„Dem allmächtigen Gott seinen rechtmäßigen Platz einräumen“

Der Dialog mit dem Islam gehört zu den Kernstücken des gegenwärtigen Pontifikats

Blickt man in das reiche theologische Werk Joseph Ratzingers, so spielt darin die Beschäftigung mit dem Islam – ganz anders als mit dem Judentum – keine explizite Rolle. Am fünften Jahrestag seines Pontifikats lässt sich aber gut erkennen, dass der christlich-islamische Dialog zu den großen Themen dieses Papstes gehört, ja mehr noch, dass Benedikt XVI. hier innovativ ist, indem er mutig und originell den Weg seines Vorgängers weiterführt. Diese neue Themensetzung entspringt keiner akademischen Laune, sondern der Überzeugung des Papstes, dass dieser Dialog notwendig und im weltpolitischen Kontext zu einer Überlebensfrage der Menschheit geworden ist. So sagte er bei seiner ersten Auslandsreise in der Begegnung mit Vertretern muslimischer Gemeinden am Rande des Kölner Weltjugendtags 2005: „Der interreligiöse und interkulturelle Dialog zwischen Christen und Muslimen darf nicht auf eine Saisonentscheidung reduziert werden. Tatsächlich ist er eine vitale Notwendigkeit, von der zum großen Teil unsere Zukunft abhängt.“ Auf den Tag genau 20 Jahre zuvor, am 20. August 1985, als die Weltpolitik den Islam noch für keine relevante Kraft hielt, hatte Papst Johannes Paul II. in Marokko der muslimischen Jugend zugerufen: „Der Dialog zwischen Christen und Muslimen ist heute nötiger denn je. Er ergibt sich aus unserer Treue zu Gott und setzt voraus, dass wir Gott durch den Glauben zu erkennen wissen und ihn in Wort und Tat in einer immer mehr säkularisierten und oft sogar atheistischen Welt bezeugen.“

Streitet nur auf die anständigste Weise

Sehen sich christliche und muslimische Gott-Gläubige heute tatsächlich gemeinsam einer „immer mehr säkularisierten“ Welt gegenüber? Identifizieren sie sich mit dem die Religionsgrenzen überschreitenden „wir“, das Benedikt XVI. bei seinem Besuch in der Staatsmoschee von Jordanien in Amman im Mai 2009 formulierte, als er ausdrücklich über Christen und Muslime sagte: „Als an den einen Gott Glaubende wissen wir, dass die menschliche Vernunft selbst Gabe Gottes ist und dass sie zu ihrem höchsten Niveau aufsteigt, wenn sie in das Licht der göttlichen Wahrheit getaucht ist.“ Fällt es den Christen – zumindest jenen im Westen – nicht leichter, sich mit der „immer mehr säkularisierten und oft sogar atheistischen Welt“ zu identifizieren?

In seiner viel zitierten, aber wenig verstandenen „Regensburger Vorlesung“ kritisierte Papst Benedikt XVI. die Taubheit des Säkularismus: „Eine Vernunft, die dem Göttlichen gegenüber taub ist und Religion in den Bereich der Subkulturen abdrängt, ist unfähig zum Dialog der Kulturen.“ Hier bekannte sich der Papst nicht nur „zum wirklichen Dialog der Kulturen und Religionen, dessen wir so dringend bedürfen“, sondern bezeichnete die Situation der Sprachlosigkeit zwischen einem säkularisierten Okzident und einem tief religiösen Orient auch als Zustand, der „für die Menschheit gefährlich“ ist. Der Papst verficht also nicht die These des Bassam Tibi, dass ein säkularisierter „Euro-Islam“ mit unserem bereits säkularisierten Euro-Christentum wohlig in Koexistenz leben könnte, sondern gerade umgekehrt: Erst die Anerkennung des einen Gottes und die ehrliche Suche nach seinem Willen ermöglicht den Dialog der Kulturen.

