Würzburg

Credo: Unbequemes Ausharren

Der Herr selbst hat den Christen viele Bedrängnisse vorausgesagt. Wem jedoch die Gunst Gottes wichtiger ist als die Meinung der Menschen, darf auf Gottes rettendes Wirken vertrauen.

Gunst Gottes vor Meinung der Menschen
Im Gebet - im Betenkönnen und Betendürfen - liegt schon der Anfang vom Ende des Elends. Foto: Maurizio Gambarini (dpa)

Spaemann scheut nicht davor zurück, an geeigneten Stellen die Erkenntnisse des Psalmisten auf die Gegenwart anzuwenden, seine Situation auf die Gegenwart zu übertragen. In Psalm 6 klagt der Beter darüber, dass er von Feinden umringt sei (Vers 8). Spaemann schreibt dazu: „Von allen Seiten wird die Sache Christi bedrängt: Der Wohlstand bedroht sie ebenso wie das Elend, die ,Aufklärung‘ ebenso wie die Unwissenheit, der Hochmut ebenso wie der Trieb, der säkulare Universalismus ebenso wie der fanatische Partikularismus, Herrschsucht ebenso wie Revolte.“

Worin liegt die Rettung? Im Gebet

Gibt es Hoffnung, dass sich das einmal ändert? Nein. Spaemann erinnert an die Weissagung des Herrn, dass die Bedrängnis gegen Ende sogar noch zunehmen werde, und zwar so sehr, „dass selbst die Auserwählten irre würden, wenn es möglich wäre (Mt 24, 22)“. Worin liegt dann die Rettung? In dem, was der Psalmist tut: im Gebet. „In Gebet selbst, im Betenkönnen und im Betendürfen, liegt schon der Anfang vom Ende des Elends.“

Wir alle, so dürfen wir diese Gedanken Spaemanns weiterspinnen, stehen in der Versuchung, die Rettung auf anderen Wegen zu suchen, zum Beispiel indem wir versuchen, uns die Feinde günstig zu stimmen. Wir verstecken das, weswegen wir angefeindet werden, und machen uns mit den Anfeindenden gemein. Die Kirche wird wegen ihrer Moral- und Glaubenslehre angegriffen? Passen wir sie an! „Wunder“ haben im „aufgeklärten“ Denken keinen Platz mehr? Weg damit! Die Morallehre passt nicht mehr zur Regenbogenwirklichkeit von heute? Dann stimmen wir eben in den Chor ihrer Kritiker mit ein!

Anpassung ist leichter als Ausharren

So erlösen wir uns selbst aus unserer misslichen Lage und brauchen nicht mehr wie der Psalmist zu beten: „Oh Herr! wie lange noch?“ (Ps 6, 4). Anpassung ist leichter als Ausharren, Umkippen leichter als Standhalten.

Spaemann, schon in seiner Jugend zur Zeit des Nationalsozialismus an widerständigen Nonkonformismus gewöhnt, war solches Verhalten stets zuwider. Einmal nach der Lehre gefragt, die er aus seiner Erfahrung mit dem Nationalsozialismus gezogen habe, antwortete er: Misstrauen gegenüber der Mehrheit.

Der Ausruf des Psalmisten „wie lange noch?“ ist zwar Ausdruck eines quälenden Wartens, zugleich aber auch des Vertrauens, dass von Gott her die Rettung kommen wird. Dem Psalmisten ist die Gunst Gottes wichtiger als die der Menschen, denn er weiß, dass Gott jederzeit, wann er will, eingreifen kann. Dann wird er beten können: „Der Herr hat mein Flehen erhört, der Herr hat mein Gebet angenommen“ (Vers 10).

Christus ist nicht den synodalen Weg, sondern den Kreuzweg gegangen

Vers 6 „Denn niemand ist, der im Tode deiner gedenkt, im Totenreiche aber, wer wird dich da preisen?“ wendet Spaemann auf Christus an: „Christus als Beter dieses Psalms hat seinen Sinn verwandelt. Gott ließ Ihn das Schicksal der Gottlosen tragen und den Weg des Todes gehen, um diesen Weg selbst zu verwandeln in einen Weg des Gehorsams.“

Christus ist nicht den synodalen Weg, sondern den Kreuzweg gegangen. Das Schicksal des Ausgestoßenseins hat er jedem Populismus vorgezogen. Aber worin besteht die Verwandlung, von der Spaemann spricht? Seine Antwort: „Tod“ wird neu definiert: „Im Tode ist, wer Deiner nicht gedenkt, in der Unterwelt ist, wer Deinen Preis nicht singt.“ Gottesverehrung ist höchster Lebensvollzug. Solange wir beten, hat unsere Seele übernatürliches Leben in sich. Deshalb ermahnt uns Christus, nicht jene zu fürchten, die den Leib, sondern jene, die die Seele töten können. Solange wir – egal unter welchen Umständen – Gott loben und seine Herrlichkeit in unserem Leben zur Darstellung bringen, ist alles gut. Denn solche Darstellung „ist der tiefste und einzige Sinn der menschlichen Existenz“.

Fortsetzung im nächsten „Credo“