Credo: Lectio divina alleine

„Jesus nahm ihn beiseite, von der Menge weg.“ (Mk 7,33) Der Mensch, der hier in die Abgeschiedenheit, in die Zweisamkeit allein mit Jesus geführt wird, ist ein Taubstummer. Man hatte ihn zu Jesus gebracht mit der Bitte, „er möge ihn berühren“. Dem Kranken nicht bloß äußerlich die Hände auflegen, sondern ihn innerlich berühren, damit er ein „hörendes Herz“ (1 Kön 3,9) bekommt und er „richtig reden“ (Mk 7,35) kann – damit all dies sich ereignen kann, braucht es den Rückzug aus der Menge. Lectio divina als Dialog mit Jesus Christus ist zuerst ein intimes Geschehen, ein vertrauliches Gespräch unter vier Augen.

Wenn Jesus mich für eine gelingende „göttliche Lesung“ von der Menge wegführt, umfasst dies mehrere Aspekte. Er möchte, dass ich von aller Geschäftigkeit ablasse und zur Ruhe komme. Die Mönchsväter rieten deshalb, die beste Zeit für die Lectio „freizuhalten“: zum Beispiel den frühen Morgen, wenn mindestens die „Lerchen“ ganz frisch sind. Oder den frühen Vormittag, wenn noch nicht große Hitze oder der „Mittagsdämon“ die Schläfrigkeit obsiegen lassen. Oder die Zeit nach Abschluss der Arbeit, wenn ich ungehindert die Tagessorgen hinter mir lassen kann.

Noch wichtiger als der äußere Abstand zum Lärm des Tages, wozu auch das Ausschalten von TV, Smartphone, Computer gehört, ist der feste Entschluss, mich in meinen Gedanken „leer zu machen“, wie wiederum die Väter formulierten. „Gott ruft nach dem Menschen und spricht zu ihm: Wo bist du?“ (vgl. Gen 3,9) Der Mensch, Adam, soll vor Gott und sein Wort hintreten in aller Nacktheit, in der Wahrheit über sich, ohne Ausweichen vor dem „lebendigen Wort, wirksam und schärfer als jedes zweischneidige Schwert“ (Hebr 4,12). Das bedeutet: Wer im Heiligen Geist die Bibel liest, der darf sich nicht wie der erste Mensch verstecken unter den Bäumen von ein paar schnellen Eindrücken, von dem, was man so sagt und hört über eine bestimmte Bibelstelle, von dem, was ich in sie „hineinlese“». Es ist Gottes Wort an mich, das nur wirksam ist, wenn ich mich seiner unverkürzten Wahrheit stelle. Wenn ich im biblischen Geschehen Mitspieler, nicht bloß Zuschauer bin.

Intimität verträgt keine Zuschauer, weder mich selber noch andere. Der fremde Blick reißt heraus aus dem selbstvergessenen Verweilen beim Du und er bewirkt Scham wie bei Adam, der sich vor Gott versteckt. Den ersten Menschen gehen nach dem Sündenfall „die Augen auf“ (Gen 3,7). Weil sie vom Baum der Erkenntnis von Gut und Böse gegessen haben, schauen sie sich selber nun mit (ver-)urteilenden Augen an statt unter dem segnenden Blick Gottes zu stehen. Sie haben ihre erste Naivität, ihr kindliches Geborgensein bei Gott, verloren.

Jesus jedoch nimmt den Menschen, der blind geworden ist für die Vatergüte seines Schöpfers, „bei der Hand, führte ihn vor das Dorf hinaus, bestrich seine Augen mit Speichel, legte ihm die Hände auf und fragte: Siehst du etwas?“ (Mk 8,23) Wenn ich diese Frage als Wort Jesu an mich höre, erkenne ich mein eigenes „verstocktes Herz“ (Mk 8,17) gegenüber Gott und wie ich selber die Mitmenschen bloß schemenhaft wahrnehme. Nur Jesus kann bewirken, dass ich „deutlich sehe“ (Mk 8,25). Nur er kann zu mir sagen: „Effata, öffne dich!“ (Mk 7,34) Bei meiner Taufe wurde mir dies zugesagt. Wenn seither der ohrenbetäubende Lärm und das Blendwerk der „Welt“ meinen inneren Seh- und Hörsinn beeinträchtigt haben, dann bin ich gerufen, mich von Jesus in die Einsamkeit führen zu lassen. Um dort Jesu heilendes Wort zu vernehmen und deutlich sehen und hören zu lernen.

In diesem Lernprozess werde ich nur wachsen, wenn ich mir die innere Zweisamkeit mit Jesus auch im Alltag bewahre. „Jesus schickte ihn nach Hause und sagte: ,Geh aber nicht in das Dorf hinein!‘“ (Mk 8,26)