Wie Gleichheitsideen in den Terror führen

Der Totalanspruch auf den neuen Menschen – Horst Gebhard schreibt die Gewaltgeschichte der Großen Revolution. Von Urs Buhlmann
Kampf der Französischen Revolution gegen die „catholique et royale“ in der Vendée
Foto: IN | Der Kampf der Französischen Revolution gegen die „catholique et royale“ in der Vendée war besonders grausam.
Kampf der Französischen Revolution gegen die „catholique et royale“ in der Vendée
Foto: IN | Der Kampf der Französischen Revolution gegen die „catholique et royale“ in der Vendée war besonders grausam.

Ein Aspekt der Kirchengeschichte gewinnt in letzter Zeit an Bedeutung: Es erscheinen vermehrt Bücher, in denen die Verfolgungsstrategien der Gegner von Christentum und Kirche dokumentiert und analysiert werden. Stefan Meetschen behandelte vor zwei Jahren die aktuellen Übergriffe auf Glauben und Gläubige in Europa, er konnte ein vierfach aufgefächertes „Europäisches Christianophobie-Schema“ erstellen. Im letzten Jahr gelang dem Historiker Manuel Borutta mit seinem bereits als Standardwerk geltenden „Antikatholizismus“ über den Kulturkampf im Zeichen der Staatswerdung Deutschlands und Italiens ein großer Wurf, übrigens aus gänzlich säkularer Perspektive geschrieben.

Jetzt legt der Priester und Historiker Horst Gebhard unter dem griffigen Titel „Liberté, Egalité, Brutalité“ eine „Gewaltgeschichte der französischen Revolution“ vor und nähert sich damit den verborgen wie offen zu Tage liegenden Nähr- und Verbindungslinien heutiger Christenverfolgung. Mit Boruttas sorgfältig recherchiertem Werk – dies sei vorweg gesagt – kann Gebhard nicht mithalten, er schreibt mit anderem Anspruch, aus persönlicher Betroffenheit sozusagen. Anrührend berichtet er im Vorwort von seinem Vater, der als Soldat im Ersten Weltkrieg stolz darauf war, keinen französischen Soldaten getötet zu haben. Wie sein Vater zuvor habe er Frankreich lieben gelernt und sich gefragt, wie das Bild von der freien und gleichen Republik, die in den Ereignissen von 1789 geboren wurde, mit den Gräueln in Verbindung zu bringen sei, die ebenfalls Folge des revolutionären Umsturzes waren. Eine sehr nachvollziehbare Frage, die – wie Gebhard gleichfalls anmerkt – da und dort als „politisch unkorrekt“ gilt: Ein früherer Aufsatz zum Thema von ihm wurde von einem bekannten Historiker zurückgewiesen, vor allem deswegen, weil er nicht „der heutigen Sicht auf die französische Revolution entspräche“.

In kurzer und recht holzschnittartiger Weise versucht der Autor zunächst einige soziologische Grunddaten des vorrevolutionären Frankreich in Erinnerung zu rufen. Hier macht sich zum ersten Mal ein durchgängiger Mangel des Buches – das keine Fußnoten, noch ein Sach- oder Personenverzeichnis aufweist – bemerkbar.