Hier baut der Papst auf einer Analyse auf, die er als Theologe erstmals 1964 vorgelegt hatte: Damals unterschied Joseph Ratzinger drei Formen des religionsgeschichtlichen Ausbruchs aus dem Mythos, nämlich die Mystik, die monotheistische Revolution und die Aufklärung. Die „monotheistische Revolution“ wird nicht durch den Mystiker, sondern durch den Propheten verkörpert, insbesondere durch Abraham, auf den sich Juden, Christen und Muslime berufen. „Für ihn ist gerade nicht die Identität, sondern das Gegenüberstehen des rufenden und befehlenden Gottes entscheidend.“ Diese „Revolution“, die den Mythos zerbrach und die Götter stürzte, habe sich „zugetragen in Israel und von der Wurzel Israels her im Christentum und im Islam“, so Ratzinger. Eben darin sieht der heutige Papst die Basis des Gemeinsamen im christlich-islamischen Dialog: im Bekenntnis zu dem einen Gott, der dem Menschen seinen Willen offenbart und zu dem sich der Mensch dankend und betend wenden kann. Weil die Einheit der Menschheit in der Einzigkeit des Schöpfergottes ihren Grund hat, darum kann auch jedes menschliche Streben nach Einheit nicht von Gott absehen, sondern muss mit dem Blick auf ihn beginnen.

Dass der Papst damit nicht nur theologisch, sondern interessanterweise auch politisch recht hat, zeigt die derzeitige Weltlage: Die Säkularisierung genannte Verdrängung der Religion aus dem öffentlichen Raum blieb ein rein europäisches Phänomen, das andere Kontinente nicht mitmachen. Nur in Europa wird Religion mit Rückständigkeit, wird umgekehrt Säkularismus mit Fortschritt und Moderne identifiziert. Seine anti-religiöse Fortschrittsillusion hat Europa in die Welt zu exportieren versucht: früher durch Nationalismus und Kommunismus, heute durch den kapitalistischen Liberalismus. Die islamische Welt aber fühlt sich von diesem Export bedroht: militärisch, politisch, ökonomisch, kulturell und religiös. Der islamische Fundamentalismus war und ist zunächst eine Reaktion auf dieses Gefühl der heidnischen Bedrohung. Seine Grundthese lautet: Die Zukunft der islamischen Länder ist nicht im Nationalismus, im Sozialismus oder im Kapitalismus zu suchen, also nicht in der Angleichung an den Westen, sondern im Islam als religiösem und zugleich gesellschaftlichem Modell.

Es ist also nicht primär das Christsein der Christen, das gläubige Muslime abstößt und am Westen entsetzt, sondern der in Moral und Politik, in Alltag und Öffentlichkeit wahrnehmbare Glaubensverlust, der Rückfall hinter die „monotheistische Revolution“, die Vergötzung etwa der Nation, der Ideologie, des Geldes, der Macht, des Eros. Dank Internet und Satelliten-Fernsehen können gläubige Muslime in aller Welt heute die Errungenschaften des westlichen Liberalismus sehen, die sie dank Globalisierung zu spüren bekommen. Einige fühlen sich davon angezogen, viele andere angeekelt und abgestoßen.

Die „Schriftbesitzer“ oder „Angehörigen des Buches“, also Juden und Christen, sind im Koran grundsätzlich von Polytheisten und Gottlosen unterschieden. Muhammad beansprucht, dieselbe Offenbarung, an die auch Juden und Christen glauben, zum Abschluss zu bringen. Er behauptet in der Tradition der Propheten Adam, Noah, Abraham, Mose, Elia, Johannes und Jesus zu stehen. Deshalb heißt es in Sure 29,47: „Mit den Schriftbesitzern streitet nur auf die anständigste Weise, nur die Frevler unter ihnen seien ausgenommen, und sagt: Wir glauben an das, was uns, und an das, was euch offenbart worden ist. Gott, unser Gott und euer Gott, ist nur einer, und wir sind Ihm ganz ergeben.“

In diesen Streit „auf die anständigste Weise“ ist Papst Benedikt XVI. eingetreten. Er beruft sich dabei nicht nur auf Papst Johannes Paul II. und auf das Zweite Vatikanische Konzil, das in „Lumen gentium“ (Nr.16) und „Nostra aetate“ (Nr.3) positiv auf den Islam Bezug nahm. Bei seinem Besuch im Diyanet (dem türkischen Amt für Religionsangelegenheiten) in Ankara berief sich der Papst am 28. November 2006 auf seinen Vorgänger Papst Gregor VII., der im Jahr 1076 „an einen muslimischen Prinzen aus Nordafrika“ (gemeint ist der Emir von Mauretanien) schrieb, „der gegenüber den unter seine Jurisdiktion gestellten Christen mit großem Wohlwollen gehandelt hatte“. Wörtlich sagte der Papst: „Papst Gregor VII. sprach von der besonderen Liebe, die Christen und Muslime einander schulden“, und zitierte dann aus dem Schreiben Gregors: „Wir glauben und bekennen den einen Gott, wenn auch auf verschiedene Weise, jeden Tag loben und verehren wir ihn als Schöpfer der Jahrhunderte und Herrscher dieser Welt“.

