Geseke / Vatikanstadt

Ein notwendiger Beitrag zum Verstehen der Krise

Veröffentlichung von Benedikts Schreiben zur Missbrauchskrise im Konsens mit Papst Franziskus. Von Peter Winnemöller

Der emeritierte Papst Benedikt XVI. zur Krise der Kirche
Äußert sich zur Krise der Kirche: Der emeritierte Papst Benedikt XVI. Foto: Daniel Karmann (dpa)

Wer die meiste Zeit schweigt, hat mehr zu sagen, wenn er dann einmal redet. Der Papst emeritus Benedikt XVI. hat sich entschlossen, erneut aus seinem Schweigen und Beten mit einem aktuellen, aber grundsätzlichen Beitrag hervorzutreten. Natürlich geschah dies in Absprache mit dem amtierenden Pontifex, dem er sich im Gehorsam unterstellt hatte. So erfolgte die Veröffentlichung seines Schreibens zur Missbrauchskrise im Konsens mit Papst Franziskus.

Krise der Moraltheologie

Die üblichen Verdächtigen werden bereits die Krallen ausstrecken und sich mit der bekannten sprungbereiten Feindseligkeit auf den bald 92-jährigen stürzen. Man kennt das. Benedikt XVI. nimmt immerhin in bekannter Weise kein Blatt vor den Mund. Die Katastrophe der 68er brandmarkt er als Auslöser der moralischen Krise der Gesellschaft. Doch er bleibt keinesfalls dabei stehen. In einer ungeschönten Selbstkritik der theologischen Forschung, eben jener Zunft, der sich der Papst em. bis heute selber zurechnet, stellt der die Krise der Moraltheologie dar.

Krise des Naturrechts

Es ist eine Krise des Naturrechts. Der Schrift sollte in der Moral das Primat erhalten beschreibt der Papst einen Trend der 60er Jahre und führt aus, wohin der Weg führte, in einen völligen Untergang der Moral. Bis am Ende sogar die Frage nach der Berechtigung einer kirchlichen Moral überhaupt bestand.

Schonungslos analysiert der Papst em. den Niedergang der Priesterausbildung. In seiner so klaren, schlichten und nüchternen Art beschreibt er, was einen einfachen Katholiken zum Kochen bringen müsste. Man hat die Gläubigen ihrer Seelsorger beraubt. Ja mehr noch am Ende analysiert er die Dekonstruktion der Eucharistie.

Es geht um die Moral, das Priestertum und die Sakramentalität der Seelsorge

Benedikt XVI. stellt in seinem Schreiben eindeutig klar, dass der dreifache Missklang von demontierter Moral, demontiertem Priestertum und demontierter Sakramentalität der Seelsorge zum Teil ursächlich für den Missbrauch verantwortlich ist und zudem die Kirche in ihrer Abwehr massiv geschwächt hat.
Dagegen erteilt der emeritierte Papst dem politischen Umbau der Kirche, wie er nicht zuletzt von einigen deutschen Bischöfen angestrebt wird, eine klare Absage. Das Schreiben von Papst Benedikt ist die beste theologisch flankierende Maßnahme, die es überhaupt nur zur Aufarbeitung der Missbrauchskrise geben kann. Es ist unbedingt nötig, sie in ihrer ganzen Tiefe auszuloten und zu studieren.

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DT (jobo)

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