Der Mütter-Retter

Semmelweis erleidet das Schicksal vieler wissenschaftlicher Pioniere: Er hat die Lösung, doch den Kollegen fehlt der Glaube. In seinem Fall ist die Ablehnung doppelt tragisch: Das Kindbettfieber grassiert weiter, der geächtete Mediziner stürzt in Depressionen.

Semmelweis
Büste in der Semmelweis-Frauenklinik in Wien-Gersthof. Foto: Peter Gugerell (Wikimedia, gemeinfrei).

Ignaz Philipp Semmelweis, am 1. Juli 1818 in Buda geboren, studierte an den Universitäten Pest und Wien Medizin und erhielt 1844 seinen Doktortitel. Als Arzt fand er heraus, wie Frauen vor dem Kindbettfieber gerettet werden können: durch Sauberkeit. Denn die Frauen erlagen im Kindbett einer Blutvergiftung, ausgelöst durch Schmutz an den Händen der Ärzte. Dass man mittels Händewaschen und dem anschließenden Desinfizieren der Hände das Leben unzähliger Mütter retten konnte, war Semmelweis schnell klar.

Semmelweis zeigte systematisch und wissenschaftlich valide, dass das häufigere Auftreten von Kindbettfieber in öffentlichen Klinken im Vergleich zur privaten Entbindungsstationen auf mangelnde Hygiene bei Ärzten und Krankenhauspersonal zurückzuführen ist. Seine Studie von 1847/48 gilt heute als erster praktischer Fall von evidenzbasierter Medizin in Österreich.

Doch statt Dankbarkeit schlug ihm Skepsis entgegen. Der junge Arzt Semmelweis wurde angefeindet und verlor seine Stelle. Zwar konnte er sich später noch in Wien habilitieren, doch nur mit Einschränkungen. Er ging dann zurück nach Ungarn und arbeitete dort als Arzt in der Geburtshilfe.

1861 fasste Semmelweis seine Erkenntnisse in der Darstellung „Die Aetiologie, der Begriff und die Prophylaxe des Kindbettfiebers“ zusammen. Auch darauf folgte vornehmlich Skepsis. Selbst Rudolf Virchow reagierte mit Befremden auf die Theorie des Kollegen.

Heute gelten seine Entdeckungen als grundlegend und Krankenhaushygiene ist eine Selbstverständlichkeit. Die Hygienevorschriften für das Personal werden immer wieder neu diskutiert und verschärft, auch und gerade vor dem Hintergrund der Probleme mit multiresistenten Keimen. Kein Arzt kommt mehr auf die Idee, eine Behandlung mit schmutzigen Händen vorzunehmen.

Semmelweis wurde, nachdem sich seine Erkenntnisse allmählich durchgesetzt hatten, als „Retter der Mütter“ bezeichnet. Er selbst wurde depressiv und am 1. August 1865 in ein Heim für Geisteskranke eingeliefert. Zwölf Tage später war er tot. Er starb an einer Blutvergiftung, die er sich bei einer seiner letzten Operationen zugezogen hatte. Ironie eines tragischen Wissenschaftlerlebens.

Was von ihm neben der großen Bedeutung der Sauberkeit bleibt, ist ein wissenschaftstheoretisches Phänomen, der so genannte „Semmelweis-Reflex“: Er beschreibt das häufig zu beobachtende Phänomen, dass eine Entdeckung, ohne sie weiter zu überprüfen oder zu durchdenken, rundweg abgelehnt wird und der Urheber dieser Entdeckung bekämpft statt unterstützt wird.

Josef Bordat