Die entlastete Kirche

Entweltlichung: Papst Benedikt XVI. hat das Stichwort zum Konzilsjubiläum gegeben. Von Regina Einig
Papst Benedikt XVI. im Freiburger Konzerthaus.
Foto: dpa | Papst Benedikt XVI. im Freiburger Konzerthaus.

Den einen ist es ein Ärgernis, den anderen das Wort des Kirchenjahres 2011: Während seines Deutschlandbesuchs forderte Papst Benedikt XVI. in Freiburg die Katholiken zur Entweltlichung auf, um weltoffener zu werden. Vereinfacht formuliert, lautet die päpstliche Zielvorgabe: mehr missionarischen Schwung und Dienstbereitschaft, weniger institutionelle Machtansprüche. Das stellt kirchliche Denkgewohnheiten nördlich der Alpen auf den Prüfstand.

Denn die Verweltlichung der Kirche äußert sich hierzulande nicht allein in Pfründen, sondern auch in verweigerten Kurskorrekturen um des persönlichen Machterhaltes willen. Das Selbstverständnis mancher Amtsträger und Laienfunktionäre ähnelt dem von Berufspolitikern. Suchen die einen das Heil in selbst zurechtgeschneiderten Strukturreformen, spannen die anderen einen Rettungsschirm nach dem anderen auf. Macht auszuüben oder zu erhalten um jeden Preis wiegt in diesem Vabanquespiel schwerer als das Morgen. In Katholischen Akademien und auf Parlamentarierrängen hat sich die Mentalität der Gesinnungsgenossen verblüffend angeglichen: Der Hang zur negativen Selektion verbindet Führungsriegen, in denen Loyalität mehr zählt als Leistung und nonchalant ignoriert wird, was nicht ins Konzept passt – Stichwort Maastricht und unpopuläre apostolische Schreiben.

Am weitesten reicht der Konsens der verweltlichten Kirche mit der säkularen Gesellschaft in ihrer Entschlossenheit, schmerzhaften Therapien aus dem Weg zu gehen. Dazu fehlt das Verantwortungsgefühl gegenüber Dritten. Beide kennen im Grunde keine wirklich relevante Instanz außer sich selbst und der veröffentlichten Meinung. Solange der Glaube an einen göttlichen, Rechenschaft fordernden Richter auch unter praktizierenden Christen dahinsiecht, werden bequeme Wege stets attraktiver bleiben als die Opferbereitschaft für künftige Generationen. Deren Hypotheken bestehen neben den Schuldenbergen sanierungsbedürftiger Volkswirtschaften in geistlich ausgezehrten Ortskirchen. Schon Johannes Paul II. hatte dem christlichen Abendland den Auftrag zur Neuevangelisierung ins Stammbuch geschrieben. Sowenig den europäischen Schuldenstaaten durch Inflationierung via Geldpolitik zu helfen ist, so aussichtslos sind Versuche, der Glaubenskrise nördlich der Alpen allein durch Strukturreformen beizukommen.

Im Freiburger Konzerthaus hat Benedikt XVI. den Christen in Deutschland den Spiegel vorgehalten. In der Geschichte erkennt der Papst die Helferin einer Kirche, die sich teilweise selbst im Weg steht, aber dringend gebraucht wird. Die politische Entwicklung bestätigt das. Wenn sich heute bürgerliche Sicherheiten in Luft aufzulösen scheinen erschüttert das viele Zeitgenossen nicht minder als der Zusammenbruch feudalistischer Strukturen einst die Ständegesellschaft.

Getäuscht worden zu sein ist eine spontane Reaktion vieler Menschen auf die politische und wirtschaftliche Krise. Platzt die Wohlstandsblase, bemächtigt sich ihrer ein fragiles Lebensgefühl. Im günstigsten Fall wächst eine neue Sensibilität für die Wahrheitsfrage. Gefragt ist dann eine weltoffene Kirche mit Missionseifer.

Seit Jahren ist klar, dass Kirchenträume und Strukturreformen dem sklerotischen Patienten Ortskirche in Deutschland nicht auf die Beine helfen. Wo Gemeinschaften und Pfarreien die lebensnotwendigen Abwehrkörper gegen die Krankheitskeime der Verweltlichung zu bilden vermögen, spielen die heißgeliebten Reizthemen keine Rolle. Nicht ein einziges Mal nahm Benedikt XVI. in Deutschland das Wort „Dialogprozess“ in den Mund. Im Freiburger Konzerthaus sprach er dagegen von der missionarischen Pflicht der Kirche. Diese Pflicht liege über der christlichen Anbetung und sollte ihre Struktur bestimmen, so der Papst. Eine redlich um Entweltlichung ringende Kirche könnte als Konsequenz der Freiburger Rede darum beschließen: eucharistische Anbetung in den Pfarreien statt Dialogprozess. In der Kunst, sich etwas vorzumachen, hat es das kirchliche Establishment in Deutschland allerdings zu solcher Vollkommenheit gebracht, dass man sich nicht scheut, den Papstbesuch als Folie des bundesweiten Dialogprozesses zu deuten. Hierzu bedarf es einer Verbissenheit, wie sie derzeit wohl nur im deutschen Gremienkatholizismus anzutreffen ist.

Um die öffentliche Wirkung kirchlicher Entscheidungsträger glaubwürdig von der von Politikern und Bankern abzugrenzen, wäre das Prinzip Verantwortung gefragt. Eine signifikante Schwäche der katholischen Kirche in Deutschland zeigt sich in ihrem ambivalenten Verhältnis zu den Medien. Legen Journalisten den Finger in die Wunde, erregen sie in Kirchenkreisen Wehgeschrei. Verhalten sich Journalisten still, duckt man sich weg. Darum ist das Vorprogramm der Freiburger Jugendvesper ein bis heute nicht aufgearbeitetes Kapitel des Papstbesuchs geblieben. Viele Jugendliche empfanden das Abstimmen über kirchliche Reizthemen als peinliches Spektakel. Auf die öffentliche Brüskierung folgte jedoch keine öffentliche Korrektur. Ist der bei einem Papstbesuch bisher singuläre Vorgang nur ein Fauxpas harmloser Pfuscher? Enttäuschte Eltern und Jugendliche hätten sich in Freiburg Besseres gewünscht. Sie werden wohl vergeblich auf Klarstellungen warten. Nichts ist in verbürgerlichten Kirchenkreisen unpopulärer als die Frage nach Konsequenzen, auch bei Bischöfen, die gelernt haben, Harmoniebedürfnis und persönliche Druckempfindlichkeit als Maßstäbe kirchlichen Handelns anzuerkennen.

Der Papst hat seinen Landsleuten in Freiburg eine Brücke in das Jahr 2012 und zum Konzilsjubiläum gebaut. In der Nachfolge des armen und leidenden Christus hebt die Konstitution Lumen gentium hervor, dass die Kirche nicht gegründet ist, um irdische Herrlichkeit zu suchen, sondern um Demut und Selbstverleugnung durch ihr Beispiel auszubreiten. In einer weltoffeneren Kirche darf es also mehr Raum für das Thema Erlösungsbedürftigkeit geben.

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