Doch hat Horst Gebhard ohne Zweifel einiges Material zusammengetragen. Er weist zu Recht darauf hin, dass die aufklärerischen Ideen, die den gewaltsamen Umsturz vorbereiteten, zunächst von liberalen Adligen und Angehörigen des Großbürgertums aufgenommen und verbreitet wurden, also nicht gerade aus der Mitte des Volkes kamen. Die von Mozart vertonte Geschichte von „Figaros Hochzeit“, die auf Beaumarchais zurückgeht und in der der Protagonist sich weigert, seine Braut mit dem Fürsten zu teilen, spiegelt die sich verändernde gesellschaftliche Großwetterlage am Vorabend der Revolution wider. Goethe nannte die Antipathie, die der Gemahlin König Ludwigs XVI., Marie Antoinette, entgegenschlug und die in der berühmten Halsband-Affaire, an der die Königin unschuldig war, ihren Ausdruck fand, einen der auslösenden Faktoren für das kommende Unheil: „Die durch jenen Prozess entstandene Erschütterung ergriff die Grundfesten des Staates (und) vernichtete die Achtung gegen die Königin und gegen die oberen Stände überhaupt.“ Die Kirche geriet gleich nach Einberufung der Verfassungsgebenden Nationalversammlung im Juni 1789 ins Visier. Gebhard macht sich die Meinung des französischen Historikers Chaunu zu eigen, dass der freiwillige Verzicht auf den Zehnten, den die Kirchenvertreter zwei Monate später aussprachen, ein Kardinalfehler gewesen sei. Diese Forderung sei gar nicht in den sogenannten Beschwerdeheften, den Cahiers de doléance, erhoben worden. „Der Verzicht auf die Zehnten und die Kirchengüter führte zu dem Konstitutionelleneid, der das Land in Eidleister und Eidgegner spaltete, zur Dechristianisierungskampagne führte und Konterrevolutionäre begünstigte.“ Vergeblich damals die Einwände des Priesters und späteren Erzbischof von Paris Maury, der darauf hinwies, dass viele Güter laut Schenkungsurkunde einem bestimmten Stiftungszweck dienten und insofern nicht der Kirche allgemein zuzurechnen seien. Der Bischof von Autan, Talleyrand, dessen Aufstieg damals begann, widersprach und legte gleichsam die Güter des Altars auf den Altar des Vaterlandes. Dabei konnte man der katholischen Kirche im Frankreich vor der Revolution durchaus nicht vorwerfen, in Dekadenz und Nichtstun zu versinken. Im Gegenteil, es war eine Zeit großer Heiliger, eifriger Bischöfe und eines insgesamt engagiert wirkenden Seelsorgeklerus. Doch der Weg, den Talleyrand vorgezeichnet hatte, führte folgerichtig über eine durch die nun fehlende Finanzierung notwendige drastische Reduzierung von Bistümern und Pfarreien zur Wahl von Bischöfen und Pfarrern auf regionaler und lokaler Ebene – Wahlen, an denen sich auch Nicht-Katholiken und Atheisten beteiligen konnten und die gegen das Kirchenrecht waren. Die Forderung nach einem Nationalkonzil, die Aufkündigung des noch geltenden Konkordats von 1516, die Annektierung päpstlicher Territorien im Süden Frankreichs waren weitere Schritte in den Terror, der sich alsbald gegen alle oppositionellen Stimmen, insbesondere aber gegen die Kirche entfaltete.

