Le Puy: Startpunkt des französischen Jakobswegs

Wo alles seinen Anfang nimmt – oder auch zu Ende geht: Das südostfranzösische Städtchen Le Puy ist ein beliebtes Wallfahrtsziel und zugleich Startpunkt des französischen Jakobswegs.Von Maximilian Lutz

Le Puy-en-Velay
„Escalier du ventre“ heißt die Treppe, die vom Stadtzentrum bis ins Innere der Kathedrale von Le Puy führt. Foto: KNA
Le Puy-en-Velay
„Escalier du ventre“ heißt die Treppe, die vom Stadtzentrum bis ins Innere der Kathedrale von Le Puy führt. Foto: KNA

Stille. Das ist es, was zunächst einmal auffällt, wenn man durch die engen Gässchen des historischen Zentrums geht. Nur durchbrochen vom monotonen Klackern der Schuhsohlen auf dem allgegenwärtigen Kopfsteinpflaster, das so charakteristisch ist für Le-Puy-en-Velay. Wäre er nicht schon so abgedroschen, der Begriff „verschlafenes Nest“ ließe sich perfekt verwenden, um dieses kleine Städtchen im Südosten Frankreichs zu beschreiben.

Eine Stille, wie man sie nur noch selten findet in Frankreich, das sich vor Touristen kaum retten kann. Le Puy hebt sich ab davon. Knapp 20 000 Einwohner, aber kaum eine Menschenseele auf den Straßen, an diesem verfrühten Frühlingstag im März. Schon gar nicht vor „midi“, wenn der Hunger dann doch einige Einheimische und ein paar Touristen zum Mittagessen auf die Terrassen der Bistros und Brasseries treibt. Die idealen Voraussetzungen also, um ungestört den Charme zu erkunden, den die Stadt verströmt.

Le-Puy-en-Velay ist einer der bekanntesten Marienwallfahrtsorte Frankreichs. Und Ausgangspunkt des französischen Jakobswegs. Allein schon die Lage beeindruckt: Gedrängt ist Le Puy zwischen die zahlreichen Hügel, die der Stadt ihren Namen geben: die sogenannten „puis“. So versteckt sich die Stadt erst einmal in jenem Talkessel, der durch die „puis“ entsteht. Doch schon von weitem sieht man den Mont Anis, einen Berg aus Vulkangestein, aus dem Tal herausragen. Auf ihm thront die Kathedrale, Notre-Dame-du-Puy, mitsamt dem angeschlossenen Kloster. Dahinter, auf dem 757 Meter hohen Felsen Corneille, erhebt sich ein weiteres Wahrzeichen der Stadt: die monumentale Statue Notre-Dame-de-France. Mitte des 19. Jahrhunderts errichtet, stellt die 16 Meter hohe Skulptur die Jungfrau Maria dar, auf dem Arm das Jesuskind. Aus der Ferne erinnert das Monument ein wenig an die New Yorker Freiheitsstatue. Und die Natur weiß, die Darstellung der Jungfrau gekonnt in Szene zu setzen. Wenn die Sonnenstrahlen mit zunehmenden Tagesstunden über die Hügel wandern, treffen sie schließlich auf die goldene Sternenkrone der Statue und lassen diese in hellem Glanz erstrahlen.

Wer einen ganz besonderen Ausblick auf das Städtchen und die umliegende Landschaft genießen will, kann den Fels erklimmen. Und sogar bis ins Innere der Statue vordringen. Steile Treppen führen bis ins Haupt. Die Besucher, sie steigen Maria buchstäblich zu Kopf. Ein Meer von Dächern aus roten Ziegeln erstreckt sich zu Füßen des Betrachters. Man erkennt, dass dieses Städtchen, zumindest was die Ausdehnung angeht, doch gar nicht so winzig ist. Es scheint, als seien die Häuser nur dazu da, um der Kathedrale und der alles überblickenden Marienstatue zu huldigen. So eng schmiegen sie sich an die Ausläufer des Hügels, umschließen Kathedrale und Statue. Und reichen doch nie ganz an sie heran.

