Würzburg

Credo: Die Basis aller Ethik

Ethik lässt sich nicht allein aus der Ich-Perspektive begründen. Nach Robert Spaemann basiert sie vielmehr auf der Begegnung mit dem Sein des Anderen.

Spaemann und die Ethik
Für Spaemann ist das Selbst-Sein der Person das Paradigma allen Seins, die Begegnung mit diesem Selbst-Sein der Anfang aller Ethik. Foto: fotolia.de

Spaemanns „Glück und Wohlwollen“ ist der tiefschürfendste „Versuch über Ethik“, den ich kenne. Darin vertritt er die These, dass es keine Ethik ohne Metaphysik gebe. Er widerspricht damit der geläufigen Meinung, die die Ethik von der Metaphysik abkoppelt. Dabei hat er eine Metaphysik der menschlichen Person vor Augen. Für ihn ist die „Evidenz der Wirklichkeit des Anderen“ die „Basis aller Ethik“.

Kants Verdikt gegen jede Metaphysik hält sich bis heute

Kant verstand unter Metaphysik reine Vernunfterkenntnis ohne Rückgriff auf Erfahrung. Eine Metaphysik der Sitten hielt er noch für möglich, nicht aber eine Metaphysik der Natur. Diese Trennung war die Konsequenz seiner Trennung der Erscheinung vom Ding an sich und folglich der Aufspaltung des Menschen in einen Angehörigen der intelligiblen Welt, insofern er sich unter dem Anspruch des Moralischen erfährt, und der Sinnenwelt, insofern er Gegenstand der Erfahrung ist. Zwar kommt der Andere in der Zweckformel des Kategorischen Imperativs als derjenige vor, den ich niemals bloß als Mittel behandeln darf. Aber diesen Sachverhalt nimmt Kant nicht als Chance wahr, eine Interpersonalitätslehre zu entwickeln, die die genannte Trennung überwindet. Stattdessen konzipierte er die Ethik ausschließlich aus dem kategorischen Imperativ als einem Faktum der Vernunft des moralischen Akteurs, also aus der Ich-Perspektive. Die Relevanz der Wirklichkeit des Anderen bleibt bei ihm merkwürdig unbedacht.

Sein Verdikt gegen jede Metaphysik hat sich bis heute gehalten. Habermas etwa oder Nida-Rümelin entwickeln mit den Mitteln einer nachmetaphysischen Vernunft eine Ethik, die sie nicht mehr mit dem wissenschaftlichen Weltbild vermitteln können. Sie wehren zwar die Vereinnahmungsversuche des Naturalismus ab, können aber ihrerseits nicht die weltanschauungsrelevanten Erkenntnisse der Wissenschaften in die Perspektive ihres ethischen Ansatzes integrieren. So bleibt ihnen nur ein ohnmächtiges „Trotzdem“, wenn sie den in der Ich-Perspektive erfahrenen unbedingten Anspruch des Sittlichen gegen den Einspruch der Wissenschaften verteidigen wollen, die diesen Anspruch samt der Idee einer unantastbaren Personwürde als zufälliges Produkt einer im Ganzen sinnlosen Evolution zu entlarven vorgeben.

Ethik in Wirklichkeitserkenntnis verankert

Denker wie Spaemann oder auch Thomas Nagel dagegen stellen sich der Herausforderung einer Vermittlung der beiden Perspektiven und damit einer Verankerung der Ethik in einer umfassenden Wirklichkeitserkenntnis, auch wenn sie dabei verschiedene Wege einschlagen. Für Spaemann ist das Selbst-Sein der Person das Paradigma allen Seins, die Begegnung mit diesem Selbst-Sein der Anfang aller Ethik. Der unbedingte Anspruch des Sittlichen, der mich angesichts der Wirklichkeit des Anderen erreicht, ist keine Täuschung, weil der Andere als Person Repräsentation des Absoluten ist. Seine Würde ist nicht das Ergebnis einer Zuschreibung, sondern umgekehrt der unverfügbare Legitimationsgrund solcher Zuschreibung.

Die Wahrnehmung dieser Würde ist untrennbar verbunden mit dem freien Akt ihrer Anerkennung. Durch die Anerkennung wird der Andere für mich „bedeutsam durch das, was er nicht für mich, sondern an sich selbst ist“. Damit breche ich  aus der Zentralstellung aus, die ich als Lebewesen innehabe, für das alle Wirklichkeit Umwelt ist, die ich bloß unter dem Aspekt ihrer Zuträglichkeit für meine Selbsterhaltung betrachte. Diese Selbstüberschreitung zur moralischen Vernunft nennt Spaemann mit einem schönen Wort „Erwachen zur Wirklichkeit“. „Im Wachen haben wir Eine und gemeinsame Welt. Die Träumenden aber wenden sich jeder dem Eigenen zu“, lautet das Wort Heraklits, das er seinem Buch als Motto vorangestellt hat.

Die Reihe zu Robert Spaemann wird im nächsten „Credo“ fortgesetzt