Ankerplatz der Hölle

Warlam Schalamows Schreckensprosa aus dem Vernichtungsreich Stalins. Von Ulrich Schacht
Foto: IN | Wachturm am Grenzzaun eines sowjetischen Straflagers.
Foto: IN | Wachturm am Grenzzaun eines sowjetischen Straflagers.

Die europäische Literatur des 20. Jahrhunderts verfügt über eine Kategorie von Prosa, die ihren Stoff und ihre Figuren einer Wirklichkeit entnimmt, in der der Tod, der sie beherrscht, nicht in der Fratze tradierter Mythen und Gestalten die Szene betritt, sondern in den sauberen Uniformen von Soldaten und Offizieren jener politischen Armeen des Klassen- und Rassenfortschritts einer totalitären Moderne, wie sie sich in den Schreckensnamen ihrer Führer Stalin und Hitler verdichtet und symbolisiert hat.

Zuletzt wurden wir aufmerksam auf diese Literatur im Jahre 2002, als der ungarische Schriftsteller Imre Kertész für seinen „Roman eines Schicksallosen“ den Literaturnobelpreis erhielt. In ihm erzählt er die Geschichte eines Budapester Jungen jüdischer Herkunft, der 1944 nach Auschwitz deportiert wird, die Höllentour durch die mörderische Lagerwelt des NS-Regimes, die ihn bis nach Buchenwald führt, am Ende aber überlebt. Was an Kertész' Roman so produktiv verstört, ist die scheinbar naive Sicht auf die apokalyptische Szenerie, die die Sicht eines heranwachsenden jugendlichen Häftlings in der untergehenden Rassendiktur ist. Sie rekonstruiert das Verbrechen und seine Alltäglichkeit. Bewiesen wird, was lange als voraufklärerisch denunziert wurde: Dass die These von der tiefen Verwurzelung des Menschen im Bösen keine repressive Metapher ist, der nur die Umstände abhanden kommen müssen, um nicht wirklich zu werden, sondern eine realitätsgesättigte Charakterisierung, die, wenn es darauf ankommt, unter allen Umständen ihre handfeste Entfaltungsmöglichkeiten findet.

Vergleichbares gilt für die Kaltnadel-Prosa des russischen Schriftstellers Warlam Schalamow, dessen umfangreiches literarisches und essayistisches Werk über seinen fast zwei Jahrzehnte währenden Aufenthalt im sowjetischen Vernichtungslager-System „Gulag“ seit 2007 im Berliner Verlag Matthes & Seitz in einer auf sechs Bände geplanten hochverdienstvollen Werkausgabe für die deutschen Leser ediert wird. Schalamow, der 1907 als Sohn eines orthodoxen Geistlichen im russischen Wologda geboren wurde, geriet bereits mit zweiundzwanzig Jahren als Jurastudent in die bolschewistische Terrormaschinerie. 1931 entlassen, wird er 1937, im blutigsten Jahr der stalinschen Säuberungsexzesse, erneut verhaftet und kommt erst 1953 bedingt frei. 1956, mit Beginn der Tauwetterperiode unter Chruschtschow, kehrt er schließlich nach Moskau zurück, wo er 1982 als Autor nur weniger veröffentlichter Gedichtbände stirbt. Alexander Solschenizyn, der Literaturnobelpreisträger des Jahres 1970, den er für seinen paradigmatischen Lager-Roman „Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch“ erhielt, hat dem Werk Schalamows höchsten Respekt gezollt, auch wenn der so Gepriesene literarisch einen ganz anderen, später sogar kritischen Gegen-Weg zum ihn Preisenden ging und die Schrecken von Stalins Lagerwelt radikal abweichend vom pädagogisch intendierten Erzählduktus des Nobelpreisträgers Sprachgestalt annehmen ließ: zutiefst nüchtern, lakonisch, ja geradezu protokollarisch, von jeder Gegen-Ideologie frei, und sei es die einer Humanität der reinen Verzweiflung.

