Würzburg

Credo: Katholische Harmonie

Fruchtbares Zusammenspiel von Philosophie und Theologie: Robert Spaemanns Auslegung der Psalmen zeigt, dass Glaube und Vernunft Gaben desselben Gottes sind.

Robert Spaemann
Der Philosoph Robert Spaemann. Foto: Marijan Murat (dpa)

In seiner Rezension von Spaemanns Psalmenkommentar stört sich der evangelische Theologe Christoph Markschies an Spaemanns Aussage, dass der Gottlose „an Bedeutung unter die Amöbe“ schrumpfe. Dabei enthält er dem Leser die Information vor, dass Spaemann damit nur eine Aussage des Psalmisten paraphrasiert, die sogar noch schärfer ist: Die Gottlosen seien „wie Staub, den der Wind von der Erde verweht“ (Psalm 1, 4). Und weiter: „Darum werden die Gottlosen im Gerichte nicht bestehen.“

Im Gericht wird offenbar, dass alles Treiben der Gottlosen nichtig ist

Das ist die Antwort auf die große Not, die das ganze Psalmenbuch durchzieht und den Glauben des Psalmisten immer wieder auf die Probe stellt: der irdische Erfolg der Gottlosen und ihr Triumph über die Gottesfürchtigen. Zeigt nicht die Erfahrung, dass der Ehrliche oft der Dumme ist? Der Verweis auf Gottes Gericht soll zeigen, dass diese Erfahrung nur vorläufiger Schein ist. Das letzte Wort hat Gott. Im Gericht wird offenbar, dass alles Treiben der Gottlosen nichtig ist. Jesus wird von der Spreu sprechen, die er vom Weizen scheidet. „Das Bild der Spreu trifft das Wesen der Gottlosigkeit“, schreibt Spaemann dazu. Dem steht im Psalm das Bild des Baums gegenüber, der seine Frucht bringt zu seiner Zeit. Das ist der Gerechte, dem „alles, was er tut, gelingt“. Aber es gelingt ihm kraft des Gerichtes Gottes, das in diesem Kontext den Charakter einer gnadenhaften Befreiung des Gerechten aus der gottlosen Bedrohung besitzt.

"Sind nicht auch jene, die die Psalter beten,
immer wieder die Gottlosen,
von denen der Psalter spricht?"
Christoph Markschies, evangelischer Theologe

„Darf man es sich so einfach machen? Sind nicht auch jene, die die Psalter beten, immer wieder die Gottlosen, von denen der Psalter spricht?“, schreibt Markschies und trägt damit von außen ein Problem an den Psalter heran, das gar nicht das des Psalmisten ist. Dass auch Gesetzesfrömmigkeit fragwürdige Formen annehmen kann, war das Thema der Reformatoren, nicht das des Psalmisten. Man kann Spaemann schlecht vorwerfen, dass er zwar in seinem Kommentar das Problem thematisiert, das der Psalmist mit dem Erfolg der Gottlosen hat, nicht aber das Problem eines evangelischen Theologen mit den Psalmen.

Außerdem gefällt es Markschies nicht, dass Spaemann, den er „vernunftgläubig“ nennt, mit seiner Philosophie auch das gedankliche Rüstzeug bereithält, um die Erkenntnisse des Psalmisten in die große philosophische und theologische Tradition seit Platon einzuordnen. Gott wäre nicht Gott, schreibt Spaemann, wenn derjenige, der recht hat, nicht auch Recht bekommt. Damit ist ein Gottesbegriff etabliert, der untrennbar mit einem emphatischen Begriff des Guten verknüpft ist, wie er erstmals von Platon philosophisch gedacht wurde. Er fügt sich zwanglos ins christliche Gottbild ein, demgemäß in Christus „die Güte und Menschenfreundlichkeit unseres Gottes und Retters“ erschien.

Für die Harmonie zwischen Christentum und Platonismus kann Spaemann nichts

Für diese Harmonie zwischen Christentum und Platonismus kann Spaemann nichts. Sie nicht als einen Glücksfall der Geschichte zu begrüßen, kann nur jemandem einfallen, der an der Harmonie zwischen Glaube und Vernunft Anstoß nimmt. Spaemanns Auslegung der Psalmen ist keine „Mixotheologiaphilosophia“ (Markschies), sondern der praktische Erweis, dass Vernunft und Glaube Gaben desselben Gottes sind. Neuerlichen Versuchen, Luther vor dem Vorwurf der Vernunftfeindschaft in Schutz zu nehmen, erweist Markschies mit seiner Polemik keinen Dienst. Spaemanns Psalmenauslegung dagegen ist der bestandene Lackmustest für die katholische These der Harmonie zwischen Glaube und Vernunft und der daraus resultierenden Möglichkeit, die großen Einsichten der griechischen Philosophie für die Theologie fruchtbar zu machen.

Die Reihe zu Robert Spaemann wird im nächsten „Credo“ fortgesetzt