Schmerzensmutter in barockem Glanz

Seit Jahrhunderten zieht es die Gläubigen nach Maria Birnbaum – Patres des Deutschen Ordens betreuen die Wallfahrt

Das Flüsschen Ecknach schlängelt sich, von der Fahrstraße aus gut sichtbar, durch weite Naturwiesenflächen. An diesem Ostertag erstreckt sich über diesem ehemaligen Sumpfgebiet im Wittelsbacher Land der Himmel bayerisch weiß und blau. Gut zehn Kilometer von der Autobahnausfahrt Adelzhausen entfernt taucht hinter der Biegung auf einmal ein fast schon russisch anmutender Sakralbau auf: Es ist die älteste Kuppelkirche nördlich der Alpen, die Wallfahrtskirche Maria Birnbaum. Innen singt die Gemeinde „Christ ist erstanden von der Marter alle“. Durch das rechte Seitenfenster bahnt sich allmählich ein Sonnenstrahl den Weg diagonal auf das große prächtige Altarbild, das Christi Kreuzabnahme zeigt. Darunter fällt der Blick auf eine kleine, von einem Spot angestrahlte Pieta. Es ist das Gnadenbild, das seit Jahrhunderten die Pilger anzieht. Dieser Ort zieht aus der Stille seine Anziehungskraft. Politisch gehört die Stätte zur 1 500-Einwohner-Gemeinde Sielenbach im Landkreis Aichach-Friedberg, Regierungsbezirk Oberschwaben. Kirchlich hingegen zählt sie zum Erzbistum München und Freising, die Grenze zum Bistum Augsburg ist aber ganz nah. Den Wallfahrtsort Maria Birnbaum betreuen Priester des Deutschen Ordens.

Schon die Gründung der Wallfahrt von Maria Birnbaum geht auf den Deutschen Orden mit seiner 800-jährigen, macht- und zugleich wechselvollen Geschichte zurück, dessen einziger Wallfahrtsort diese Stätte ist. Die Geschichte von Maria Birnbaum begann während des 30-jährigen Krieges. Im Jahr 1632 wüteten dort schwedische Söldner. Sie warfen ein Andachtsbild, die Darstellung einer Pieta, ins Moos. Daraufhin fand es der Dorfhirte, der die Darstellung von Maria mit dem Leichnam Jesu sorgsam, ja ehrfürchtig, in einem hohlen Birnbaum aufstellte. Der Name des Ortes „Maria Birnbaum“ nimmt auf diese Geschichte Bezug. Mehr als zwei Jahrzehnte vergingen, bis im Jahr 1659 eine Frau in Südtirol dieses Gnadenbild im Traum sah. Der Überlieferung nach litt sie an Hysterie, ihr Sohn zugleich an einem „Leibschaden“. Nach langer Suche kam sie endlich ins Ecknachtal und fand das Bild, woraufhin sie und ihr Sohn geheilt wurden. Philipp Jakob von Kaltenthal, der damalige Komtur von Blumenthal, nahegelegene Niederlassung des Deutschen Ordens, nahm sich des Gnadenbildes an. Zwischen 1661 und 1668 ließ er die Wallfahrtskirche errichten, als ersten großen barocken Zentralbau Bayerns. Der einst mächtige und knorrige Birnbaum an der Stelle ist verschwunden. Ein Stück des Holzes ist jedoch noch immer hinter dem Altar der Kirche zu besichtigen.

