Credo: Orientierung für das Gewissen

In seiner gottgeschenkten Freiheit ist der Mensch auf geistliche Wegweiser angewiesen. Wie das Menschsein mit Gottes Gnade und einer Ausrichtung an den Zehn Geboten gelingen kann erläutert der Verfasser, emeritierter Eichstätter Moraltheologe, in einer mehrteiligen Serie. Von Stephan E. Müller

In seiner gottgeschenkten Freiheit ist der Mensch auf geistliche Wegweiser angewiesen. Wie das Menschsein mit Gottes Gnade und einer Ausrichtung an den Zehn Geboten gelingen kann erläutert der Verfasser, emeritierter Eichstätter Moraltheologe, in einer mehrteiligen Serie.

Im Zentrum des christlichen Glaubens stehen nicht Forderungen an den Menschen, sondern das Geheimnis Gottes. Das, was Er ist und wirkt. Die Mitte des christlichen Glaubens besteht in der Erfahrung dessen, was wir Gnade nennen. Ihr Geheimnis ist die Liebe, die Gott uns geschenkt hat und schenkt, in der Schöpfung und in der Geschichte des Heils: „Gott ist die Liebe – er hat uns zuerst geliebt“ (1 Johannes 4, 16ff). Erst von dieser Mitte unseres Glaubens her ist auch die Bedeutung des sittlichen Handelns zu erkennen. Die Bemühung, das Gute zu tun und das Böse zu meiden, wird zu einer Antwort auf die erfahrene Gnade. Bedeutet die Gnade das Beschenktwerden des Menschen mit der Liebe Gottes, so bedeutet sittliches Handeln die Bewahrung und Weitergabe dessen, was wir selber als Geschenk erfahren haben und immerfort erfahren.

Dieses heilsgeschichtliche Grundgesetz zeigt sich auch im Dekalog. In beiden Fassungen, die das Alte Testament überliefert (Exodus 20, 1ff; Deuteronomium 5, 6ff) beginnt das Zehnwort mit dem Prolog, der den Vorrang der Gnade vor dem Tun des Menschen zum Ausdruck bringt: „Dann sprach Gott alle diese Worte: Ich bin Jahwe, dein Gott, der dich aus Ägypten geführt hat, aus dem Sklavenhaus.“ Dieser Satz ist der Schlüssel zum Verständnis des Dekalogs. Am Anfang steht damit die Erinnerung an das, was Gott für sein Volk getan hat. Darin zeigt sich, wer dieser Gott ist, der zu seinem Volk spricht, und wie er wirkt. Jahwe hat sich als Gott erwiesen, indem er für sein Volk da war als der, der es aus einem eingeengten und verkümmerten Dasein in die Weite der Freiheit geführt hat, die Leben und Zusammenleben der Menschen ermöglicht. Bevor das Volk das gelobte Land erreicht, schenkt er seinem Volk die zehn Worte, die Eckpunkte der „rechten Art der menschlichen Existenz“ (Joseph Ratzinger) aufzeigen, damit das Volk die geschenkte Freiheit bewahrt und nicht neue Sklaverei entsteht. Die Weisungen des Dekalogs sind Bedingung der Menschlichkeit des Menschen.

In der Darstellung der alttestamentlichen Texte spricht Jahwe selbst die zehn Worte. Damit ist ausgesagt, dass sie Ausdruck des Willens Gottes sind, nicht Erfindung oder willkürliche Setzung des Menschen. Gott, der den Menschen in die Weite der Freiheit führt, schenkt ihm Orientierungspunkte, an die er sich halten soll, damit die Freiheit Segen sei und nicht zum Fluch werde. Deshalb sind die zehn Worte „dem Menschen gemäß“, insofern sie Leben und Gemeinschaft der Menschen ermöglichen, bewahren und schützen.

Bei der Realisierung der zehn Weisungen darf der Mensch darauf vertrauen, dass Gott in diesem Bemühen helfend dabei ist, da er mit seinem Volk – sowohl im Alten wie auch im Neuen Bund – „mitwandert“. Da der Mensch immer wieder durch das Böse angefochten ist, ist er zur Realisierung des Guten auf die Hilfe Gottes angewiesen.

Traditionell werden die Zehn Gebote in zwei Tafeln untergliedert: Die erste Tafel enthält die ersten drei Gebote, die die Beziehung des Menschen zu Gott betreffen und in der Weisung zusammengefasst sind, Gott mit ganzem Herzen zu lieben (Deuteronomium 6, 5). Die erste Tafel ist unauflöslich mit der zweiten Tafel verbunden (Gebote 4–10), zusammengefasst in der Weisung, den Nächsten zu lieben wie sich selbst (Levitikus 19, 18). Jesus hat in seiner Verkündigung diese beiden Weisungen verknüpft und als gleich bedeutsam gekennzeichnet.

Sowohl im Dekalog als auch in der Verkündigung Jesu zeigt sich somit der unauflösliche Zusammenhang der horizontalen und vertikalen Dimension des sittlichen Handelns: Die Liebe zu Gott findet ihre Echtheitsprobe in der Art der Zuwendung zum Nächsten. Umgekehrt gewinnt die Du- und Wir-Liebe in der gelebten Gottbezogenheit des Menschen Halt und heilende Hilfe.

Wo Gott als Gott anerkannt und angebetet wird, kann der Mensch ganz Mensch und damit auch Mitmensch sein.

Fortsetzung folgt am 30. Mai