Als religiöse Männer und Frauen herausgefordert

Tatsächlich ist dieser gemeinsame Glaube an den allmächtigen und ewigen Gott, den Schöpfer und Richter aller Menschen die Basis für einen ehrlichen christlich-muslimischen Dialog. Doch funktioniert dieser nur dann, wenn nicht nur die Christen von dieser Gemeinsamkeit überzeugt sind. Leider wurde auf muslimischer Seite oft nicht verstanden, dass der christliche Trinitätsglaube nicht im Widerspruch zum Monotheismus steht. Das Geheimnis der Dreifaltigkeit des einen und einzigen Gottes wurde von Muhammad sowohl missverstanden als auch zu einer Verfälschung der Lehre Jesu erklärt. Die Christen hätten Jesus gegen dessen Anspruch und Willen zu einem Gott und Maria zur Göttin erklärt, behauptet der Koran: „Ihr Schriftbesitzer, überschreitet nicht die Grenzen eurer Religion und sagt nichts anderes von Gott, als was wahr ist. Wahrlich, der Messias Jesus, der Sohn Marias, ist ein Gesandter Gottes, und das Wort, das Er Maria niedersandte, eine Erfüllung Gottes und Sein Geist. Glaubt daher an Gott und Seinen Gesandten, sagt aber nichts von einer Dreiheit. Vermeidet das, und es wird besser um euch stehen. Es gibt nur einen einzigen Gott. Fern von Ihm, dass Er einen Sohn habe.“ (Sure 4,172)

So eint Christen und Muslime ihre Theozentrik, doch trennt sie das Bekenntnis zu Christus als „wahrer Gott und wahrer Mensch“. Die beklagenswerte Christenverfolgung in vielen islamisch dominierten Ländern hat darin ihre „religiöse“ Begründung: Wo Christen des Tri-theismus und damit des Verrats an der Lehre der Propheten und des Unglaubens bezichtigt werden, droht Diskriminierung und Verfolgung. Angesichts dessen stellen sich dem Papst – und jedem Christen, der in den Dialog mit Muslimen eintritt – mehrere Herausforderungen: Er muss die Gemeinsamkeiten zeigen und beweisen, dass Christen und Muslime sich als Gottgläubige begegnen können, darf aber das Unterscheidende nicht verschweigen; er muss volle und umfassende Religionsfreiheit einfordern und die gemeinsame Weltverantwortung von Christen und Muslimen konkret machen. All dies hat Benedikt XVI. vielfach, insbesondere aber 2006 in der Türkei und 2009 in Jordanien getan. Mehr noch: Er hat durch den Besuch der „Sultan Ahmet Moschee“ in Istanbul und der „Al-Hussein Bin-Talal Moschee“ in Amman seine Wertschätzung für den Glauben der Muslime gezeigt.

Mit seinem stillen, in sich gekehrten Gebet in der prächtigsten Moschee von Istanbul ist Benedikt XVI. über die Zeichenhandlung von Johannes Paul II., der als erster Papst eine Moschee besuchte, hinausgegangen. Johannes Paul II. hatte bei seinem Syrien-Besuch in der Omajjaden-Moschee von Damaskus gebetet, doch geschah dies am Schrein Johannes des Täufers, der von Christen wie Muslimen als Prophet verehrt wird. Mit seinem Gebet in der „Sultan Ahmet Moschee“ aber hat Benedikt XVI. persönlich vorgezeigt, was er in Amman später in Worte kleidete, nämlich dass der Papst Moscheen als Stätten des Gebetes und der Gottesverehrung anerkennt: „Stätten des Kultes, wie diese prachtvolle, nach dem verehrten letzten König benannte Al-Hussein-Bin-Talal-Moschee, erheben sich wie Juwelen über den ganzen Erdkreis. Die alten wie die modernen Stätten, die herrlichen wie die einfachen, sie alle verweisen auf das Göttliche, auf den Einen Transzendenten, auf den Allmächtigen. Und Jahrhunderte hindurch haben diese Heiligtümer Menschen zu ihren heiligen Orten angezogen, damit sie dort verweilen, beten, sich der Gegenwart des Allmächtigen bewusst werden und erkennen, dass wir alle seine Geschöpfe sind.“

