Würzburg

Exercitium: Trügerische Aufklärung

Der Siegeszug der Vernunft wird heute sehr unreflektiert gefeiert. Denn hinter teils prunkvollen Fassaden hat die Aufklärung eine entkernte Moral-Religion zurückgelassen.

Monument to the philosopher Immanuel Kant against the background of foliage. Kaliningrad
Statue von Immanuel Kant in Königsberg. Foto: Irina Borsuchenko/stock.adobe.com

Wir brauchen eine Aufklärung über die Aufklärung. Denn nichts im Bereich des Geistes wird so ausdauernd, so gedanken- und kenntnisarm gepriesen wie diese Bewegung des achtzehnten Jahrhunderts. Die Weltumsegelungen, dazu die Fernrohre hatten die Gestalt der Erde und ihre Rolle im Kosmos grundsätzlich ermittelt; was den Menschen als Mikrokosmos betraf, so kannte man nun den Blutkreislauf. Die Aufklärung war das philosophische Resümee jener unerhörten Siegeszüge der autonomen Erkenntnis. Aber wie alle Siege, wenn sie übergroß werden, blind machen, so auch die der Vernunft. Denn nun begann man auch, alle Antworten auf Lebensfragen von der Wissenschaft zu erwarten.

Was im Reich des Natürlichen gelungen war, sollte sich gegenüber dem Übernatürlichen bewähren. So wandte sich die Aufklärung im Geist der Autonomie gegen die Religion. Teils im offenen Krieg wie Voltaire, teils aber durch kunstreiche Umdeutungen: Fassaden ließ man stehen, um dahinter wie bei einem entkernten Altbau alles neu gestalten zu können. Die Renovierung verlief so, dass bürgerliche, staatsbürgerliche Tugenden an die Stelle der Frömmigkeit traten. „Tugend“ wird sogar eines der Leitworte des aufgeklärten Jahrhunderts.

1793 ließ der fast siebzigjährige Immanuel Kant, der zehn Jahre zuvor mit dem Aufsatz „Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung“ hervorgetreten war, sein Buch „Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft“ erscheinen. Hier unterscheidet er zwischen einem „gottesdienstlichen“ und einem „moralischen Religionsglauben“, die, wie er versichert, in einem beständigen Kampf miteinander liegen. Gottesdienstlich heißt für ihn: Auf Offenbarung zurückgehend, in eigentümlichen Frömmigkeits- und Festpraktiken ausgestaltet. Der „moralische Glaube“ aber bedeutet kaum mehr als allgemeine Rechtschaffenheit in der bürgerlichen Gesellschaft. Und die früheren Rollen sind vertauscht: Die Moral ist es, aus der die Religion ursächlich hervorgeht. Die Moral nämlich hat ihre vernünftigen Gesetze aufgestellt, und auf der Stufe der Religion stellt sie „an der höchsten, jene Gesetze vollziehenden Ursache einen Gegenstand der Anbetung vor“. Gott ist eine notwendige, aber in sich kahle, auf ein bloß vollziehendes Amt heruntergebrachte Projektion autonomer moralisch handelnder Menschen – nichts weiter.

Die „allgemeine Kirche“, die Kant vorschwebte, wird als ein „ethischer Staat Gottes“ aufgefasst. Dabei fällt zunächst das Alte Testament aus. Der jüdische Glaube sei ein „Inbegriff bloß statuarischer Gesetze“. Statt „mit ganzem Herzen der Tugend anzuhängen“, fröne das alte Judentum einem „mechanischen Kultus“. Stets aufs Neue überraschend sind an solchen Stellen die Ausschluss-Praktiken der Aufklärung jenen gegenüber, die im vermeintlichen Welterziehungsplan sitzengeblieben sind. In dieser Umwelt, so Kant, sei der „Lehrer des Evangeliums“ aufgetreten, der den „moralischen seelenbessernden Glauben“, der „durch den guten Lebenswandel seine Echtheit beweist“, gepredigt habe.

Hier kann man wirklich einmal von einer „Zivilreligion“ sprechen. Alles, was sie übersteigt, das Gebet, der Gesang, die gelebte Frömmigkeit, nennt Kant „Kram“, auch „Afterdienst Gottes“ und „bloßen Religionswahn“. Die „unsichtbare Kirche“ wird die Konfession jener sein, die Gott „lediglich in der Gesinnung eines guten Lebenswandels zu finden gemeint sind“. Das meine ich mit Entkernung bei gleichzeitigem Erhalt der (vielleicht sogar prunkvollen) Fassaden. Es könnte gut sein, dass dies eine der erfolgreichsten Strategien im Bereich des Geistigen ist.