Der Papst aus dem Krisenland

Gegen Armut, Menschenhandel und Korruption: Franziskus weiß, wovon er spricht – In Argentinien sind seine Priester in den Slums aktiv. Von Marcela Vélez-Plickert
Foto: Reuters | Ein Foto von 1998, das den Papst, damals noch Erzbischof, zusammen mit Pater José Maria Di Paola (rechts), bekannt als „Padre Pepe“, in einem der Slums von Buenos Aires zeigt.
Foto: Reuters | Ein Foto von 1998, das den Papst, damals noch Erzbischof, zusammen mit Pater José Maria Di Paola (rechts), bekannt als „Padre Pepe“, in einem der Slums von Buenos Aires zeigt.

Es ist Freitag und Padre José Maria Di Paola steht mitten im Slum De La Carcova in Buenos Aires. Immer wieder grüßt er vorbeigehende Menschen. „Wie geht es Ihren Kindern?“ „Gott segne Sie!“, sagt er, während er mit der „Tagespost“ telefoniert. Für die Erwachsenen wie für die Kinder heißt er einfach Padre Pepe. Er ist einer von 22 Priestern, die nicht nur einer Gemeinde als Pfarrer dienen, sondern auch in den großen Zentren der Armut der argentinischen Hauptstadt leben. „1997, als ich anfing, waren wir acht bis neun Priester, jetzt sind es mehr als doppelt so viele. Dank Bergoglio, denn als er Bischof war, hat er entschieden, die Zahl der Priester in den großen Pfarreien zu reduzieren, um mehr Priester in den Slums arbeiten zu lassen“, erklärt Padre Pepe. Der 50-Jährige ist als „Slum-Priester“ national bekannt.

Wie die ganze argentinische Kirche ist er besorgt darüber, wie stark die Armut seit der Jahrtausendwende zugenommen hat. In De La Carcova, einer früheren Mülldeponie, leben 20 000 Menschen. Argentinien zählte einmal zu den zehn reichsten Ländern der Welt – diese goldene Zeit ist lange vorbei. Der Papst „muss seine Arme öffnen, um alle Menschen Gottes zu beschützen, und mit zärtlicher Liebe die ganze Menschheit umarmen, vor allem die Ärmsten, die Schwächsten, die Unbedeutendsten“. Diese klaren und starken Worte hat Papst Franziskus in seiner ersten Predigt nach der Wahl gesagt. Wenn Papst Franziskus über Armut redet, weiß er, wovon er spricht. Argentinien ist in der Welt bei manchen für sein Rindfleisch oder die Fußballer berühmt. Aber es ist auch ein Land, in dem von 40 Millionen Einwohnern etwa elf Millionen als arm gelten. Viele haben nicht genug zu essen oder keine trockene Wohnung. „Es ist wahr, dass der Papst die Armut genau kennt“, sagte Padre Pepe. „Es ist jetzt schon oft gesagt worden, aber es ist wahr, und es ist eine großartige Geschichte für mich.“ Oft sei Bergoglio zu den Geistlichen in die Slums gekommen, ohne Anmeldung oder Vorwarnung. „Einfach um Mate zu trinken und mit uns zu sein, mit den Leuten in den Villas“, erzählt Padre Pepe. „Das ist der Unterschied, Sie müssen mit den Leuten leben, um ihre Probleme zu verstehen. Die Regierung ist nie in die Villas gegangen“, so der Pater, der von Erzbischof Bergoglio als Leiter der Mission in den Elendsvierteln eingesetzt wurde. Der Ausdruck „Villa“ ist eine ironische Verkürzung von „Villas Miserias“, den Elendsquartieren. Argentinien ist – wie viele lateinamerikanische Länder – ein Land der Gegensätze und Paradoxa. Es ist von der Natur reich ausgestattet, hat Bodenschätze und gutes Weideland, gleichzeitig aber gibt es hohe Armut, Ungleichheit, Korruption und politische Führer, die mehr in den Kampf gegen die kritische Presse und ihre politischen Gegner investieren, als dass sie nachhaltige Wirtschaftspolitik entwickeln. „Die Regierung sagt, dass alles gut geht, dass die Wirtschaft wächst, dass es keine Inflation gibt und dass die Preise unter Kontrolle sind, aber das stimmt nicht“, kritisiert Enza Tedesco, eine italienischstämmige Journalistin und Übersetzerin, die seit vier Jahren in Buenos Aires lebt. Wegen der immer stärkeren Geldentwertung, die die Einkommen auffrisst, nimmt der Unmut in der Bevölkerung stark zu. Vergangenen Herbst gab es erstmals seit der Schuldenkrise vor zwölf Jahren wieder Massenproteste und sogar einen Generalstreik. Hausfrauen schlugen auf Kochtöpfe, um ihrem Ärger Luft zu machen. Die stets elegant gekleidete Staatspräsidentin Cristina Fernández de Kirchner, die seit 2007 als Nachfolgerin ihres Mannes Néstor Kirchner das Land regiert, leugnet die wirtschaftlichen Probleme und versucht, sie zu verschleiern. Das Statistikamt steht unter Aufsicht von oben, um gefälligere Daten über die Wirtschaft zu liefern. Nach der offiziellen Statistik liegt die Inflationsrate bei neun Prozent. Private Wirtschaftsexperten und internationale Organisationen wie der IWF schätzen, dass die Inflation inzwischen 25 bis 30 Prozent erreicht hat. Dass die Regierung die rapide Geldentwertung leugnet, hat den Grund, dass an dieser Schlüsselgröße auch die Armutsstatistik hängt. Nach offizieller Lesart gibt es im Land nämlich nur zwei Millionen Menschen unterhalb der Armutsgrenze. Grund dafür seien die Preiskontrollen und öffentlichen Sozialleistungen.

