Und nach dem Tod? "Da geht die Party richtig los" Für Harald Schmidt wird der Glaube ein Comeback erleben

Ein alter Spötter ist er schon, der frühere "Dirty Harry", der sich heute als "Conférencier" bezeichnet und als "Deutschlands geistreichster Entertainer" gilt. Aber schließlich ist er Profi-Zyniker - mit irgendwas muss man ja seine Familie ernähren. Umso bemerkenswerter ist, dass Harald Schmidt zutiefst katholisch denkt, vielleicht seit dem Papstjahr sogar noch etwas deutlicher, und das auch öffentlich sehr klar im deutschen Fernsehen - wie beispielsweise jüngst bei Reinhold Beckmann oder in der Münchner Runde - zu erkennen gibt. So eindeutig für den katholischen Glauben und die Kirche einzutreten fällt manchem "Berufskatholiken" bisweilen schwerer als dem selbsternannten "Bedarfskatholiken". In benannten Interviews ging es nämlich nicht nur um netten Kuschelkatholizismus, sondern um dogmatische Inhalte wie die Auferstehung Jesu, das Papsttum, die Beichte und beinharte existenzielle Fragen wie Tod, Gericht und ewiges Leben. Da merkte man, dass da jemand den Katholizismus mit der Muttermilch aufgesogen hat und aus seinem Glauben lebt. Seine Kindheit und Jugend verbrachte Harald Schmidt (1957 in Neu-Ulm im Bistum Augsburg geboren) mit Bruder Reinhard in der katholischen Diaspora im württembergischen Nürtingen, wo eine katholische Erziehung durch die Eltern selbstverständlich war - der Vater Verwaltungsangestellter, die Mutter Kindergärtnerin. Sein erster Berufswunsch war, katholischer Priester zu werden. In einem Gespräch mit Günter Gaus, ausgestrahlt vom Ostdeutschen Rundfunk Brandenburg und in der Ost-West-Wochenzeitung "Freitag" abgedruckt, erzählte er 2001: "Erst habe ich viel den Priester gespielt, mir ein Badetuch umgehängt und gepredigt, Oblaten als Hostien verteilt." In Nürtingen besuchte er das Hölderlin-Gymnasium, legte nebenbei die C-Prüfung an der Kirchenmusikschule Rottenburg am Neckar ab und wirkte als Organist und Chorleiter in der katholischen Gemeinde. Nach dem Abitur leistete er seinen Zivildienst in einem katholischen Pfarrbüro. Heute lebt er mit seiner Lebensgefährtin und den drei gemeinsamen Kindern im katholischen Köln. Schmidt sieht sich selbst als "verirrtes Schaf", welches von der Taufe an zum Fundament der heiligen katholischen Kirche gehört - der Basis. Ein schlichter Gläubiger und Kirchensteuerzahler, der schon im Kommunionunterricht nichts kapiert, aber immer gern in den Bildern der Kinderbibel geblättert hat" (Schmidt über Schmidt im "Focus"). Zu diesem Selbstverständnis passt offenbar keine beißende Kirchenkritik: "Im Kabarett ist ja antikatholisches Denken Pflicht, der Papst ist böse und verbietet die Pille. Ich habe festgestellt, dass man sich mit dieser Sichtweise Möglichkeiten verbaut und beschlossen, der größte Verehrer des Papstes auf Erden zu werden." Auch das kirchliche Verdikt über die Abtreibung heißt Schmidt gut: "Der Papst muss diese Meinung vertreten, weil wenn der Papst den Schwangerschaftsabbruch freigibt, gibt er eine ganz zentrale Position auf." Das "katholische Jahr 2005" ist nicht spurlos an Harald Schmidt vorübergegangen und hat seinen katholischen Bekennermut offensichtlich noch gesteigert. Als Johannes Paul II. das Zeitliche segnete, meldete sich Schmidt im "Focus" zu Wort und registrierte mit Erstaunen "die vielen attraktiven Frauen, die mit verheulten Augen vor dem Petersdom warten. Sie wollen dem Verstorbenen die letzte Ehre erweisen. Da stutzt der Teilzeitzölibatär in uns: Frauen? Papst? Ja, sollten uns Küng und Geißler belogen haben? War dieser Papst am Ende doch ein Frauenpapst? Haben die Frauen nicht mitgekriegt, was ihnen alles verboten wurde?" Dann die Wahl Ratzingers zum Papst: "Das war für mich wirklich das Ereignis des Jahres. Da bin ich wirklich fast