Der harte, illusionslose Erkenntnis-Kern der Schalamowschen Prosa, der sich in variationibus noch aus jedem Text des Dichters herauspräparieren lässt, lautet vielmehr: „Das von der Kette gelassene wilde Tier, das sich in der menschlichen Seele verbirgt, sucht die gierige Befriedigung seines ewigen menschlichen Wesens im Schlagen, im Morden.“ („Das Thermometer der Grischka Lagon“, Band 4.) Geschichten bei Schalamow, wie „Die Juristenverschwörung“ im ersten Band der Werkausgabe „Durch den Schnee“, beginnen so: „In Schmeljows Brigade wurde die menschliche Schlacke geschaufelt – die Humanabfälle der Goldminen.“ Oder sie enden wie in der Erzählung „Das Aorten-Aneurysma“ aus dem zweiten Band „Linkes Ufer“ über eine Häftlingsliebe mit dem Todes-Dialog zwischen einem Gefangenen und einem Häftlingsarzt über eine sterbenskranke Lagerinsassin: „,Bringen Sie sie in die Aufnahme‘, verfügte der diensthabende Arzt, ,Besser gleich ins Leichenhaus‘, sagte Saizew.“ Diese scheinzynische Lakonik kommt dem, der sich in dieser Kategorie von Literatur auch nur ein wenig auskennt, wie ein Lektüre-Déja-vu vor, und es ist auch eines: Schalamows Geschichten aus den Todeslagern Stalins und Berijas erinnern an die Schreckensgeschichten aus der Vernichtungslagerwelt Himmlers und Hitlers, wie wir sie schon vor langem (Piper 1963) in den Erzählungen des polnischen Autors Tadeusz Borowski lesen konnten.

Was beide Erfahrungswelten hinter diesen Erzählungen aus dem eigentlich Unerzählbaren zutiefst verbindet, ist nicht nur der Alptraum-Stoff, sondern der fotografische Blick auf die strukturelle Unbarmherzigkeit politischer Massenmordsysteme, die ihre Todesmaschinerien nicht nur mit dem Öl ideologischer Rationalität antreiben, sie finden auch den Menschen dazu, der diese Maschinerie ohne Skrupel bedient. In Schalamows Geschichte „Lida“ wird die absolute Automatik des Prozesses zur reinen Prosaformel: „Die Hetzjagd des Jahres siebenunddreißig hatte Krist ins Gefängnis gebracht, für eine neue, längere Haftzeit, und als auch diese Haftzeit abgebüßt war, bekam er eine weitere – noch längere. Doch bis zur Erschießung fehlten noch einige Stufen, einige Stufen auf dieser schrecklichen, beweglichen lebendigen Leiter, die den Menschen mit dem Staat verband.“ Dem sicheren Tod entkommt dieser Krist durch die Manipulation einer Gefangenen: Sie lässt als Schreibkraft der Lagerbürokratie aus den Entlassungspapieren von Krist einen Buchstaben aus einem Kürzel verschwinden, das ihn zum sicheren Tod im Lager verurteilt hätte. Seine Kameraden sehen in dieser Wendung ein Zeichen für eine erwartete „Milderung des Regimes“ oder „Gottes Willen“. Krist selbst, der das Mädchen Lida um die Manipulation gebeten hatte, sagt ihr dennoch zum Abschied „kein einziges Wort des Dankes. Und sie erwartete das auch nicht: Für so etwas – bedankte man sich nicht. Dank – ist nicht das richtige Wort. Liebe, wird man wohl sagen müssen, hat hier ein Menschenleben gerettet.“ Ob reine Nächsten- oder verborgene erotische Liebe, darüber schweigt Schalamows Geschichte sich aus. Alles ist möglich in der abgründigen Wirklichkeit dieses Textes. Aber dass Liebe möglich ist in dieser Wirklichkeit, das zeigt in nuce die Niederlage des Bösen am Ort seines Triumphes. Schalamow macht daraus keine sentimentale Botschaft; eine befreiende Wahrheit bleibt dennoch im Raum. Nie dominieren Momente der alles beherrschende Macht des Grauens, wie wir das in analoger Weise auch aus Berichten und Erzählungen über die Erfahrungen in den nationalsozialistischen Konzentrationslagern kennen. In der aktuellen russischen Aufarbeitungsliteratur wissenschaftlichen Charakters wird deshalb von der Lagerwelt der Kolyma als von einem „Auschwitz ohne Öfen“ gesprochen. Wer Schalamow gelesen hat, hat begriffen, dass das keine unzulässige Analogie ist, sondern eine bitter notwendige.

Warlam Schalamow: Die Auferweckung der Lärche. Erzählungen aus Kolyma 4, Matthes & Seitz , Berlin 2011, 664 Seiten, ISBN 978-388221-502-1, EUR 29,90

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