Zweieinhalb Jahre zuvor hatte Benedikt XVI. in Ankara die gemeinsame Herausforderung beschrieben: „Christen und Muslime verweisen, indem sie ihrer jeweiligen Religion folgen, auf die Wahrheit der Heiligkeit und der Würde der Person. Das ist die Grundlage für die Zusammenarbeit im Dienst des Friedens zwischen den Nationen und den Völkern, der innigste Wunsch aller Gläubigen und aller Menschen guten Willens.“ Im Gegensatz zum ökumenischen Dialog zielt der interreligiöse Dialog nicht auf Einheit, sondern auf wechselseitigen Respekt und die gemeinsame Wahrnehmung der Weltverantwortung. So forderte Benedikt XVI. in Ankara: „Als religiöse Männer und Frauen sind wir herausgefordert durch den weit verbreiteten Wunsch nach Gerechtigkeit, Entwicklung, Solidarität, Freiheit, Sicherheit, Frieden, Verteidigung des Lebens, Schutz der Umwelt und der Ressourcen der Erde.“

Unterschiede respektieren, Gemeinsamkeiten erkennen

Indem der Papst im „wir“ fortfuhr, erinnerte er an den „besonderen Beitrag“ der Gottgläubigen zur Gestaltung der Gesellschaft und bei der Beantwortung der Fragen nach Sinn und Zweck des Lebens: „Wir sind zur Zusammenarbeit aufgerufen, um der Gesellschaft dabei zu helfen, sich dem Transzendenten zu öffnen und dem allmächtigen Gott seinen rechtmäßigen Platz einzuräumen. Der beste Weg führt über einen authentischen Dialog zwischen Christen und Muslimen, der auf der Wahrheit gründet und durch den ehrlichen Wunsch geleitet ist, einander besser kennenzulernen, unsere Unterschiede zu respektieren und unsere Gemeinsamkeiten zu erkennen.“

Als sei es nicht genug, diese Gemeinsamkeiten zu betonen, zeigte der Papst bei seiner Ansprache in der Staatsmoschee Jordaniens auch, wie die Gottgläubigen sich durch die Ungläubigen herausgefordert fühlen können: „Angesichts dieser Situation, in der die Gegner der Religion nicht nur danach trachten, ihre Stimme zum Schweigen zu bringen, sondern sie durch ihre eigene zu ersetzen, verspürt man umso brennender den Bedarf an Gläubigen, die ihren Prinzipien und Überzeugungen genau entsprechen. Gerade wegen der Bürde ihrer gemeinsamen Geschichte, die so oft von Missverständnis gekennzeichnet war, müssen Muslime und Christen bestrebt sein, als Gläubige erkannt und anerkannt zu werden, die treu beten, die bemüht sind, die Gebote des Allmächtigen zu halten und ihnen gemäß zu leben, die barmherzig und mitfühlend sind, die konsequent alles Wahre und Gute bezeugen, die stets den gemeinsamen Ursprung und die Würde aller Menschen bedenken, die der Höhepunkt des göttlichen Schöpfungsplans für die Welt und die Geschichte bleiben.“

Auch wenn Christen und Muslime unterschiedliche Auffassungen davon haben, in welcher Weise Religion einen Anspruch an Staat und Gesellschaft stellt, sind sie sich grundsätzlich darin einig, dass der Glaube sich niemals mit einem Reservat des Privatraums begnügen kann. Der sich offenbarende Gott sucht die Herzen der Menschen. Deshalb gehört Mission unaufgebbar zum Wesen des Christentums wie des Islam. Der Gläubige will seinen Glauben öffentlich leben und bezeugen, will Menschen zu Gott führen. Der Rückzug ins Ghetto oder in die Katakombe mag zeitweise aus Angst und Gefahr unvermeidbar sein, wird aber nie ein Ideal gottgläubiger Menschen sein können.

Themen & Autoren

Kirche