„Gott ist ein Promotor für die Menschenrechte“

Acht Thesen zum Zusammenhang von Religionsfreiheit, Entwicklungspolitik und Entwicklungshilfe. Von Erzbischof Ludwig Schick
Foto: KNA | Erzbischof Ludwig Schick informiert sich im Mai 2008 im Senegal bei Bauern und Händlern über die Nahrungsmittelsituation vor Ort. Hier spricht er mit dem Dorfältesten des Dorfes Palambrog.
Foto: KNA | Erzbischof Ludwig Schick informiert sich im Mai 2008 im Senegal bei Bauern und Händlern über die Nahrungsmittelsituation vor Ort. Hier spricht er mit dem Dorfältesten des Dorfes Palambrog.

1Die drei Begriffe Religionsfreiheit, Entwicklungspolitik und Entwicklungshilfe müssen sowohl als eigenständige Themen und Aufgaben als auch in ihrem Zusammenhang gesehen werden. Sie haben große Bedeutung für das Gesamtziel: „Entwicklung zu einer globalen Menschheitsfamilie in Gerechtigkeit und Friede“, um das es auch der Kirche gehen muss, weil es mit der Reich-Gottes-Botschaft Jesu verknüpft ist. Das Reich Gottes beginnt auf Erden und wird im Himmel vollendet. Die Kirche muss sich für Religionsfreiheit, Entwicklungspolitik und Entwicklungshilfe interessieren und daran teilnehmen, insoweit es um die Grundrechte der menschlichen Person geht und um innerhalb der Grenzen einer Nation und im Verhältnis zwischen den Völkern Gerechtigkeit und Liebe zu entfalten, schreibt das Zweite Vatikanische Konzil (vgl. Gaudium et Spes, Nr. 76).

2Ohne die Achtung der Religionsfreiheit kann es keine Entwicklung einer gerechten und friedvollen Menschheitsfamilie geben. Religion gehört zum Wesen des Menschen dazu. Der Mensch kann nur gerecht und friedlich leben und wirken, wenn er auch seine Religion praktizieren kann. Man kann auch nur von Menschheitsfamilie sprechen, wenn jeder in ihr seine Grundrechte wahrnehmen kann.

Die Religionsfreiheit ist ein wichtiger Teil der Menschenrechte. Papst Benedikt XVI. hat zum Weltfriedenstag am 1. Januar 2011 die Religionsfreiheit als eine Art „Lakmustest“ für die Achtung aller weiteren Menschenrechte bezeichnet. Die Menschenrechte sind wesentlich für den Aufbau einer globalen, gerechten, humanen Menschheitsfamilie. Ohne die Beachtung der Religionsfreiheit gibt es sie nicht.

3Die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte, die bereits 1948 erlassen wurde, nennen in Artikel 18 die Religionsfreiheit. Trotzdem wird seit vielen Jahren der Religionsfreiheit nicht der Wert zugemessen, der ihr zukommt. Wenn wir heute Christenverfolgung, vor allem in asiatischen und afrikanischen Staaten feststellen müssen, ist das auch eine Folge der Vergangenheit. So werden zwar zum Beispiel in der Europäischen Union, der „Zentralafrikanischen Wirtschafts- und Währungsgemeinschaft“ (CEMAC) und in bilateralen Beziehungen zwischen einzelnen Staaten zwar der Presse- und Versammlungsfreiheit, der freien Berufswahl und anderen Grundrechten große Beachtung geschenkt, die Religionsfreiheit spielte dagegen kaum eine Rolle. Das rächt sich jetzt. Die entwickelten Länder des Nordens hätten seit Jahren diesbezüglich mehr Aufmerksamkeit für die Staaten im Süden haben müssen. Nicht beachtete, bewusst oder unbewusst tolerierte Verstöße gegen die Religionsfreiheit brechen jetzt geballt auf, vor allem in einigen Entwicklungsländern. Religion und Religionsfreiheit müssen im internationalen Dialog zum Dauerthema werden.