Der seit 1790 vorgeschriebene Eid auf Staat und Gesetze, der Bischöfen und Priestern abverlangt wurde – ähnlich dem der Staatsbeamten – war der unmittelbare Auslöser für die Drangsale, denn er spaltete die Priesterschaft innerlich, aber auch Familien und ganze Dörfer. Es lässt sich geographisch nachweisen, wo die Eidverweigerer im Land stark waren, besonders im Süden, sowie im Elsass und in Lothringen. Im gleichen Jahr wurden fast alle Klöster aufgehoben und den verbleibenden Gemeinschaften die Entgegennahme von Gelübden verboten, bis auch diese als „nützlich“ angesehenen erzieherisch tätigen und caritativen Orden der Aufhebung verfielen. Viele Landstädte und Dörfer wehrten sich dagegen, weil es nun niemanden mehr gab, der sich der Armen annahm. Alle diese Maßnahmen trennten die Spreu vom Weizen und sonderten einen als „Verweigerer“, Réfractaires, bezeichneten Teil von Klerus und Ordensleuten ab. Nun bedurfte es nur noch eines Anlasses, diese offenkundigen Feinde der neuen Ordnung aus dem Weg zu schaffen. Der Tod des Königs, der nach seiner missglückten Flucht nach Varennes 1791 vorgegeben schien und dann am 21. Januar 1793 Ereignis wurde, bedeutete den Sieg der Brutalität. Zu erwähnen ist, dass Ludwig XVI., dessen Charakterbild schwankt, sich in den letzten Monaten seines Lebens in großer innerer Ruhe auf den Tod vorbereitete und als christlicher Monarch starb. Von den Royalisten wurde der würdige Tod des „Bürgers Capet“ auch sogleich mit dem Golgotha-Geschehen in Verbindung gebracht. Gebhard zitiert einen Zeitgenossen: „Bedeutet Christus nicht auch der Gesalbte? Empfing nicht mein König auch die Salbung?“ Tatsächlich ging es nicht nur um die physische Vernichtung des Bourbonen, sondern auch um die des „mystischen Körpers“ des Königtums. Nur folgerichtig, dass kurz nach der Hinrichtung Ludwigs auch die Entweihung und Vernichtung der Grablege der französischen Könige in der Kirche von Saint-Denis beschlossen und in die Tat umgesetzt wurde: Die einbalsamierten Leichname wurden aus den Gräbern geholt, die Überreste Heinrichs IV. öffentlich zur Schau gestellt (wobei der eine oder andere Knochen verschwand), bis schließlich alle Gebeine in Massengräber geworfen und mit Kalk zugeschaufelt wurden. Jetzt war ein Damm gebrochen.

Ausführlich skizziert das Buch die Zeit des „Großen Terrors“, der in ziemlich genau einem Jahr bis zum Sommer 1794 abertausende Opfer forderte und am Ende auch seine Protagonisten verschlang. Gebhard erspart uns keine Details. Das ist richtig, weil das Urteil über die Schreckensherrschaft auch heute noch nicht eindeutig ist – immer noch gibt es Verteidiger, aber auch Verfälscher des blutigen Geschehens. Die Deutung, der Terror sei von den plebejischen Unterschichten, nicht vom liberalen Bürgertum ausgegangen und die Schuld daran trage das Ancien Régime, das den Armen nicht die notwendige Bildung habe angedeihen lassen, ist, wie der Autor richtig vermerkt, abzulehnen: Es wurden weitaus mehr Bauern und Arbeiter zum Tode verurteilt als Adlige und Kleriker. Tatsächlich verfolgte Robespierre, der am Ende ja selber das Schafott besteigen musste, das wahnsinnige Projekt, die Bürger durch Gewalt zur Tugend, zur Vertu, zu führen – Terror also als Gegenstand einer philosophischen Rationalisierung. Gebhard: „Der neue Mensch wird durch den Terror neu geschaffen.“ Hier finden wir eine – besonders grausame – Traditionslinie, die von 1789 bis in die Gegenwart reicht und über die russischen Bolschewisten, die ein Kriegsschiff nach dem Schlächter Marat benannten, bis zu Pol Pot führt, der seinen Robespierre gut kannte.

Unzählige eidverweigernde Priester und Ordensleute, aber auch gläubige Laien starben unter dem Fallbeil. In den Kirchen wurden die Heiligenbilder durch Statuen des Brutus ersetzt, zeitweise der Kult eines „Höchsten Wesens“ eingeführt. Im blutigen Jahr 1793 war Marat einem Attentat der Charlotte Corday zum Opfer gefallen, er, der Sohn eines Priesters, der sich als Aufdecker angeblicher Komplotte gegen die Revolution hervorgetan und immer wieder „Köpfe“ als Rache dafür gefordert hatte. Nach seinem Tod kommt es für eine kurze Zeit zu einer schon fast Gott-ähnlichen Verehrung des Unholds. „Ich glaube an Marat, den Allmächtigen, Schöpfer der Freiheit und der Gleichheit..., hervorgegangen aus dem Herzen der Revolution“, konnte man lesen. Bei seiner Beisetzung bestattete man das Herz in einer kostbaren Urne aus dem Kronschatz und setzte es in Hymnen mit dem Herzen Jesu gleich, das noch wenige Jahre zuvor in Frankreich so große Verehrung erfahren hatte. Eine Pervertierung religiöser Formen, die aber deutlich macht, dass auch eine antireligiöse Revolte nicht auf das Vokabular und den Formenreichtum der Religion verzichten kann, an deren Stelle sie sich zu setzen sucht.