von der Couch gefallen, als dieses Ergebnis bekannt gegeben wurde." Doch kein drewermännisches Entsetzen, sondern: Benedikt XVI. ist "genau der Richtige - zum richtigen Zeitpunkt. Was mir an ihm gefällt: er hat nichts Anbiederndes und nichts Populistisches. Er gibt ganz klar die Richtung vor." Und als Schmidt dann sieht, dass in Rom nicht, wie bei früheren Katholikentagen "Öko-Damen" das Bild prägen, sondern "attraktive Frauen", bekennt er in der "Münchner Runde": "Das war auch der Punkt, wo ich sagte: Ich muss wieder zurück in den Schoß der Mutter Kirche, aus dem ich mich ein bisschen entfernt hatte, weil diese ökologische Welt, das war nicht so ganz meines. Da muss ich sagen, da hat die Kirche auch optisch wieder schwer zugelegt." Als dann anlässlich des Weltjugendtages der Menschenfischer Benedikt XVI. mit seinem Boot auf dem Rhein unterwegs zum Kölner Dom ist, ist auch Harald Schmidt auf einem der Begleitboote dabei und schwimmt mit auf der "neuen katholischen Welle", die seit dem Tod Johannes Pauls II. und der Wahl Benedikts XVI. die Öffentlichkeit wieder für religiöse Themen geöffnet und zu einem tiefgreifenden Bewusstseinswandel geführt hat. Religion und Kirche - das ist nun plötzlich wieder das Thema der Intellektuellen - mit einem intellektuellen Papst an der Spitze. Wenn er drauf angesprochen wird, wie er's mit der Religion hält, steht Schmidt mit seiner katholischen Weltsicht nicht zurück, und das beginnt bei ihm mit einer Hochachtung gegenüber Kirche und Papst: "Sachen gegen die Kirche mache ich nicht, die mache ich prinzipiell nicht. Das ist für mich ein Zeichen von Provinzkabarett. Gegen den Papst kann jeder sein. Das ist so Gratis-Mut." Reserviertheit gegenüber dem Papstamt als solchem oder gegenüber dem derzeitigen Amtsträger kann man bei Schmidt nicht antreffen, ganz im Gegenteil: "Die Bücher von Professor Ratzinger - damals noch - sind eine wahre Fundgrube, weil der total in der Materie zuhause ist. Das liest sich toll." Auf Ratzinger sei er durch den Schriftsteller Hans Magnus Enzensberger gestoßen, der gesagt habe: "Was ich gerne lese, sind so süffige Ratzinger-Texte." Und gerade die Klarheit der Botschaft schätzt der Entertainer Schmidt: "Es wird alles erklärt, es wird auch die Gegenseite mit eingebunden, aber dann kommt ganz klar: ,Jesus hat gesagt, DU bist der Fels, auf den ich meine Kirche baue.' Deswegen kann es nur EINEN Papst geben. Er hat nicht gesagt: ,Ich fänd's jetzt ganz gut, wenn man mal darüber redet, ob einer von euch vielleicht mit dem entsprechenden Generalapostel in der Lage wäre, in diesen schwierigen Zeiten meine Kirche zu bauen.' Sondern: klarer Auftrag." Als "Bedarfskatholik", wie er sich versteht, gehe er "schon einigermaßen regelmäßig in die Kirche". Sein Verständnis von der Heiligkeit geweihter Orte ist wohltuend: "Eine Kirche ist für mich auch kein Ort, wo man einfach mal so reingeht und in kurzen Hosen rumfotografiert. Da bin ich schon aus meiner Zeit als Hilfsorganist viel zu sehr geprägt." Von den Politikern verlangt er eine ehrliche Einstellung zum Glauben und zur Kirche: "Ich finde das immer merkwürdig, wenn nach Katastrophen die Kirchen voll sind, und wenn Politiker, die beim Amtseid nicht sagen ,So wahr mir Gott helfe', dann in der ersten Reihe sitzen. Das bleibt wirklich jedem überlassen, ob er das sagt oder nicht. Nur, wenn ich mit der Kirche nichts am Hut habe, brauch ich auch nicht nach einem Erdbeben in die Kirche gehen." Aber selbst für Politiker wie für alle Menschen gelte ja: "Auch solche ruft der Herr zu sich. Das ist dann die Abteilung Zöllner. Das Schöne ist ja, die Schwachen wurden vom Herrn nicht mit dem ,Dampfstrahler' rausgespült, sondern er hat sie zu sich gerufen." Schmidt selbst geht zwar nicht zum Beichten: "Aber ich würde gerne. Ein Beichtgespräch