Literat des übernatürlichen Gehorsams

Gedanken, Gebete: Alexander Pschera katholisch unterwegs mit Léon Bloy. Von Stefan Meetschen
Foto: IN | Der Schriftsteller Léon Bloy.
Foto: IN | Der Schriftsteller Léon Bloy.

Heinrich Böll verehrte ihn. Ernst Jünger ebenso und auch für Papst Franziskus ist er kein Unbekannter: Der französische Schriftsteller Léon Bloy, dessen Todestag sich in diesem Jahr zum 100. Mal jährt.

Der Publizist, Übersetzer und Autor dieser Zeitung, Alexander Pschera, der vor zehn Jahren bereits mit einer anspruchsvollen Bloy-Studie für Aufsehen sorgte, hat nun passend zum Jubiläumsjahr eine Sammlung von Gedanken und Gebeten des temperamentvollen Konvertiten veröffentlicht. Zweisprachig, alphabetisch geordnet und ansprechend eingerahmt mit Illustrationen des französischen Künstlers Francois-Xavier de Boissoudy.

Wobei bereits die Spanne der alphabetischen Ordnung des 190-Seiten-Werkes, die von A (Das Absolute) bis zu Z (Die Zeit ist die Inkarnation der Ewigkeit) reicht, deutlich macht, dass die bürgerlich-wohltemperierte Variante der Nachfolge Christi Bloys Sache nicht war. Scharf und stechend sind seine Aperçus, wie die Splitter des Kreuzes, die auch keine Behaglichkeit zuließen.

„Es ist ein arges Geschäft, unter Katholiken die Wahrheit zu verteidigen, in einem Jahrhundert, in dem der Hass auf die Größe zu einer Vokabel der Weisheit geworden ist“, heißt es einmal, und an anderer Stelle: „Nur die Christen können reich sein. Sie haben die Taufe, die Buße, die Eucharistie, die Firmung, die letzte Ölung, die Ordination und die Ehe. Sie haben den Mantel der Heiligen Jungfrau und den Schutz der Heiligen. Sie haben neunzehn Jahrhunderte gesegneter Erde und den wundersamen Brunnen der Traditionen. Wenn sie das Herz Jesu durchstechen, dann überströmt sie der Fluss göttlichen Blutes, um sie zu heiligen ...“. Ferner: „Ein spekulativer Katholizismus kann mich nicht zufrieden stellen, meine Seele bedarf des Feuers einer glühenden Praxis. Denn schließlich geht es um mein ewiges Heil.“

Bloy, der mit seiner dänischen Frau Johanne Molbech ein Leben in Armut führte, kannte sich in der Tat aus mit der Realität des Glaubens, dem praktischen Koordinatensystem aus Leiden und Hunger. „Die Armut ist nichts anderes als das Antlitz Christi, das ausgebuhte Antlitz Christi, das den Fürsten der Welt in die Flucht schlägt.“ Demütiges, vorsichtiges Abwägen war Bloys Sache nicht. Er setzte die Worte als Kampfmittel der Wahrheit ein, manchmal befand er sich damit hart an der Grenze zu Stolz und Rechthaberei. „Aber es steht außer Frage, dass die Jesuiten die Exerzitien des Heiligen Ignatius schrecklich missbraucht haben, ein Buch und eine Methode, die für einige Seelen sicherlich außerordentlich hilfreich sind, aber für viele andere auch sehr gefährlich, denn aus ihnen ist die widerliche, grauenvolle, verderbliche moderne Psychologie hervorgegangen. Immer nur Selbstanalyse, ängstliche Selbstbefragung, Nabelschau! Die jesuitische Methode führt letztlich dazu, dass die Betrachtung Gottes durch Selbstbetrachtung ersetzt wird, und deswegen, glaube ich, haben wir so schrecklich wenig Heilige, was eines der untrüglichsten aktuellen Zeichen der Auszehrung des Christentums ist.“

Léon Bloy fand seinen Halt stattdessen in der geheimnisvollen Bindung an die Jungfrau Maria, die Frankreich im 19. Jahrhundert dreimal einen Besuch abstattete. „Ich habe sehr gute Gründe, zu glauben, dass die Worte von La Salette, die ich das Verbum novissimum des Heiligen Geistes nenne, in äußerster symbolischer und verhüllter Form das Geheimnis enthalten, das Luzifer zur Verzweiflung bringt.“

Schön, dass Léon Bloy („Ich bin katholisch bis in die Haarspitzen hinein“) auch die geistreichen Gedanken der Ehefrau zu würdigen wusste und diese – was bei Dichtern ja auch vorkommen kann – nicht als seine eigenen Geistesblitze einkassierte: „Jesus läuft ganz sanft über meine Seele hinweg, um meinen Schmerz nicht zu wecken. Jeanne.“

Summa summarum: Ein schönes, kraftvolles Buch, das einlädt, sich tiefer mit Léon Bloy und seinen Schriften zu beschäftigen. Vielleicht auch ein Buch, das eine Brücke schlagen kann zwischen deutschen und französischen Katholiken, die sich – wie der Meister selbst – nicht als „Fanatiker“ oder „Schwärmer“ verstehen, sondern als Glaubende, und die „völlig davon überzeugt“ sind, „dass die religiöse Wahrheit sich in der römischen Kirche findet, und sonst nirgends“.

Alexander Pschera: Unterwegs mit Leon Bloy. Gespräche, Gedanken, Gebete. Mit Illustrationen von Francois-Xavier de Boissoudy. fe-Medienverlag, 2017, 190 Seiten, ISBN 978-3-86357-

170-2, EUR 8,95

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