Besonders vehement wehrte sich die Bevölkerung der westlich gelegenen Landregion der Vendée gegen die staatlich angeordnete Unterdrückung des Glaubens. Hier – auch in der Bretagne – kam es zu Aufständen gegen die Zentralgewalt, die ebenso brutal geführt wie unterdrückt wurden. Die Rache der Revolution gegen die Armee „catholique et royale“ war furchtbar, ein französischer Historiker nennt sie einen „Génocide franco-francais“, eine sechsstellige Zahl von Menschen wurde getötet, ganze Landstriche bewusst vernichtet. Um Kugeln und Zeit zu sparen, brachte man Gruppen von Gefangenen auf Kähnen in die Mitte eines Flusses, um sie dort zu versenken. Gebhard zitiert den Revolutionsgeneral Franz Westermann, der dem Wohlfahrtsausschuss meldete: „Es gibt keine Vendée mehr. Sie ist unter unseren Säbeln gestorben mit ihren Frauen und Kindern. Ich habe die Befehle befolgt, die ihr mir gegeben hat. Ich habe die Kinder unter den Hufen der Pferde zermalmt, die Frauen niedergeschlachtet, damit sie keine weiteren Banditen mehr gebären können.“ Das war wörtlich zu nehmen. Wie in einer Nussschale ist der Kern des Konflikts auf einem Kirchenfenster in der Region dargestellt: Ein Soldat bedroht einen Mann mit dem Bajonett und fordert ihn auf: Rends-toi! (Ergib dich), dieser erwidert: Rends-moi mon Dieu! (Gib mir meinen Gott zurück).

In der durchaus zutreffenden Analyse von Horst Gebhard musste die Revolution antireligiös eingestellt sein, weil sie den Totalanspruch auf eine neue Zivilisation und einen neuen Menschen erhob: „Der neue Mensch, von persönlichem Reichtum befreit, von jeder persönlichen Bindung zu Gott gelöst, ist der ideale Bürger, den die Revolution schaffen will.“ Insofern war die Taktik der Ausrottung so etwas wie eine höhere Form der Pädagogik, die man einsetzen musste, um die Elemente, die sich nicht in die neue Ordnung einfügten, auszusondern – das waren die Reichen, die Priester und das fromme Volk. Ein besonders schlimmer Schlächter, Carrier, der in Nantes wütete, konnte daher gelassen schreiben: „Am Tag, an dem ich das Opfer meines Lebens gebracht habe, haben die Schreie meines Gewissens mich nicht belästigt; die Ruhe meiner Seele hat mich sicher gemacht.“ So oder ähnlich ließen sich 150 Jahre später SS-Führer vernehmen, es ist die zeitlose Sprache des Unmenschen.

Es ergeben sich viele Beobachtungen aus den Ereignissen einer Zeit, die bis zum heutigen Tag Prägekraft hat und zur Staatstradition unseres westlichen Nachbarlandes gehört, vor allem aber die, dass eine nicht auf den Gottesglauben gegründete Utopie sehr leicht, vielleicht sogar wahrscheinlich in einen blutigen Alptraum umschlagen kann. Dies gezeigt zu haben, ist das Verdienst von Horst Gebhards Arbeit, die eine weitere, wissenschaftliche Ausein-andersetzung mit dem Thema anregen sollte.

Horst Gebhard: Liberté, Egalité, Brutalité – Gewaltgeschichte der Französischen Revolution. Sankt Ulrich Verlag, Augsburg, 2011, 304 Seiten, ISBN 978- 3-86744-179-7, EUR 22,–

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