Würzburg

Credo: Keine Ethik ohne Metaphysik

Eine Person ist keine Maschine und Moral kein Evolutionsmechanismus: Robert Spaemann erklärt, warum Handlungsethik einer metaphysischen Grundlage bedarf.

Robert Spaemann: Ethik und Metaphysik
Es ist der Verdienst Robert Spaemanns, die Ethik aus ihrer neuzeitlichen Isoliertheit befreit und sie wieder in eine Metaphysik eingebunden zu haben. Foto: Marijan Murat (dpa)

Wenn Robert Spaemann vom Wertgefühl spricht, durch welches uns Wertqualitäten erschlossen werden, greift er eine Theorie des Wertethikers Max Scheler auf. Was damit gemeint ist, kann man sich leicht am Beispiel eines Menschen klar machen, der angesichts eines schreienden Unrechts, dessen Zeuge er wird, gefühllos bleibt. Diese Gefühl- und Teilnahmslosigkeit ist ein Zeichen dafür, dass er den empörenden Unwert einer ungerechten Handlung nicht wirklich erfasst hat.

Affekte sind Wertantworten

Dietrich von Hildebrand dagegen, der mit Scheler befreundet und von ihm inspiriert war, weist solchen Gefühlen eine andere Stellung zu: Für ihn sind sie Antworten auf bereits erkannte Werte. Affekte, wie er diese Art von Gefühlen nennt, sind Wertantworten. Ein Mensch, der angesichts eines Verbrechens teilnahmslos bleibt, kann sich durchaus des Unrechtscharakters dieser Handlung bewusst sein. Aber er ist in seinem Gefühlsleben schon so abgestumpft, dass er sich nicht mehr darüber aufregt. Die Affekte sind demnach nicht ein integraler Bestandteil meiner Erkenntnis, wohl aber meiner Gesinnung.

Wenn ich einem Wohltäter nur aus Kantischem Pflichtgefühl danke, ohne aber im Herzen überhaupt Dankbarkeit zu empfinden, hat dieser Dank nur einen verminderten moralischen Wert. Die Affektlehre von Hildebrands bedeutet deshalb einerseits eine korrigierende Bereicherung der Gesinnungsethik Kants, weil sie Kants moralisches Gefühl der Achtung um das ganze Spektrum affektiver Wertantworten vermehrt, andererseits ihre bestätigende Bekräftigung, weil sie mit Kant die Gesinnung unabhängig von der Erfahrung im Kantischen Sinne und allein abhängig von der apriorischen Wesensschau im Schelerschen Sinne macht.

Die Bedrohung des Naturalismus

Spaemann dagegen insistiert gegenüber solcherart apriorischer und damit autonomer Gesinnungsethik auf der Notwendigkeit einer Metaphysik, um zu einer Handlungsethik zu gelangen. Denn die Gesinnung gibt mir noch keine Antwort auf die Frage, welche Handlung in einer möglicherweise sehr komplexen Situation die richtige ist. Auch der Rekurs auf die Rangfolge der Werte, die mir sagt, welchem Wert ich in meiner Handlung den Vorzug geben soll, greift viel zu kurz. Denn ich habe es in solchen Situationen nicht mit reinen Werten zu tun, die am philosophischen Abstraktionshimmel über unseren Köpfen zur Auswahl bereithängen, sondern mit konkreten Personen in einem sozialen Erfahrungszusammenhang, mit ihren Rechten, Interessen und Bedürfnissen. Eine apriorische, erfahrungsunabhängige Handlungsethik kann es deshalb nicht geben. Sie ist darauf angewiesen, Personen als Personen anzuerkennen und deshalb auch auf eine Metaphysik, die dafür Platz lässt.

Die größere Bedrohung für eine solche Metaphysik geht heute nicht von Kant aus, sondern vom Naturalismus. Dieser verwandelt Personen in Maschinen, Handlungen in Naturvorgänge und Moral in einen Evolutionsmechanismus. Bei Kant verkümmerte die Metaphysik zu einer Postulatenlehre zum Behuf einer Metaphysik der Sitten, im Naturalismus wird Metaphysik zu einer Art Spiritismus auf der Bühne einer völlig entzauberten Welt. „Es gibt keine Gespenster“, ist das mantraartig wiederholte Credo von Ryle, Rorty & Co. Mit „Gespenster“ meinen sie Personen, die kraft ihres Willens zu einer Kausalität aus Freiheit fähig, also keine Maschinen sind. Auch bei Philosophen wie Habermas oder Nida-Rümelin, die Personalität ernst nehmen, gibt es keine Versuche, die Ethik mit dem physikalischen Weltbild mittels einer Metaphysik zu vermitteln. Moral wird in einer naturwissenschaftlich dominierten Weltsicht immer unplausibler.

Es ist das Verdienst Spaemanns, die Ethik aus ihrer neuzeitlichen Isoliertheit befreit und sie wieder in eine Metaphysik eingebunden zu haben, die ihre naturalistischen Kritiker des Plausibilitätsvorsprungs beraubt.

Die Reihe zu Robert Spaemann wird im nächsten „Credo“ fortgesetzt

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