Würzburg

Credo: Klugheit versus Moral?

Sind Klugheit, Legalität und Religiosität Konkurrenten der Moral? Robert Spaemanns Erklärung des moralischen Standpunktes bringt Klarheit in diese Frage.

Spaemann und die Moral
"Die gute Handlung ist die, die der Wirklichkeit gerecht wird", meint Robert Spaemann zum Begriff der Moral. Foto: fotolia.de

In den „Moralischen Grundbegriffen“ erklärt Spaemann, was den moralischen Gesichtspunkt ausmacht. Es ist die Tatsache, dass er gerade alle anderen Sachgesichtspunkte in sich integriert, so dass gilt: „Die gute Handlung ist die, die der Wirklichkeit gerecht wird.“

Mit Hans-Eduard Hengstenberg kann Spaemann deshalb Sittlichkeit geradezu als Sachlichkeit definieren. Als Beispiel verweist er auf die Pflicht des Arztes, die sich sowohl aus dem ergibt, was ihn sein medizinisches Fachwissen lehrt, wie auch aus dem Vertrauensverhältnis zwischen ihm und dem Patienten.

Ökonomische Interessen völlig legitim

Wenn der Arzt, so darf ich das weiter ausführen, etwa vor der Entscheidung steht, ob er eine Operation ins Auge fassen soll, so ist die erste Frage natürlich die, ob sie medizinisch notwendig ist. Es gibt aber auch den ökonomischen Aspekt: Vielleicht ist die Operation nicht notwendig, aber für das wirtschaftlich angeschlagene Krankenhaus profitabel.

Diese ökonomischen Interessen sind in sich völlig legitim. Dennoch wäre es unmoralisch, ihretwegen dem Patienten eine Operation zu empfehlen. Denn aus dem Vertrauensverhältnis zwischen Arzt und Patient ergibt sich die Pflicht, dem Interesse des Patienten die Priorität einzuräumen. Ein noch tieferer Grund für diese Priorität liegt in der unbedingten Achtung, die wir dem Menschen als Selbstzweck schulden und die es verbietet, ihn für fremde Zwecke zu instrumentalisieren, in diesem Fall für die ökonomischen Interessen des Krankenhauses mittels einer Operation, die nicht im Interesse des Patienten liegt. Moralität bedeutet in solchem Zusammenhang die Fähigkeit, die verschiedenen Gesichtspunkte, unter denen eine Handlung zu beurteilen ist, in der richtigen Weise einzuschätzen und zu hierarchisieren.

Was herauskommt, wenn man diesen integrativen Charakter der Moral übersieht, kann man an manchen Beiträgen zur (angeblich metaethischen) Kontroverse über den Vorrang der Moral erkennen. Héctor Wittwer etwa bestreitet diesen Vorrang. Als mögliche Konkurrenten der Moral nennt er Klugheit, Legalität und Religiosität.

Moral ist Standpunkt der Unparteilichkeit

Wenn man von Klugheitsgründen im Gegensatz zu moralischen Gründen spricht, meint man damit Gründe für ein Handeln im Dienst des Eigeninteresses. Soll ich ehrlich bleiben und auf einen Vorteil verzichten, oder soll ich mir unehrlicherweise den Vorteil verschaffen? In unserem Beispiel: Soll ich dem Patienten eine unnötige Operation zu meinem eigenen wirtschaftlichen Vorteil anraten? Wittwer meint, es gäbe kein übergeordnetes Kriterium, um die Frage zu entscheiden, ob ich dem moralischen oder dem prudentiellen Kalkül folgen soll. Deshalb plädiert er für einen partiellen Dezisionismus.

Hier wird deutlich: Es handelt sich in Wirklichkeit nicht um eine metaethische, sondern um eine normative Frage. Die Moral selber ist gerade jener übergeordnete Standpunkt, der das Eigeninteresse und alle anderen Gesichtspunkte bereits berücksichtigt hat, um zu der Erkenntnis zu gelangen, wie man handeln soll. Der moralische Standpunkt ist der Standpunkt der Unparteilichkeit, der die partikulären Klugheitsinteressen relativiert in Bezug auf einen absoluten Maßstab, der in der Menschenwürde gründet, die es verbietet, den Menschen nur als Mittel zu behandeln. Man könnte auch sagen: Der moralische Standpunkt ist jener, der alle Handlungszwecke dem obersten Selbstzweck unterordnet.

Manche philosophischen Diskussionen lassen einen die Klarheit von Spaemanns Denken erst so richtig wertschätzen.

  • Die Reihe zu Robert Spaemann wird im nächsten „Credo“ fortgesetzt.

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