Würzburg

Exercitium: Atmosphärische Anzeichen

Überall wird mit lauten Parolen die Gemeinschaftlichkeit gefeiert. Wer genau hinschaut, kann sich dabei einer gewissen Beklemmung kaum erwehren.

30. Jahrestag Mauerfall - Feier am Brandenburger Tor
Deckt der Lärm der öffentlichen Feiern und Parolen etwas anderes zu? Im Bild: Feierlichkeiten am Brandenburger Tor zum 30. Jahrestag des Mauerfalls Foto: Annette Riedl (dpa)

„Augenarbeit“ ist ein merkwürdiges Wort. Geprägt hat es der Historiker Karl Schlögel. Neulich traf ich ihn in Berlin. Dieser Mann ist ein eminenter Gelehrter, Experte für Osteuropa und vor allem für Geschichte der Sowjetunion. „Stalinismus“ ist bei ihm aber nicht einfach ein Begriff der Politikwissenschaft, sondern ein Gewebe von Handlungen, Bildern, Träumen, Verbrechen, Bauten, hundert gelebten Geschichten: Ein System, das sich in die Lebenswelt gleichsam verkrallt hatte. Und damit etwas Erzählbares. Schlögel ist ein ungemein ruhiger und darum umso überzeugenderer Beobachter. Einer, den man sich in seinem vornehmen, weltmännischen Habitus nicht als Agitator oder Propagandisten vorstellen kann. Einer, der hinschaut, ein politisch-historischer Augenarbeiter.

Betonte Gemeinsamkeit als maßgebliche rhetorische Form

Schlögel also wollte wissen, ob ich an irgendwelchen Feiern zum dreißigsten Jahrestag des Mauerfalls teilgenommen hätte. Nein, in der Provinzstadt, in der ich wohne, gab es solche Veranstaltungen nicht. Und selbst wenn – ich wäre wohl kaum hingegangen; es war schön, dass die Mauer fiel, aber . . . Ich musste den Satz nicht beenden. Schlögel wiegte den Kopf, er empfand wohl ähnlich, ohne sich schon zu erklären. Etwas anderes sei mir aufgefallen, als ich mit dem Taxi zu unserem Treffen gekommen war, vorbei am Gebäude des Bundesrats: Eine Bannerwerbung am Zaun. „Der Bundesrat – 16 Länder. Ein Ergebnis. Für Deutschland. Für Europa.“

Mir war es neu, dass eine Institution (nicht ein Unternehmen) Werbung für sich macht; ähnlich befremdet war ich, als ich in den Vereinigten Staaten zum ersten Mal große werbende Stoffbahnen an der Außenwand einer Kirche sah. Nun war Schlögel elektrisiert, er hatte Ähnliches beobachtet. Und man muss sich nur ein wenig umsehen, um eine sehr betonte Gemeinschaftlichkeit als eine der gegenwärtig maßgeblichen rhetorischen Formen zu erkennen. „Wir sind deins“, lautet der offizielle Werbespruch der ARD. Mit der Parole „Das V sind wir“ wirbt das Vogtland. „Wir in NRW“ heißt es anderswo, und die Landesregierung behauptet auf ihrer Webseite, die Parole sei „längst zu einem geflügelten Wort avanciert“.

Der Lärm deckt etwas anderes zu

Schlögels Vermutung lief nun darauf hinaus, dass der Lärm dieser öffentlichen Feiern und Parolen etwas anderes zudecke, verdecke, verdränge. Politische Bannerwerbung in der Größe, wie ich sie am Bundesratsgebäude gesehen hatte, die ein ganzes Straßenbild prägen konnte, gab es zum letzten Mal in der DDR: „Alles für unsere sozialistische Republik!“ Oder, 1950: „Kritik und Selbstkritik fördert den Wirtschaftsaufstieg“, darüber groß „SED“. Neulich verlieh Ursula von der Leyen im Fernsehen einen Bambi-Preis „an Europa“. Und sie erklärte dabei: „Wenn wir alle an einem Strang ziehen, dann können wir wahre Wunder vollbringen.“

Schlögel hatte so lebhaft reagiert, weil er eben nicht primär von Begriffen her denkt, sondern von etwas Atmosphärischem, von etwas, das sich unterhalb der politischen Aufmerksamkeitsschwelle in Zeichen andeutet. Kurz vor dem Ausbruch der demokratischen Revolution des Jahres 1848 besuchte ein Schriftsteller eine mittlere Stadt, noch spät in der Nacht trifft er den Bürgermeister in dessen Amtssitz. Sorgen bedrücken den Verantwortungsträger, das kann der Besucher ihm ansehen. Warum aber? Der Bürgermeister zieht ihn ans Fenster, öffnet es, schaut in die Nacht und fragt: Hören sie nicht diese unheimliche Ruhe? So ähnlich war es Karl Schlögel und mir zumute (vielleicht nur für ein paar Sekunden), als wir über die lärmende Gemeinschafts-Fröhlichkeit der Institutionen sprachen.

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen. Kostenlos erhalten Sie die aktuelle Ausgabe hier.