Ein oberflächlicher Betrachter kann das sogar glauben. Touristen laufen durch Buenos Aires und bewundern die schöne Stadt mit ihren eindrucksvollen Prachtstraßen und einer französisch anmutenden Architektur aus dem 19. Jahrhundert. Dies sind die Spuren einer glorreichen Vergangenheit, als die argentinische Hauptstadt als „Paris Lateinamerikas“ galt. Zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts war Argentinien eine der stärksten und effizientesten Exportnationen der Welt, die vor allem landwirtschaftliche Güter ausführte und vom damaligen Freihandelssystem profitierte. In der Zwischenkriegszeit kamen immer mehr protektionistische Tendenzen auf. Mit der Weltwirtschaftskrise 1929 änderte auch Argentinien seine Wirtschaftspolitik radikal und versuchte, mit Zollschranken Importe herauszuhalten und eine eigene Industrie aufzubauen. Dieser Versuch eines „Importe substituierenden Wachstums“ hat viele Ressourcen gekostet und wenig gebracht. Die Nachkriegszeit war von politischer Instabilität und populistischen Führern geprägt, besonders der linksnationalistischen Regierung von Juan Perón, sowie in den späten siebziger Jahren einer der blutigsten Diktaturen der Region unter General Videla.

Seit den sechziger Jahren bildeten sich in den großen Städten die Villas Miserias. Heute gibt es abseits der reizvollen Straßen der Innenstadt von Buenos Aires herum mindestens 18 Elendsviertel, wo mehr 230 000 Menschen, etwa sieben Prozent der Stadtbevölkerung, leben. Die Slums sind wie Labyrinthe, mit engen Gassen ohne Asphalt, wo ganze Familien in winzigen Häusern leben, die sie meist selbst gebaut haben. Manche sind nur 20 Quadratmeter groß. Drogenhandel, Menschenhandel, Prostitution und Gewaltkriminalität gibt es in diesen Elendsvierteln. Manche gelten als so gefährlich, dass weder Polizei noch Notärzte hineingehen – eigentlich eine Bankrotterklärung des Staates. Es gibt keine allgemein akzeptierte Statistik, aber einige Studien von Universitäten schätzen, dass die Bevölkerung in den Slums in den vergangenen zehn Jahren im ganzen Land um mehr als 50 Prozent und in Buenos Aires um etwa ein Viertel angewachsen ist. Neue Familien, darunter auch arme Zuwanderer aus Bolivien und Paraguay oder aus den nördlichen Landesteilen Argentiniens kommen in die Slums. Wenn sie Glück haben, finden sie einen freien Platz, um sich eine kleine Hütte zu bauen, meist aus Steinen oder Beton, Holzabfällen und Wellblech. Andere ziehen in bestehende Häuser ein. Fast alle haben kein fließendes Wasser, kein WC und keinen Strom. Was der Papst in den Slums an täglichem Elend gesehen und von seinen Priestern gehört hat, klingt in seinen Predigten durch. Am Palmsonntag sprach er in Rom über Armut, Menschenhandel und Korruption. In Buenos Aires hielt er eine jährliche Messe gegen Sklaverei ab. „Wo ist Dein Sklavenbruder, den Du täglich in den Ausbeuterbetrieben tötest, im Prostitutionsring, in den Ranchadas (Kinderbanden), die Ihr zum Betteln, zum Drogenhandel oder zur Prostitution benutzt?“, klagte Bergoglio vergangenen September. „In dieser Stadt (Buenos Aires) ist der Menschenhandel, dieses fürchterliche Verbrechen, fest etabliert.“ Es sind Klagen, die tief ins Herz schneiden.

