Credo: Was das Ja zum Leben bedeutet

Das Tötungsverbot wird heute mit pseudowissenschaftlichen Thesen begründet. Doch jeder Mensch ist Gottes Abbild und hat ein Recht auf Leben. Von Stephan E. Müller

Das Tötungsverbot wird heute mit pseudowissenschaftlichen Thesen begründet. Doch jeder Mensch ist Gottes Abbild und hat ein Recht auf Leben. Und er steht unter dem besonderen Schutz des Schöpfers, dessen Eigentum er von Anfang an ist.

Jede Weisung des Dekalogs bezieht sich auf einen grundlegenden Wert, der geschützt werden soll, weil er für das Leben und Zusammenleben der Menschen tragend, stützend und aufbauend ist. Gefährdung dieses Wertes bedeutet Gefährdung des Menschen und seines Zusammenlebens. Das Verbot formuliert eine Grenze, die der Mensch nicht überschreiten darf.

Grundlegende Bedeutung hat das Verbot, einen unschuldigen Mitmenschen zu töten. Die Begründung dafür wird schon in Genesis 9, 6 durch den Hinweis gegeben, dass der Mensch von Gott als sein Abbild erschaffen worden ist, darum Gottes Eigentum ist und mithin unter seinem besonderen Schutz steht.

Zu den zahlreichen aktuellen Themenbereichen des fünften Gebots gehört die Frage des Lebensschutzes am Beginn des menschlichen Daseins. Im Zentrum einer humanen und christlichen Lebensethik steht das Ja zum unermesslichen und unverletzlichen Wert jedes Menschenlebens, das seinen Anfang hat in der Verschmelzung der Gameten. Die pränatale Entwicklung des Menschen ist eine kontinuierliche, in der sich schon der Embryo als Mensch und nicht zum Menschen entwickelt. Der Embryo ist nichts anderes als die Anfangsgestalt des menschlichen Daseins; wer ihn tötet, schneidet den gesamten Lebensbogen, die ganze Zukunft eines Menschen in diesem Leben ab. Der Blick auf den innerweltlichen Lebensbogen des Menschen zeigt evident, um wen oder was es sich in dem Anfangsstadium menschlicher Existenz handelt: eben nicht um ein Etwas, sondern ein Jemand; kein Es, sondern ein Du; ein Sohn oder eine Tochter im frühesten Entwicklungsstadium.

Das Grundprinzip der Lebensethik besagt nach E. Schockenhoff, dass wir dem menschlichen Leben von seinem Anfang bis zu seinem Ende in jeder Form, in der es uns entgegentritt, die gleiche Achtung schulden; grundlegend ist das anthropologische Prinzip, nach dem wir im leiblichen Leben des Menschen die Vergegenwärtigung der Freiheit, also der Selbstbestimmungsmöglichkeit und die konkrete Repräsentation der Person im Leib achten. Die uneingeschränkte Schutzwürdigkeit des menschlichen Lebens gilt demnach in allen seinen Entwicklungsstadien und gilt ebenso bei Krankheit und Behinderung, denn die Personalität des Menschen wird durch vorgegebene Beeinträchtigungen nicht geschmälert.

Joseph Ratzinger hat darauf hingewiesen, dass Menschen mit einer Behinderung „Träger einer wesentlichen Botschaft über die Wahrheit des Menschen sind“. In gängigen Vorstellungen von der Vollwertigkeit menschlicher Existenz, die auf einem einseitigen Menschenbild basieren, wird nur die Stärke des Menschen gesehen, seine Schwäche und Fragilität aber ausgeblendet. Auf dem Hintergrund des christlichen Menschenbildes, das den Menschen als Person ganzheitlich betrachtet, demzufolge nicht nur die Vorzüge und Stärken berücksichtigt, sondern auch die Fragilität und Hinfälligkeit menschlicher Existenz im Blick hat, führt Behinderung nicht zum Verlust der Daseinsberechtigung, sondern sie bedeutet Angewiesenheit auf Solidarität, um mit dem eingeschränkten Leben und der Nichterfüllung zentraler Lebenswünsche zurechtkommen zu können.

Tugendethisch gesehen gehören zum Lebensschutz die Haltung der Lebensbejahung, die einerseits die Ehrfurcht oder respektvolle Achtung vor jedem Menschen (auch vor dem eigenen Leben) und andererseits den Mut zum Leben umfasst. Beide Aspekte bedürfen lebensgeschichtlicher Vorbereitung. Solche zweipolig entfaltete Lebensbejahung ist angewiesen auf die Erfahrung von Solidarität als empathischer Mitsorge und assistierender Fürsorge gerade in Lebenslagen, die einen breiten Bedarf an solidarischer Unterstützung konstituieren, wie es in einer Schwangerschaft generell, in einem Schwangerschaftskonflikt in spezieller Weise der Fall ist. Solche Solidarität ermöglicht es, dass das Gewissen in der Konfliktlage durch den Druck der Lebenssituation nicht geschwächt oder verfälscht wird.

Bemerkenswert ist, dass das Tötungsverbot im Dekalog umrahmt ist vom 4. Gebot, das die wechselseitige Sorge von Eltern und Kindern thematisiert, und dem sechsten Gebot, das dem Schutz der Ehe dient. Diese Umrahmung des Tötungsverbotes nennt zugleich die ersten Adressaten, denen der Schutz des menschlichen Lebens von Anfang an anvertraut ist.

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