4Die Entwicklungspolitik, die nicht identisch ist mit Entwicklungshilfe, muss ein Auge darauf haben, dass in den Staaten die Religionsfreiheit voll und ganz gewährleistet wird. Dazu gehört vor allem auch die Freiheit, „seine Religion oder seine Weltanschauung zu wechseln, sowie die Freiheit, seine Religion oder seine Weltanschauung allein oder in Gemeinschaft mit anderen öffentlich oder privat durch Lehre, Ausübung, Gottesdienst und Kulthandlungen zu bekennen“ (Artikel 18 der Menschenrechtserklärung von 1948). Im Rahmen der Entwicklungspolitik, das heißt bei Staatsbesuchen, internationalen Konferenzen et cetera muss die Religionsfreiheit öfters und immer wieder thematisiert werden. Wäre dies in den vergangenen Jahrzehnten geschehen, stünde es heute um die Religionsfreiheit, vor allem der Christen, besser.

5Warum werden derzeit vor allem Christen verfolgt? In der Wiege des Christentums, das heißt in Europa, findet seit Jahren eine starke Säkularisierung statt. Man hat hier die Religion verdrängt. Deshalb hatte man auch für die Religionen in Afrika und Asien kaum einen Blick. Einige dortige Regierungen und andere Verantwortungsträger haben in ihren Ländern die „stärkere Religion“, vor allem den Islam in Nordafrika, aber auch den Hinduismus in Indien direkt oder indirekt gefördert. Mancherorts wurde sogar die Nation mit einer Religion identifiziert. Das sind wichtige Gründe dafür, dass besonders die Christen und auch andere Religionen dort bedrängt und verfolgt werden.

Ein weiterer Grund ist die Stärkung des Islamismus weltweit. Dabei muss aber klar zwischen Islam und Islamismus unterschieden werden. Auch die soziale Ungerechtigkeit in einigen Staaten ist Anlass für Christenverfolgungen.

6Die Entwicklungshilfe ist ein kompliziertes Unternehmen, das selbst Experten als „Dschungel“ bezeichnen. In Deutschland wird das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) im Jahr 2011 genau 6,219 Milliarden Euro zur Verfügung haben. Das meiste Geld davon fließt als Budgethilfe in die Länder, das heißt sie bekommen eine bestimmte Geldzuweisung, mit der sie dann Entwicklung fördern können. Diese Budgethilfe muss besser kontrolliert und an die Einhaltung der Menschenrechte einschließlich Religionsfreiheit geknüpft werden, denn sonst kann sie indirekt sogar zum Instrument für die Missachtung der Religionsfreiheit werden.

Auf der anderen Seite ist aber Entwicklungshilfe auch eine Möglichkeit, die Religionsfreiheit und alle Menschenrechte zu fördern. Es ist bekannt, dass weniger Armut und mehr Bildung, mehr Rechtsstaatlichkeit und die Stärkung der Zivilgesellschaft ein Mehr an Menschenrechten und damit auch an Religionsfreiheit bewirkt. Wenn Staaten die Religionsfreiheit nicht hinreichend gewährleisten, sollte deshalb nicht einfach die Entwicklungshilfe gestoppt werden. Budgethilfen könnten zum Beispiel an die Nichtregierungsorganisationen, vor allem die Kirche, umgeleitet werden, die mit ihren Armutsbekämpfungs-, Bildungs- und Gesundheitsinitiativen in den Entwicklungsländern Religionsfreiheit und Menschenrechte fördern.

7Entwicklungspolitik und Entwicklungshilfe benötigen mehr Ethik und Moral, ohne die sie nicht funktionieren können. Derzeit fließt zu viel Geld in dunkle Kanäle in den Entwicklungsländern, weil zu wenig ethische Kompetenz und Verantwortung der Empfänger vorhanden ist. Es wird aber auch Geld verschwendet, weil Verantwortliche der Geberländer, vor allem auch vor Ort in den Entwicklungsländern, nicht genügend Verantwortung zeigen. Gelder der Entwicklungshilfe sollten an ethische und moralische Standards geknüpft werden.

8Entwicklungspolitik und Entwicklungshilfe sind komplexe Vorgänge, die auch immer wieder Rückschläge erfahren. Es ist wichtig, den religiösen Horizont einzubringen. Dieser kann Hoffnung geben und die Entwicklungshilfe in den rechten globalen, ja sogar transzendentalen Horizont stellen. Der Glaube an den einen und einzigen Gott und Vater aller Menschen ist ein Promotor für die Menschenrechte und für die Entwicklung der gesamten Menschheitsfamilie.

Der Autor ist Erzbischof des Erzbistums Bamberg und unter anderem Vorsitzender der Kommission X „Weltkirche“ der Deutschen Bischofskonferenz.

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