Credo: Bilder: Ja oder Nein?

Je mehr wir uns bemühen, Gott zu erkennen und zu verstehen, desto mehr machen wir die Erfahrung, dass unsere Vorstellungen von ihm immer unähnlicher als ähnlich sind. Wie können wir über Formeln hinaus einen Zugang zu diesem Unsichtbaren, Allmächtigen und Allewigen gewinnen? Von Friedhelm Hofmann

Während das Wort eine gedanklich lineare Verbindung herstellt, eröffnet das Bild einen ganzheitlichen Raum, in den der Betrachter eintreten kann. Dies machten sich die geistigen Väter des gotischen Stils, Abt Suger und Bernhard von Clairvaux, zunutze. Mit dem Bau gotischer Kirchen und Kathedralen öffneten sie den Blick auf die eschatologische Vollendung, veranschaulicht in dem einzigen prophetischen Buch des Neuen Testamentes: der Geheimen Offenbarung. In ihm schaut man über den Tellerrand eigener irdischer Erfahrungen hinaus in die in einer Vision geöffnete himmlische Welt. Der Autor der Geheimen Offenbarung stellt als Höhepunkt seiner Visionenfolge die Schau des himmlischen Jerusalems an den Schluss seines Buches. (Vgl. Apk 21)

Grundlegendes Charakteristikum dieser Stadt ist ihr quadratischer Grundriss, der bei gleicher Länge, Breite und Höhe als Kubus zu verstehen ist. Die würfelförmige Anlage des Allerheiligsten im Tempel von Jerusalem dürfte das Vorbild für die sinnbildliche Übertragung auf die urbs quadrata sein. Den vier Mauern mit ihren zwölf geöffneten Toren – je drei in jede Himmelsrichtung - kommt keine abschirmende oder ausgrenzende Bedeutung zu, sondern eine schmückende, zumal die zwölf Grundsteine aus kostbaren Edelsteinen und die zwölf Tore aus edlen Perlen bestehen. Die Leuchte der Himmelsstadt ist das Lamm, die ewige Herrlichkeit Gottes. Ein anschauliches Beispiel für die Umsetzung dieser Schilderung in die Architektur ist zum Beispiel der Kölner Dom. Ausgangspunkt ist dort das Vierungsquadrat, das jeweils einmal ausgefächert die Breite des Langhauses, zweimal ausgefächert das Querhaus, dreimal ausgebreitet den Chor und viermal ausgelegt das Langhaus ergibt. Die Höhe des Innenraums ergibt sich aus der Breite des Domes. Die Höhe der Türme entspricht der Länge der Kathedrale.

Die irdische Kathedrale wird so gleichsam zu einem Abbild der visionären Himmelsstadt. Ohne die Bildhaftigkeit der Geheimen Offenbarung wäre die Gotik nicht denkbar. Die dort verwendeten Bilder werden zur Folie, aus der die Gotik ihre geistliche Beheimatung bezieht und aus der flüchtigen Zeit in die Ewigkeit weist. Da schon immer der Vorgang des künstlerischen Schaffens und der entsprechenden Rezeption nicht über eine Eindimensionalität des Dargestellten erfassbar war, ergeben sich auch heute für den Künstler Situationen, in denen sich zum Teil unbewusste Kenntnisse in den Schaffensvorgang drängen, die subtil in die Bildgestaltung gerinnen. El Greco, Francisco José de Goya, Max Ernst, Bernard Schultze und auch Gerhard Richter sind dafür sprechende Zeugen.

Gerade Letzterer hat sich gegen jenen Habitus zur Wehr gesetzt, der für sich die absolut gültige Wirklichkeitsdeutung reklamiert. Gerhard Richter ist ein Künstler, der sich dem Dilemma ausgeliefert weiß, dass uns zwar unser Sehen die Dinge sinnenhaft rezipieren lässt, dass aber die Subjektivität und Beschränktheit dieses Sehens zugleich noch nicht die Erkenntnis der Wirklichkeit möglich macht. Für dieses Dilemma hat Gerhard Richter mit seinen Glas- und Spiegelobjekten Gleichnisse geschaffen. Seinem Gesamtwerk liegt letztlich die existenziell spannungsvolle Polarität vom Drang nach Wirklichkeitserkenntnis einerseits und nicht Erkennen-Können der unverständlichen Wirklichkeit andererseits,zugrunde.

In diesem außerhalb der Künstlerpersönlichkeit liegenden „Mehr“, das sich in der Werkgenealogie Bahn bricht, wird die Anwesenheit jenes transzendenten Anderen erahnbar. Indem Richters Kunst solchermaßen zur Alteritäts-Markierung wird, reicht sie in eine metaphysische Sphäre hinein, die immer wieder auch religiöse Assoziationen weckt. An diesem Beispiel lässt sich erahnen, wie schwierig es für den Autor der Geheimen Offenbarung gewesen sein muss, das in der Vision Geschaute gedanklich zu fassen und sprachlich in Metaphern, Symbolen, Bildern und Vergleichen einzubetten. Für den Interpreten der Apokalypse ist es ebenfalls unvergleichlich schwierig, die dort vorgefundenen Bilder künstlerisch umzusetzen, ohne das ihnen innewohnende Geheimnis aufzulösen. Die Künstler der Gotik haben diesbezüglich faszinierende Lösungen gefunden.

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