Wenn Peinlichkeit die Schuld ersetzt

Moralischer Verfall zeigt sich in kulturellen Zeichen und Moden: Ulrich Greiner weicht in „Schamverlust“ einer Diagnose des Zeitgeistes aus. Von Stefan Meetschen
"Das blinde Geschehen", Theaterszene
Foto: dpa | Scham und Schamlosigkeit lösen sich in wildem Wechsel ab: In Botho Strauß' Theaterstück „Das blinde Geschehen“.
"Das blinde Geschehen", Theaterszene
Foto: dpa | Scham und Schamlosigkeit lösen sich in wildem Wechsel ab: In Botho Strauß' Theaterstück „Das blinde Geschehen“.

Popstars wie Lady Gaga oder Rihanna, die mit obszönen Gesten und Texten Karriere machen, junge Autorinnen, deren eigene erogene Zonen als wichtigste literarische Inspirationsquelle dienen, Allerweltsmenschen, die zwischen Büro und U-Bahn mit gewagten Ausschnitten und String-Tangas die voyeuristischen Grenzlinien neu auszutesten scheinen – viel spricht dafür, dass wir in einem Zeitalter der Schamlosigkeit leben, in welchem sich der moralische Verfall eindeutig durch kulturelle Zeichen und Moden kundtut.

Vor allen durch Schriftsteller werden die Thesen gestützt

Diese Ansicht teilt bis zu einem gewissen Grad der langjährige Literatur- und Feuilleton-Chef der „Zeit“, Ulrich Greiner, der in seinem Buch „Schamverlust. Vom Wandel der Gefühlskultur“ dem neuen Hang der ungehemmten Entblößung, dem „Prozess der Entformalisierung“ nachspürt und betont: „Scham ist keine anerzogene Unart, die man sich abgewöhnen sollte, sondern die Bedingung von Moral schlechterdings.“ Wer jedoch erwartet, Greiner würde das gleichermaßen hellsichtige wie mutige Buch von Gerd-Klaus Kaltenbrunner aus dem Jahre 1984, „Ich stelle mich aus. Das Zeitalter der Schamlosigkeit“, weiterschreiben, sieht sich getäuscht.

Angelehnt an soziologische und philosophische Werke zum Verhältnis von Scham und Zivilisation, Scham und Schuld, jedoch – wie es für einen Germanisten natürlich naheliegend ist – vor allem gestützt auf literarische Werke von Dostojewski bis Thomas Mann, von Ernst Jünger und Botho Strauß bis hin zu den aktuellsten Elaboraten der Popliteratur, behandelt Greiner das Thema stärker von einer ästhetisch-historischen Perspektive aus. Ohne sich dabei auf einen eindeutig moralischen Standpunkt festzulegen. Die Kulturen wandeln sich und wir uns in ihnen, und irgendwie ist das auch gut so und in Ordnung – mit dieser harmlosen Beliebigkeits-These könnte man Greiners Werk zusammenfassen. Zwischen den Zeilen, vorsichtig angedeutet, ahnt man aber, dass Greiner, Jahrgang 1945 und offenbar geprägt durch das absterbende kulturkonservative Milieu, persönliche Vorbehalte gegenüber den neuesten Zivilisationsentwicklungen besitzt, die er allerdings nur vorsichtig andeutet, wohl aus Sorge, andernfalls könne er aus der modernen Diskurs-Gesellschaft herausrutschen.

Am deutlichsten wird dies am Ende seiner Betrachtungen über den Roman „Die Sonne Satans“ des katholischen Schriftstellers Georges Bernanos, in dem die Scham aus Greiners Sicht als das „faszinierende Angezogensein“ durch das Verbotene „radikalisiert“ wird: „Dass wir der Spielball zwischen Gott und dem Satan seien, diese manichäische Theorie dürfte den meisten von uns völlig fremd sein. Sie radikalisiert jene konservative Weltsicht, der zufolge es das Böse wirklich gibt, und zwar nicht als Folge misslungener Sozialisation, sondern als ontologisches Faktum. Der Gedanke passt nicht in unsere Zeit. Deshalb lohnt es sich, über ihn nachzudenken.“

Trotz dieses Mankos fallen Greiners Betrachtungen und Nacherzählungen insgesamt aber durchaus kurzweilig aus. Lob verdient er insbesondere dafür, dass er die Erzählung „Der unwürdige Liebhaber“ von Rudolf Borchardt ausführlich vorstellt, die dem gemeinen „Zeit“-Leser eher unbekannt sein dürfte, zumal Borchardt, wie Greiner zugesteht, „in konservativem Geist“ schrieb, was heute, wo es vor oberflächlichen Fallen der Peinlichkeit nur so wimmelt, eines der letzten echten Schuldvergehen darstellt. „Der Mensch ist aus krummem Holz geschnitzt, er bedarf zu seiner Heranbildung des Reglements und der durch die Tradition überlieferten Form.“