Als wären die Arbeitslosigkeit und der Hunger nicht schlimm genug, hat das Drogenelend die Villas fest im Griff. Die Rauschgifthändler benutzen Kinder als Kuriere und Verkäufer. Tausende Kinder und Jugendliche sind drogenabhängig, viele nehmen „Paco“, eine hochgradig süchtig machende, billige Droge, die aus Kokainpaste hergestellt wird. Padre Pepe und seine Mitbrüder versuchen, die Kinder von den Drogen fernzuhalten. Dabei kommen sie mit den Banden in Konflikt. 2010 erhielt Padre Pepe Morddrohungen und musste in den Norden des Landes flüchten. „Ich habe mich entschieden zurückzukommen und hier weiterzumachen. Ich arbeite in den Villas, ich lebe hier“, sagt er. Das Leben in Buenos Aires ist nicht nur für die Unterschicht schwierig, auch die Mittelschicht kämpft. Sie hat Arbeit und ein Einkommen, das aber immer weniger wert ist. In der Schuldenkrise 2001, die nach Jahren exzessiver Staatsausgaben zuschlug, verloren viele Menschen ihr Erspartes. Der Staat konnte Schuldtitel über umgerechnet 132 Milliarden Euro nicht mehr bedienen, Bankkonten wurden eingefroren. Es folgten soziale Unruhen und ein politischer Zusammenbruch. In das Vakuum stieß der linksnationalistische Populist Néstor Kirchner, ein Peronist, der von 2003 bis 2007 regierte. Während dieser Zeit gab es, vor allem dank der stark steigenden Weltmarktpreise für Soja und Weizen, Argentiniens wichtigsten Exportprodukten, einen Wirtschaftsaufschwung.

Die höheren Einnahmen verführten die Regierung aber auch zu exzessiven Ausgabensteigerungen. Zugleich verstaatlichten die Kirchners immer mehr große Unternehmen und verschreckten damit ausländische Investoren, jüngst den spanischen Ölkonzern Repsol. Um die Inflation einzudämmen, die sie durch Gelddrucken auslöst, hat die Regierung Preiskontrollen für Lebensmittel und Energieprodukte eingesetzt. Zudem gibt sie umgerechnet etwa zehn Milliarden Euro Subventionen für Benzin und Transport an die Bevölkerung – doch damit steigt das Haushaltsdefizit weiter.

Inzwischen ist das Wirtschaftswachstum fast zum Stillstand gekommen. Lag es in den Jahren des Agrarbooms noch bei neun Prozent jährlich, ist es auf bloß noch 2,6 Prozent – kaum mehr als der Bevölkerungszuwachs – gesunken. Nach ihrer Wiederwahl im Oktober 2011 rief Cristina Kirchner zu einem „Fine Tuning“ der Wirtschaft auf, doch hat sich seitdem die Lage drastisch verschlechtert. Gehaltssteigerungen um 20 Prozent werden von der Inflation mehr als aufgefressen. Wie prekär die Lage ist, zeigt der Verfall der Währung. Die Dollarreserven der Regierung sind fast aufgebraucht, für die Bürger und Unternehmer gelten strikte Devisen- und Kapitalverkehrskontrollen. Auslandsreisen können sich selbst Mittelklassefamilien kaum noch leisten. Vor gut einer Woche hat der inoffizielle Wechselkurs abermals abgewertet. Das wird die Inflation der Importpreise nochmals antreiben. Die Regierung reagiert mit weiteren Preiskontrollen und Importrestriktionen – die Folge davon ist eine zunehmende Knappheit für viele Güter. Große und kleine Geschäfte warten wochenlang auf Lieferungen. „Es ist nicht so, dass wir nichts kaufen können, aber manchmal fehlen einfach Dinge, vor allem Importwaren, selbst lokale Produkte wie Linsen“, sagt Enza, die Journalistin. Padre Pepe erwartet, dass mit der Papst-Wahl die Aufmerksamkeit für die Armen in Argentinien steigen wird. Es gibt schon deutlich mehr Spenden, berichtet er. Auch die Gottesdienste sind wieder viel stärker besucht. Die Staatspräsidentin Cristina Kirchner, die anfangs kühl reagierte, schwärmt nun öffentlich über Franziskus. „Der Papst hat etwas sehr Wichtiges bewirkt“; sagt Padre Pepe: „Die Armen ins Zentrum gerückt.“

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