Die Treue der Gläubigen in Jahren ohne Wallfahrtsseelsorger

Bis zur Säkularisierung im neunzehnten Jahrhundert betreute der Deutsche Orden die Wallfahrer. Dann wurde die Gemeinschaft vertrieben. Zwischen 1868 und 1984 übernahmen Kapuziner die Seelsorge, die sie dann aber wegen Nachwuchsmangels einstellen mussten. Zahlreiche Votivkerzen und -tafeln zeugen davon, dass viele Menschen auch in der Zwischenzeit, als weder Kapuziner noch Deutschordenspriester als Wallfahrtsseelsorger dort waren, mit ihren Nöten und Freuden zu „Unserer Lieben Frau im Birnbaum“ kamen. Im Jahr 1998, nach 191-jähriger Unterbrechung, übernahm der Deutsche Orden erneut die Kirche, und konnte so an eine jahrhundertealte Tradition anknüpfen. Die Patres nahmen gleich die damals überfällige Renovierung des Konventshauses in die Hand, errichteten, was zu einem Wallfahrtsort dazu gehört, eine Gaststätte und einen Klosterladen. Die besonders feierliche und würdige Gestaltung der Liturgie an ausgewählten Hochfesten zieht auch regelmäßig Gläubige aus München oder Augsburg an. Der Ort wurde zu einem neuen geistlichen Zentrum. Die Angehörigen der umliegenden Gemeinden waren dafür dankbar: Das Fürbittbuch, das hinten im Kirchenraum ausliegt, sowie zahlreiche Opferlichter zeigen, dass die Reihe der Trostsuchenden trotz allgemeinen Glaubensschwunds nicht abreißt.

Während Wallfahrtsseelsorger Pater Jörg Weinbach an diesem Ostermontag das Evangelium, die Geschichte von den Emmausjüngern, singend vorträgt, stehen mehr als zwanzig gestandene Männer mit blauen Mänteln und ebenso blau umhüllten Bruderschaftsstäben mit marianischen Symbolen an beiden Seiten des Altarraums. Es sind Angehörige des sogenannten Blauen Bundes. Die Mitgliedschaft ist eine Ehre, die einem nur durch Geburt in bestimmten Familien zuteil wird. Sie sind Nachfahren einst reicher Bauern, die im Jahr 1865 bei einer ersten grundlegenden Sanierung der kunsthistorisch einmaligen Kirche die Baulast trugen. Das Hauptfest des Bundes ist der Ostermontag. In seiner Predigt erinnert Pater Jörg daran, dass der Blaue Bund in früheren Jahren zum Abschluss der heiligen Messe eine Sakramentsprozession in der Kirche hielt. Diese sei seit 2005 nicht mehr möglich, da die Dachkuppel seitdem durch ein Stahlgerüst gestützt wird, das den bisherigen Weg blockiert. Nach dem Gottesdienst, im Anschluss an den eucharistischen Segen, ist an diesem Tag nur ein Auszug vom Altarraum durch die Kirchentür möglich.

Weniger Bauern, niedrigerer bäuerlicher Wohlstand

„Da wir noch keine finanziellen Zusagen haben, ist noch nicht absehbar, wann mit den notwendigen Sanierungsarbeiten begonnen werden kann“, sagt der Wallfahrtsseelsorger im Anschluss. Die Mühlen staatlicher und kirchlicher Bürokratie mahlen langsam. Stattliche 400 000 Euro an Eigenmitteln, von geschätzten Gesamtkosten von 2, 3 Millionen Euro, sind immerhin schon da. „Heute gibt es weniger Bauern und diejenigen, die wir hier noch haben, sind nicht mehr so reich wie einst.“

Bis Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts hätten die Landwirte den Kapuzinern soviel Fleisch, Getreide, Eier gebracht, dass diese damit noch die Armen und den Münchner Konvent versorgen konnten. „Die Bereitschaft zu Spenden ist aber geblieben“, bemerkt Pater Jörg Weinbach freudig. Er sei erstaunt, wie viel gerade auch Familien mit Kindern, die auch „nicht so üppige“ Einnahmen haben dürften, jährlich für die anstehende Sanierung „ihrer Kirche“ aufbrächten. „Es gibt hier eine tiefe Verbundenheit mit dem Wallfahrtsort, die über Jahrhunderte gewachsen ist“, erklärt der Pater den Erfolg seiner Sammelaktionen bescheiden. Täglich wird der Rosenkranz um 17.30 Uhr, jeden ersten Freitag im Monat um 18 Uhr der Kreuzweg gebetet, an weiteren Freitagen zur selben Zeit laden die Patres zur eucharistische Anbetung ein. Im Mai finden täglich um 18 Uhr die Maiandachten statt. Die Gottesdienstzeiten sind an Sonn- und Feiertagen um 11.15 Uhr (zusätzlich abends 20 Uhr), montags bis samstags um 11 Uhr.

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