Theologie und Befreiung

Zum 90. Geburtstag von Gustavo Gutierrez

Ein Zitat des brasilianischen Bischofs Dom Helder kennt wohl auch derjenige, der sich sonst eher weniger mit Lateinamerika und der Befreiungstheologie auseinandersetzt: „Wenn ich den Armen ein Brot gebe, nennt man mich einen Heiligen. Wenn ich frage, warum die Armen kein Brot haben, nennt man mich einen Kommunisten.“

Ein Satz, der polarisiert. Hier der Heilige, dort der Kommunist. Fallbeilartig trennt das offizielle Lehramt („man“) zwischen erwünschter individualisierter Hilfe und unerwünschten, unverschämten Anfragen an Struktur und Organisation von Gesellschaft und Kirche. Es lohnt in jedem Fall ein genauer Blick.

Der Ansatz der Befreiungstheologie wurde in den 1960ern entwickelt und in dem 1971 erschienenen Buch „Teología de la liberación“ von Gustavo Gutierrez erstmals systematisch dargelegt. Heute wird der streitbare Peruaner 90 Jahre alt. Dass ihn selbst der als konservativ geltende Kardinal Gerhard Ludwig Müller wertschätzt, zeigt, dass Gutierrez ein Theologe von Weltrang ist, der nicht auf das vor fast einem halben Jahrhundert verfasste Buch reduziert werden darf.

Bleiben wir aber bei Gutierrez' Kernprojekt, der Befreiungstheologie. Deren Leitfrage lautet: „Wie können wir unter den Bedingungen der in weiten Teilen der Bevölkerung herrschenden absoluten Armut Theologie treiben?“ Antwort: „Nur, indem wir diese Bedingungen in der theologischen Reflexion berücksichtigen.“  Dabei steht im Ergebnis ein vom Evangelium her inspirierter gesellschaftspolitischer Diskurs, der Exegese und Liturgie kontextabhängig ausgestaltet.

Die Befreiungstheologie hat drei Säulen: die realpolitische Option für die Armen, die spirituelle Rede vom Reich Gottes und die Forderung nach kirchenorganisatorischen Reformen im Sinne der lateinamerikanischen Basisgemeinden (CEB). Dem korrespondieren drei Dimensionen der Befreiung: von Not, von Sünde und von „den Einflüssen äußerer Mächte“, die Menschen daran hindern, „gelebt zu haben, bevor sie sterben“.

Hinsichtlich des ersten Punktes gibt es kaum Probleme: Die Option für die Armen ist ein wichtiger Auftrag für die Kirche, nicht zuletzt bestätigt durch Papst Benedikts Eröffnungsansprache der Bischofskonferenz von Aparecida (2007), wo er die Kirche „Anwältin für Gerechtigkeit und Recht“ nannte. Dennoch gibt es auch sozial- und wirtschaftspolitische Kritik an der Befreiungstheologie, auch und gerade aus dem Geist der katholischen Soziallehre (etwa bei Joseph Höffner).

Der zweite Aspekt ist schon kontroverser. Der Versuch, das Reich Gottes durch Menschen herbeizuführen, lässt in der Tat eine gewisse Nähe zum marxschen Paradies der klassenlosen Gesellschaft erahnen, Distanzierungsversuche („Aber wir glauben eben zusätzlich an das Reich Gottes!“) sind zirkulär, weil ja gerade das Transzendenzmoment des vertrauenden Glaubens, das bei Marx – als Vertröstung („Opium“) missverstanden – fehlt, auch in einem anthropogenen „Reich Gottes“ verschwindet. Dabei lässt sich sicherlich nicht leugnen, dass die Christen in der Welt mit dem Bau des Reiches Gottes beginnen müssen, damit Gott ihn vollenden kann. Die zwischen Immanenz und Transzendenz halbwegs vermittelnde Formel lautet: Es kommt auf den Menschen an, aber es hängt nicht von ihm ab.

Der „Knackpunkt“ sind die Vorstellungen der Befreiungstheologen zur Kirchenstruktur. Während die lehramtliche Ekklesiologie davon ausgeht, dass die Struktur der Kirche gottgewollt ist, sehen die Befreiungstheologen in ihr als solche und in Gänze eine politisch motivierte „strukturelle Sünde“, denn die auf Macht zielende hierarchische Organisation begünstige die Korrumpierbarkeit und die Bereitschaft zur Kooperation mit der weltlichen Macht, auch und gerade dort, wo Kirche diese Macht in der Nachfolge Jesu kritisieren sollte; historische Beispiele gibt es reichlich, zumal in Lateinamerika.

Andererseits muss man sehen, dass die in der Person des Papstes gipfelnde hierarchische Ordnung der Kirche zumindest symbolische „Macht“ generiert, die nötig ist, um überhaupt hörbare Kritik an tatsächlichen Mächten wie China, Russland, den USA etc. üben zu können. Würde es die Stellungnahme einer Basisgemeinde zur Christenverfolgung in die Tagesschau schaffen? Wohl kaum. Spricht hingegen der Papst, so hört man hin.

Aus eigener Anschauung weiß ich um die Probleme in Peru und kann insoweit die Entstehung der Befreiungstheologie sehr gut nachvollziehen. Ob es jedoch klug ist, die beiden Aspekte, die praktische Arbeit vor Ort und die theoretische an den Universitäten, als zwei Seiten der einen Medaille, als zwei gleichberechtigte Aspekte im Kampf gegen Ungerechtigkeit und für die Befreiung der Menschen anzusehen, darf bezweifelt werden.

Zwar sind strukturelle Fragen immer mitzubedenken und auch die Kirchenstruktur enthält Aspekte, die reformbedürftig sind, doch die Kirche ist keine ausschließlich menschliche Organisation. Sie ist im Wesentlichen die Manifestation des mystischen Leibes Christi in der Welt, von Gott gewollt und von Jesus eingesetzt, mit expliziten und impliziten Auflagen hinsichtlich einer ganz bestimmten Struktur. Diese wird von der jetzigen Kirchenordnung eher getroffen als vom Modell der Basisgemeinden.

Josef Bordat