Würzburg

Credo: Warum wir nicht gleichgültig sein sollten

Paulus schreibt, vor Gott gibt es kein Ansehen der Person. Was zählt also vor Gott? Über einen theologischen Denkfehler und die Relevanz von Herkunft, Glauben und Handeln.

Gleichheit vor Gott?
Es ein gefährlicher Denkfehler zu meinen, alle Ausrichtungen des Lebens hätten den gleichen Wert vor Gott. Foto: fotolia.de

„Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren.“ Diesen obersten Grundsatz der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte verdankt die Welt dem Christentum. Mögen Pseudohumanisten noch so oft behaupten, der Gedanke der Menschenwürde habe gegen die Kirche erkämpft werden müssen, die Faktenlage ist und bleibt eindeutig. Erst durch die Menschwerdung Gottes und ihre intellektuelle Rezeption zur Zeit der Renaissance wurde das Konzept der gleichen Würde aller Menschen denkbar.

Viele lassen sich durch Gleichheitsgedanken verwirren

Leider lassen sich viele Menschen, darunter nicht wenige Kirchenvertreter, durch diesen Gleichheitsgedanken verwirren. So ist bei einer evangelischen Pfarrerin zu lesen: „Es steht in der Bibel: Vor Gott sind wir alle gleich, gläubig oder ohne Glaube.“ Eine durchaus gewagte These, noch dazu von einer Vertreterin der Reformation, die doch den Glauben stets als alleiniges Merkmal eines Christen hervorgehoben hat. Natürlich steht ein solcher Unsinn nirgendwo in der Bibel, die gute Frau befindet sich auf einem eindeutigen Holzweg. Die Frage ist: Wo genau ist sie falsch abgebogen?

Der Satz, der dem angeblichen Bibelwort zumindest nahekommt, findet sich im Römerbrief. Hier schreibt der Apostel: „Es gibt bei Gott kein Ansehen der Person.“ (2, 11) Um zu verstehen, wie diese Aussage gemeint ist, hilft ein Blick in den Kontext. Paulus spricht diese Worte als Teil einer prophetischen Gerichtsrede. Dabei geht es ihm vor allem um die Frage, ob die Juden vor Gott gewisse Sonderrechte gegenüber den Griechen/Heiden geltend machen können, und kommt zu dem Schluss: Nein! „Er wird jedem vergelten, wie es seine Taten verdienen: Denen, die beharrlich Gutes tun und Herrlichkeit, Ehre und Unvergänglichkeit erstreben, gibt er ewiges Leben, denen aber, die selbstsüchtig sind und nicht der Wahrheit gehorchen, sondern der Ungerechtigkeit, widerfährt Zorn und Grimm.

Not und Bedrängnis wird das Leben eines jeden Menschen treffen, der das Böse tut, zuerst den Juden, aber ebenso den Griechen; doch Herrlichkeit, Ehre und Friede werden jedem zuteil, der das Gute tut, zuerst dem Juden, aber ebenso dem Griechen; denn es gibt bei Gott kein Ansehen der Person.“ Vor Gottes Gericht kann sich niemand auf ein vermeintliches Geburtsrecht berufen, Herkunft und Status machen keinen Unterschied. Gleichheit vor Gericht bedeutet aber nicht, dass jeder dasselbe Urteil erhält. „Wer an mich glaubt, wird leben, auch wenn er stirbt“, heißt es aus dem Munde unseres Herrn, woraus man doch wohl im Umkehrschluss folgern darf, dass derjenige, der nicht an ihn glaubt, dieses Leben nicht erlangen wird. Paulus lässt ebenfalls keinen Zweifel daran, dass nur derjenige, der sein Leben auf das ewige Leben ausrichtet, auch auf selbiges hoffen darf.

Eine Frage des Zeitpunkts

Wir sehen also, die Frage von Gleichheit und Ungleichheit ist im Wesentlichen eine Frage des Zeitpunkts. Die Menschen sind gleich geboren, unterscheiden sich aber sehr wohl in ihren späteren Einstellungen und Handlungen. Insofern ist es ein gefährlicher Denkfehler zu meinen, alle Ausrichtungen des Lebens hätten den gleichen Wert vor Gott. Ebenso, wie der Unglaube dem Glauben nicht gleichzusetzen ist, kann dies auch nicht für andere Glaubensrichtungen gelten. Die Vorstellung, alle Religionen seien inhaltlich gleichwertig und unterschieden sich nur in ihren äußeren Formen, ist ein gefährlicher Irrtum. Zu Beginn des Lebens herrscht Gleichheit, an seinem Ende nicht. In der Zwischenzeit sollten wir nicht gleichgültig sein.

Die Scheidung von Wahrheit und Irrtum ist meist einfach eine Frage des richtigen Denkens. Hierzu möchte die heute beginnende Reihe anregen. In den kommenden Wochen werden an dieser Stelle weit verbreitete theologische Denkfehler aufdeckt, analysiert und widerlegt. Denn: Wer weiß, wo man falsch abbiegen kann, bleibt leichter auf dem richtigen Weg.

Sebastian Moll, Jahrgang 1980, wurde an der University of Edinburgh mit einer Arbeit über den Erzketzer Marcion promoviert. Er ist angehender Priester der anglikansichen Kirche, fühlt sich dem katholischen Denken allerdings sehr verbunden

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