Würzburg

Exercitium: Wer aufdeckt, gewinnt

Wenn Wahrheit zur Waffe wird: Eine breite Schicht von Pseudo-Intelligenten entlarvt mit Leidenschaft alles und jeden – und freut sich ihrer scheinbaren Erfolge.

Der Philosoph Hans Blumenberg
Will man das Werk des Philosophen Hans Blumenberg auf eine Zeitanalyse reduzieren, dann könnte man sagen, dass er, als eine aggressiv auftretende Aufklärung die Szene beherrschte, sich bewusst abweichend verhielt, ohne aber nur eine Gegen-Lehre, gar Gegen-Aufklärung zu verkünden. Foto: Bildarchiv der Universitätsbibliothek Gießen und des Universitätsarchivs Gießen, Signatur HR A

Hans Blumenberg (1920 bis 1996) ist ein schwieriger Philosoph. Das liegt aber nicht an einer undurchschaubaren Sprache, einem Kunst-Jargon, in den man erst eingeweiht werden müsste. Man darf nur keine Sekunde unaufmerksam werden. Will man sein Werk auf eine Zeitanalyse reduzieren, dann könnte man sagen, dass er, als eine aggressiv auftretende Aufklärung die Szene beherrschte, sich bewusst abweichend verhielt, ohne aber nun eine Gegen-Lehre, gar Gegen-Aufklärung zu verkünden. Eher interessierte er sich für die Augenblicke, da die Aufklärung ins Stolpern geriet.

Keine philosophische Sprache ist ganz „rein“

Keine philosophische Sprache ist ganz „rein“, jede erborgt sich an irgendeiner Stelle Bilder aus der alltäglichen Rede. Hundertprozentig eindeutige Begriffe, um die Missverständnisse abzustellen, sind eine Utopie, und keine schöne; die aus ihnen gezimmerte Philosophie wäre nicht mehr die von Menschen. Man kann den Bildern und Metaphern nicht ausweichen, die oft ein Eigenleben entwickeln. Blumenberg philosophierte mit Vorbehalten und kleinen erzählenden Umwegen darin. Das Buch, das soeben aus seinem Nachlass herausgegeben wurde, heißt „Die nackte Wahrheit“. Die Verbindung in diesem Bild ist alt. Diesmal handelt es sich also um die Bildersprache, in der die Philosophie selbst von sich redet, nicht von speziellen Problemen ihres Faches, sondern von ihrem Selbstverständnis. Deshalb müssen Fragen von Kleidung, Kostüm, Entblößung, Verschleierung, Verhüllung ihn interessieren.

Um einen Begriff von seinem großartigen Witz zu geben, zitiere ich den Anfang des zweiten Kapitels, das Sigmund Freud und der Psychoanalyse gewidmet ist. So beginnt es: „In einer Zeit, die ,Entlarvung‘ zur professionellen Liebhaberei einer breit angelegten Intelligenzschicht gemacht hat ...“ Er geht nicht frontal gegen die Entlarver an, er lässt nur gleichsam die Luft aus ihren Ansprüchen.

Das Entlarven ist dieser Schicht das Liebste

Die Intelligenzschicht wäre ja eigentlich, an sich, ihrer Natur nach, eine relativ kleine Gruppe, die sich heraushebt – hier aber ist sie wie ein Teig ausgewalzt in die Breite (eine breit angelegte Intelligenzschicht wäre ein weißer Rappe oder ein schwarzer Schimmel); sehr weit kann es mit dieser Intelligenz nicht her sein, Gipfel wird sie nicht ersteigen: Hat man nicht einfach, unrealistisch-optimistisch, zu viele junge Leute an die Unis gebracht? Das Entlarven ist dieser Schicht das Liebste. Und am besten breit, undifferenziert: das System, den großen kapitalistischen Weltbetrug, das Patriarchat, soviel Begabung hat jeder. Wer entlarven will, kann sich Fragen ersparen; dass es sich um Betrüger, Heuchler, Verräter und Lasterhafte überhaupt handelt, ist vorausgesetzt. Entlarvung ist Wahrheit als Angriff, mindestens als Zudringlichkeit. Blumenberg fährt fort: „... so dass kaum jemand sich den Vermutungen über seine Hintergründe und Untergründe entziehen kann, wenn er nur sich rührt ...“ Warum kann er sich nicht entziehen? Versucht er es, dann macht er sich erst recht verdächtig: Sein Widerstand wird zu den Beweismitteln der Anklage genommen; er hat, indem er sich rührte, schon wieder etwas von seinem Geheimnis verraten, was neuer Entlarvung bedarf. Der mit der Larve ist hartnäckig. So sehr, dass „seine Entlarvung zu vermeintlichen oder wirklichen – jedenfalls die Täter befriedigenden – Erfolgen, wenn nicht gar Triumphen, führen kann.“

Bei der Entlarvung kann man nur gewinnen. Und wenn nicht wirklich, dann doch in der inneren Welt des Entlarvenden, der mit sich zufrieden sein darf. Hat man zur Kritik einer bestimmten Intelligenz schon einmal Treffenderes gelesen?

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