Der Spiegel-Skandal – Was ist Wahrheit?

Ein symptomatischer Fall für mediale Arbeit, die Ideologie und Information nicht trennen will. Von Anna Diouf

Fake News, Lügenpresse, Betrug bei Reportagen. Der Fall Relotius
Fake News, Lügenpresse, Betrug bei Reportagen. Foto: Franziska Gabbert/dpa-tmn/dpa. Foto: Franziska Gabbert (dpa-tmn)

Wer das Wort „Lügenpresse“ schreibt oder sagt, der stellt sich damit selbst ins Abseits: Er wird zum besorgten Bürger und damit neben Aluhutträgern und Impfgegnern abgestempelt als einer derjenigen, die „man“ nicht ernst nehmen muss.

Der Fall Relotius: ein Supergau

Und nun dieser Supergau, der Fall Relotius: Gefälschte, frei assoziativ zusammengestellte Reportagen, und das nicht zu irgendwelchen zweitrangigen Themen, sondern zu jenen, die die Gemüter der Deutschen bewegen und die unser Weltbild prägen: Syrischer Bürgerkrieg, Islamismus, die gesellschaftlichen Veränderungen in den USA durch Trump etc. 55 Artikel allein im Spiegel, die nun fragwürdig erscheinen. Natürlich, man könnte statt Lügenpresse auch „Märchenpresse“ sagen, schließlich sind die mit Preisen überhäuften Artikel spannend, sprachlich brilliant, ihre Geschichten sind packend. Sie könnten wahr sein. Das kann aber wohl kaum darüber hinwegtäuschen, dass das Milieu, das Andersdenkende generell als Opfer russischer und rechter Fake News betrachtet, nun ein Legitimationsproblem hat.

Ehrliche Lösung erkennbar

Und es scheint nicht so, als wolle man dieses Problem ehrlich lösen: In einem langen Artikel entschuldigt sich zwar der Chefredakteur des Spiegel, Ullrich Fichtner, baut aber zugleich ebenfalls in epischer Manier Relotius zum alleinigen Verantwortlichen auf, kaum weniger pathetisch und emotional als Relotius' eigene Reportagen. Dabei werden immer wieder die Werte des Hauses betont und die strengen Prüfmechanismen, die ein Artikel durchlaufen muss, bevor er gedruckt wird. Gerade als vielgescholtener Katholik weiß man jedoch, dass der Spiegel trotz seiner „Werte“ gerne einmal zur Desinformation beiträgt. Und wenn die Prüfmechanismen nicht greifen, die sonst gut funktionieren, dann muss es sich hier um menschliches Versagen handeln: Offensichtlich wollten die Verantwortlichen glauben, was sie da lasen, weil es in ihr Weltbild passte, weil es wahr sein sollte. Ihr Urteilsvermögen war getrübt.

Die Schuld Relotius' soll nicht relativiert werden

Keinesfalls kann das die Schuld Relotius' relativieren: Er allein hat entschieden, Artikel zu fälschen. Aber dass so viele dieser Machwerke erscheinen konnten, dafür trägt er eben nicht allein die Verantwortung. Plötzlich ist der intellektuelle Unterschied zwischen Spiegel und besorgtem Bürger erstaunlich geschrumpft, nicht wahr? Hier wie dort Menschen, die Fakt und Fiktion nicht auseinanderhalten können.

Dies wäre ein überfälliger Anlass zur Korrektur einer chauvinistischen Haltung gegenüber jenen, die früher einmal nicht besorgter Bürger, sondern „kleiner Mann“ hießen. Mit diesem Skandal ist nicht nur ein Journalist gefallen: Der Anspruch der Printmedien, im Unterschied zu online-Medien grundsätzlich zuverlässiger zu informieren und ein Bollwerk gegen Fake News zu sein, bricht gerade zusammen.

Katastrophe für eine Gesellschaft im Informationskrieg

Das ist eine Katastrophe für eine Gesellschaft im Informationskrieg. Wie will man das verlorene Vertrauen je wiedergewinnen? Und es ist ein dringender Appell an uns alle: Wir müssen uns fragen, wenn wir Informationen einholen und weitergeben, ob es uns um Wahrheit geht, und wenn nicht, was wir darüber stellen? Das Gefühl, zu den „Rechtschaffenen“ zu gehören? Leben wir lieber in einer Illusion als uns der Tatsache zu stellen, dass sich unser Weltbild an veränderte Informationen anpassen muss und nicht andersherum? Dann brauchen wir uns über fortschreitende gesellschaftliche Spaltungen nicht wundern.

Es bleibt zu hoffen, dass die unumgängliche weihnachtliche Besinnlichkeit diesem Fall nicht den Wind aus den Segeln nimmt. Wir sollten uns nicht damit abfinden, dass sich viele Medien vom Anspruch, umfassend zu informieren, allzu oft verabschieden und „Meinungsmache“ nicht mehr nur in einer entsprechenden Kolumne betreiben, sondern flächendeckend durch die gesamte Berichterstattung hindurch.

Für die Inhalte der MeinungsMacher-Kolumnen sind die jeweiligen Autoren verantwortlich. Ihre Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung der Tagespost-Redaktion wieder.

DT (jobo)

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