Exercitium: Schöne Scham

Wenn wir einen Roman lesen, in dem eine erwachsene Frau – zugleich die Ich-Erzählerin – ihren Vater wegen dessen Lebenslügen zur Rede stellt, dann müssen wir nicht gleich Angst bekommen. Solche Dinge gehören als Episoden zu sehr vielen Familien. Wenn aber dann der Vorwurf an den seit langem geschiedenen Vater deutlicher wird: „Eure Ehe war ein sexuelles Desaster“, dann sind wir in einer anderen Zone, und wir wissen: solche Schamlosigkeit ist eben doch vor 1968 nicht eigentlich aufgetreten. Schöne Scham (Scheu) und Rechtsempfinden hatte der heidnisch-griechische Obergott Zeus durch seinen Boten Hermes in der Welt verteilen wollen, gleichmäßig unter allen Menschen. Und die schöne Scham deshalb, weil sie „natürlichen Gehorsam“ mit sich bringe, „Ehrfurcht, Folgsamkeit, Respekt der Kinder gegen die Eltern, der Menschen gegen höhere bessere Naturen“, so erklärte der Philosoph Hegel die Sachlage – er sprach von einer nicht in Rechtsbegriffen zu fassenden Voraussetzung von Rechtlichkeit. Auch die Mutter wird von der Ich-Erzählerin kritisiert: „Nicht einmal dass ich magersüchtig wurde, hast du gemerkt.“ Die wiederum zurückgibt: „Ich vermute, dass deine Angstzustände etwas mit deinem Geburtstrauma zu tun haben.“

So stumpf ist ja keiner, dass er nicht merkte, wie in dieser Familie offenbar die Ober-Durchblicker zu Hause sind, vor allem die Erzählerin hält sich für eine solche. Die Vorstellung aber, ohne Scham käme man dichter an die Wahrheit, und mit der Unschicklichkeit wachse die Echtheit, ist illusorisch. Gerade das zügellose Geplapper ist in diesem Roman die Folge. Wir lesen ein Intellektuellen-Gerede, das sich an so ziemlich jeden Gegenstand heften kann. Ein bewährtes Mittel solchen Redens ist die Verwendung von psychoanalytischen Begriffen. Aber wohlgemerkt: Nicht aus der Situation des Arbeitsbündnisses von Therapeut und Klient geschöpft, mit einer Schweigepflicht wie bei Ärzten, mit einer längeren Ausbildung, die ein Studium einschließt, Praxiserfahrungen, später Fortbildungen. Damit aber auch ohne verbindlichen und verpflichtenden Charakter. Hören wir hinein: Ein junger Mann (der spätere Geliebte der Erzählerin) nimmt an einem Klavierwettbewerb teil und macht seine Sache an sich sehr gut, doch gerade in dem Augenblick, da er sich vor dem Publikum hätte verbeugen müssen, erbricht er sich, mitten auf den Flügel. Eine Zeugin schildert den peinlichen Vorfall: „Damals hat er sich in der wichtigsten Situation seines Lebens erbrochen, wahrscheinlich hatte er so viel angestaute Angst zu versagen.“ So kann man endlos reden. Wenn die Ich-Erzählerin behauptet, sich an wesentliche Lebensepochen (nicht nur Ereignisse) nicht erinnern zu können, dann muss es sich um „Verdrängung“ handeln. Überall ahnt sie eine „seelische Unterwelt aus Ängsten und Panik“. Eine Szene mit dem Geliebten: „N. wachte auf und verhielt sich wie ein Hysteriker.“ Sie diagnostiziert: „N. hat nicht nur Bindungsängste, er hat Liebesangst.“

In einer Welt solcher Kommunikationsformen bekommt man Platzangst, man kann in ihr nicht leben. Es sind auch nicht eigentlich Erkenntnisse, die hier dargeboten werden, sondern fertig ausgestanzte Formeln von vermeintlichen Seelen-Experten. Das ist einer der Kollateralschäden der Achtundsechziger-Generation, der auch die Autorin angehört: Der angepeilte Weg in die „Autonomie“ brachte faktisch ein völlig unrealistisches Vertrauen in die Erklärungskraft einer rein entlarvenden Psychologie. Wenn die Kommunikation vornehmlich in der Entlarvung verkehrter Lebensentwürfe der anderen besteht, muss man gehen.

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Georg Wilhelm Friedrich Hegel

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