankenhaus Alder Hey. Bei Alfie Evans, einem knapp zweijährige Kind sind die lebenserhaltenden Maßnahmen am Montagabend abgestellt worden. Foto: Peter Byrne/PA Wire/dpa +++ dpa-Bildfunk +++ Foto: Peter Byrne (PA Wire)

„The inherent right to life“ – das inhärente, also dem Menschen bedingungslos innewohnende Recht auf Leben wird in Menschenrechtserklärungen garantiert, wie zum Beispiel in der UN-Kinderrechtskonvention. Selbst wenn man die deutsche Übersetzung zur Hand nimmt, die von einem „angeborenen Recht“ spricht, also die Zeit vor der Geburt entgegen dem englischen Original ausnimmt, so gilt dieses Recht doch auch für den kleinen Alfie Evans, der Anfang Mai gerne seinen zweiten Geburtstag feiern würde. Bisher hat der Junge sein Leben in Krankenhäusern und an Schläuchen verbracht. Aufgrund einer schweren neurologischen Erkrankung, sagen die britischen Ärzte, sei sein Gehirn fast vollkommen zerstört, und sie wollen ihn sterben lassen. Die Eltern aber kämpfen für das Leben ihres Kindes.

Als Außenstehender kann man nur schwer beurteilen, ob und inwiefern eine weitere medizinische Behandlung Sinn hat. Tatsache ist aber, dass man der Familie verbieten will, mit Alfie nach Italien zu fliegen, um es dort einfach zu versuchen. Wie verzweifelt muss man sein, wenn man durch gerichtliche Instanzen und bis zum Papst geht, offenbar gehen muss, um Gehör zu finden? Wieviel kostbare Zeit wird verschwendet, die die Familie sicher sinnvoller hätte nutzen können? Was hat diese Familie schon alles hinter sich und warum hilft man ihr nicht einfach, um eine wahrscheinlich begrenzte Zeit mit einem medizinisch wie menschlich gut versorgten Alfie möglichst in Ruhe verbringen und mit sinnvollem Leben füllen zu können?

In Deutschland zerrt man inzwischen Kinder oft zu schnell und ohne triftigen Gefahrgrund aus Familien, um sie vor angeblicher Vernachlässigung zu schützen, in Großbritannien verhindert man, dass eine Familie sich intensiv um ihr Kind kümmern darf. In Belgien können sich Minderjährige relativ leicht euthanasieren lassen. In den Niederlanden diskutiert man, ob Eltern nicht zu einem Bluttest verpflichtet werden sollten, damit die kostenintensive Versorgung von Kindern mit Behinderungen von Anfang an per Abtreibung verhindert werden kann.

Eltern wird das Sorgerecht für ihre Kinder erschwert oder genommen. Sterben wird leichter gemacht als leben. Es ist eine merkwürdige Welt.

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