Was man bei Greiner jedoch vermissen kann, ist eine gewisse logische Stringenz beim Aufbau des Werkes: Mal geht es um Machtfragen und den Verlust der Contenance in den „Buddenbrooks“, dann um die Tiefläufer einer modernen Peinlichkeitsfurcht, die Greiner am TV-Auftritt der früheren Sport-Reporterin Monica Lierhaus veranschaulicht; dazwischen changiert Greiner mit Reflexionen zur Nacktheit, zum Narzissmus und zum Sündenfall. Wobei man ihm auch hier zugutehalten muss, dass er bei diesem Themen-Mix nicht nur auf arrivierte moderne Denker wie Michel Foucault, Jacques Lacan, Pierre Bordieu oder Richard Sennett Bezug nimmt, sondern auch auf ausgewiesene christliche Denker, nämlich Sören Kierkegaard, Max Scheler und Robert Spaemann zurückgreift. „Die Geburt der Freiheit bedeutet zugleich die Geburt der Scham. Beides hängt zusammen. Indem Gott ein Verbot in die Welt setzt, schafft er zugleich die Möglichkeit der Übertretung. Da Gott den Menschen als frei geschaffen hat, ist er auch frei, diese Möglichkeit zu wählen. Safranski versteht die Erzählung so, als wäre dem Menschen gar nichts anderes übrig geblieben, als vom Baum zu essen. Der Philosoph Robert Spaemann hingegen sagt, es sei ein irriger Gedanke, dass der Mensch nur durch die Übertretung des Gebotes sich als Freiheitswesen erfahre: ,Die Befolgung des Gebotes erst wäre im eigentlichen und vollen Sinne ein Akt sich vollendender Freiheit gewesen.‘“

Wer eine höhere Wahrheit kennt, wird kein Schamopfer

Greiner stimmt dieser Einsicht zu, um auf den engen Zusammenhang von Scham und Schuld zu kommen. „Aus der Entscheidung für das Böse entsteht Schuld, aus Schuld kommen Scham und Schande.“ Wie aber soll man in einem Zeitalter des Schamverlusts dem damit einhergehenden Verlust der Freiheit angemessen entgegentreten? Dieser Frage weicht Greiner in seinem 349 Seiten starken Buch virtuos aus, beispielsweise mit einem an Sigmund Fred angelehnten Exkurs über das Verhältnis von Schuld- und Schamkultur. „Die Gewissenskultur, die auf einem strikten, zumeist religiös bestimmten und verinnerlichten Kodex beruhe, ist schwach geworden, sie ist einer Anpassungskultur gewichen, die der Not schnell wechselnder Anforderungen im beschleunigten Kapitalismus genügt. Freuds oben zitierte Bemerkung, die Menschen gestatteten sich die Regelverletzung, wenn sie sicher seien, dass keine Autorität etwas davon erfahre und ihnen etwas anhaben könne, scheint heute in höherem Maß wieder zuzutreffen.“ Da ist es gut zu wissen, dass es Menschen gibt, deren Scham- und Ehrgefühle von all diesen modisch-kulturellen Gezeiten unberührt bleiben, weil sie sich einer höheren Wahrheit verpflichtet fühlen und letztlich der Schamverursacher das größere Schamopfer werden kann als der vermeintlich sich Schämende.

„Doch warum sollte ich mich schämen, wenn der Vorgang mein Innerstes gar nicht berührt? Wir wissen von christlichen Märtyrern, dass sie stolz, also unbeschämt in den Tod gegangen sind, und sicherlich trifft das ebenso zu für die Helden des Widerstands gegen Hitler oder gegen andere Gewaltherrscher. Ihr Tod war eine Schande nicht für sie selber, sondern für die, denen sie zum Opfer fielen.“

Fazit: Ein Buch mit vielen klugen Einsichten, das von der Belesenheit des Autors unangestrengt Zeugnis gibt. Ein Buch allerdings auch, das vor einem klaren moralischen Standpunkt zurückweicht und deshalb auf dem Thermometer des ethischen Lesegenusses nicht über die laue Zone hinauskommt.

Ulrich Greiner: Schamverlust. Vom Wandel der Gefühlskultur. Rowohlt Verlag 2014, 349 Seiten, ISBN 978-3-49802- 524-3, EUR 22,95

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