Um die Mittagszeit wird es dort oben zu warm. Die Sonne brennt herab auf den „Corneille“-Felsen. Dann empfiehlt sich die Kathedrale nebenan als Zufluchtsort. Die Klostermauern bieten auf dem Weg dorthin immer wieder willkommene schattige Winkel. Notre-Dame-du-Puy ist eines der ältesten Marienheiligtümer Europas. Gebaut ist die Kathedrale aus Steinblöcken, deren Ursprünge bis in die Römerzeit zurückreichen.

Seit dem siebten Jahrhundert ist die Kathedrale der Bischofssitz des Bistums. Anfang des elften Jahrhunderts schritt der Bau voran und nahm allmählich die Form an, in der das Gotteshaus, eine „basilica minor“, bis in die heutige Zeit besteht. Als sich Pilgerfahrten zum Grab des Apostels Jakobus im spanischen Santiago de Compostela im elften und zwölften Jahrhundert immer größerer Beliebtheit erfreuten, wurde die Kathedrale in romanischem Stil ausgebaut. Und daher rührt auch die doppelte Bedeutsamkeit der Stadt für christliche Pilger: zum einen selbst als Wallfahrtsort; zum anderen als Ausgangspunkt des französischen Jakobswegs: der Via Podiensis. Anfang und Ende zugleich, hier schließt sich der Kreis.

Bereits von ganz unten, vom Zentrum des historischen Stadtkerns aus, ist die große Treppe zu sehen, die zur Kathedrale ansteigt und bis ins Innere führt. Daher der Name, „escalier du ventre“, was sich auf deutsch frei mit „Mutterschoßtreppe“ übersetzen lässt. In der Kathedrale kann man Geschichte atmen. Die Marienverehrung, sie soll zurückreichen bis ins fünfte Jahrhundert. Das zweitbeliebte Monument der Franzosen soll das sakrale Bauwerk im Jahr 2015 gewesen sein, wirbt ein Schild.

Nüchtern ist das Kircheninnere gehalten. Das einzig schmuckvolle: einige Wandgemälde, schwere Leuchter, die kleinen Buntglasfenster und ein schlichtes Kreuz aus Glas, in der Mitte vergoldet, am Altar. Und natürlich die „schwarze Madonna“, das Gnadenbild der gekrönten Jungfrau und Gottesmutter. Das Bildnis ist jedoch nicht mehr das Original. Das wurde während der Französischen Revolution zerstört. Die heutige Madonna stammt aus dem 17. Jahrhundert und wurde aus einer benachbarten Kirche in die große Kathedrale gebracht.

Doch es sind nicht nur die sakralen Monumente, die Le Puy zu einem besonderen Ausflugsziel machen. Auch die historische Altstadt mit ihren verwinkelten Gässchen sollte man sich keinesfalls entgehen lassen. Am besten besucht man sie am Nachmittag, wenn die Sonne die morgendliche Frische vertrieben hat. Zwischen Cafés, Restaurants und Modegeschäften stößt man hier immer wieder auf kleine Souvenirgeschäfte, die auch zahlreiche religiöse Andenken in den Schaufenster-Vitrinen anbieten. Darunter auch die schwarze Madonna im Miniatur-Format.

Schmal sind die Gässchen, ein wenig holprig, schief neigen sich die Häuser in sämtliche Richtungen. Ockerfarbene Türmchen, rote Dächer, blaue Fensterläden: ein wahres Farbspektakel bietet sich dem Betrachter. Und auch der Stadtkern ist von der Bindung Le Puys an den Jakobsweg geprägt: Immer wieder stößt man auf sogenannte „peintures murales“: bemaltes Mauerwerk, das Szenen von Pilgern zeigt, die auf den Jakobsweg aufbrechen.

Einen Höhepunkt erlebte die Stadt vor gut drei Jahren, am 25. März 2016. Damals fiel der Festtag der Verkündigung des Herrn mit dem Karfreitag zusammen. Dieses Ereignis gilt dort als Anlass, ein „Grand Jubilé“, also ein „großes Jubiläum“ zu feiern. Ein kurzer Aufmerksamkeitsschub für Le-Puy-en-Velay, ehe das Städtchen wieder unter den Radar des Massentourismus abtauchte.

Es wird weiterhin ein Geheimtipp für Pilger und Ruhesuchende bleiben. Denn ein „Grand Jubilé“ wird es so schnell nicht geben: das nächste Mal im Jahr 2157.