mit einem guten Priester stelle ich mir als eine große Erleichterung vor." Der Weg dorthin ist innerlich offensichtlich geebnet: "Der Herr liebt den Reumütigen, das eine verirrte Schaf, das zurückgehört. Da bietet sozusagen die Bibel viele Stellen, an denen man sich wieder einklinken kann, auch wenn man gefehlt hat. Und so schlängle ich mich durch das katholische Leben." Der ehelose Familienvater Schmidt, der vier Kinder aus zwei Beziehungen hat, denkt mittlerweile darüber nach, seine Lebensgefährtin und Mutter von drei Kindern zu heiraten, wie er der Schweizerischen "Weltwoche" verriet. Selbstverständlich ist für ihn, dass seine Kinder getauft sind und dass er ihnen "das katholische Wertesystem vermittelt." Ein staatliches "Elterngeld" lehnt Schmidt als "Zuchtprämie" ab: "Ich möchte im Schlafzimmer nur einen katholischen Priester haben, der mir sagt, wo es lang geht, aber nicht den Staat." Jeder müsse selbst entscheiden, ob er Kinder hat. Er aber sei der Meinung: "Wer keine Kinder hat, dem entgeht was.""Ich glaube definitiv an die Auferstehung", erklärte er im Interview der "Weltwoche". Seinem Gesprächspartner nimmt er nicht so einfach ab, Atheist zu sein: "Ob Sie Atheist sind, wird sich noch zeigen. Mir hat mal ein Urologe erzählt, auf dem Sterbebett werden alle katholisch. Diese Erfahrung habe ich auch selbst gemacht, denn ich war während des Zivildienstes in einer Pfarrei beschäftigt. Da wurde der Pfarrer von so genannten Atheisten schreiend ins Krankenhaus geholt, wenn der Tumor im Endstadium war. Ich glaube, ob man Atheist ist, kann man erst auf den letzten Metern sagen." Und so drückt sich Schmidt auch nicht vor der Beschäftigung mit dem eigenen Tod, wollte gar seine eigene Trauerfeier bei SAT.1 vorwegnehmen, was er dann doch aus Rücksicht gegenüber den Mitarbeitern unterließ, denn: "Der Tod ist in unserer Gesellschaft tabuisiert. Das gilt nicht für mich." Als Katholik habe er damit kein Problem: Die meisten hätten eine Furcht, sich mit dem Tod zu beschäftigen, weil sie gerne lebten. "Auch ich lebe gerne. Aber natürlich ist es der Sinn des katholischen Glaubens: Jetzt geht die Party richtig los." Und dies sei etwas spezifisch Katholisches: "Bei den Evangelischen ist nicht diese Lebensfreude." Daher ist für Schmidt, der zwischendurch mit einer romantischen Seebestattung liebäugelte, klar, dass er "eine stinknormale katholische Beerdigung" haben möchte, keine Verbrennung: "Das auf gar keinen Fall." Und dazu gehört ein katholischer Priester: "Es wäre für mich eine Horrorvorstellung, dass bei mir am Grab kein Pfarrer spricht, sondern ein Diakon oder ein Laienprediger". Auf die Frage von Reinhold Beckmann: "Du glaubst an Jesus Christus. Du glaubst an die Auferstehung. Keine Angst, dass es ein bisschen eng wird vor dem Jüngsten Gericht für Dich?" meint Harald Schmidt in gut katholischer Gelassenheit: "Das kann ich nicht beurteilen. Da ist die Frage: wie sieht das Jüngste Gericht aus? Das ist ja ein Bereich, der außerhalb des Vorstellbaren liegt. Ich stelle mir irgendwie nur großes Licht und Posaunen vor, zwölf Posaunen - ich weiß nicht warum." Vielleicht denkt er an 1 Kor 15, 51f, 1 und Mt 24, 31. Die Zeit kirchlicher Untergangsstimmung ist für Schmidt jedenfalls definitiv vorbei: "Ich glaube einfach, dass der Glauben ein Comeback erleben wird." Autor: VON PETER C. DÜREN

Themen & Autoren

Kirche

Ein Gespräch mit dem Kölner Kardinal Rainer Woelki über den Synodalen Weg, den Ad-limina-Besuch der deutschen Bischöfe in Rom und die Kölner Hochschule für Katholische Theologie.
28.09.2022, 17 Uhr
Regina Einig Guido Horst
Die Aufgabe der Hirten. Kardinal Woelki im Gespräch mit der Tagespost. Dazu viele aktuelle Themen aus Kirche, Welt und Kultur. Eine inhaltlich gut gefüllte Ausgabe liegt vor.
28.09.2022, 16 Uhr
Meldung