Wissen ist der Schlüssel zum Überleben

175 Jahre Arme Schulschwestern: Ein international agierender Schulorden, der sich nicht nur um die Bildung höherer Töchter sorgt

Die Bronzeskulptur neben der Eingangspforte zum Mutterhaus der Armen Schulschwestern am Münchner St.-Jakobs-Platz zeigt ein Schiff mit Reisenden: Unverkennbar dominiert die Figur der seligen Maria Theresia von Jesu Gerhardinger, am Schiffsrand ist der Name „Washington“ eingraviert. Die Darstellung zeigt die erste Überfahrt von sechs Armen Schulschwestern in die Vereinigten Staaten im Jahr 1847. Eine stürmische und lange Fahrt zugleich: Fünf Wochen segelte die Washington durch den Atlantik, fast doppelt so lang wie üblich. „Alle Werke Gottes gehen langsam und leidvoll vor sich“, so die überlieferten Worte der Ordensgründerin, „dann aber stehen sie desto fester und blühen desto herrlicher auf.“ Wie kaum ein zweites Ereignis steht das Bild von der Überfahrt symbolisch sowohl für das Leben der Mutter Theresia als auch für die Geschichte und Gegenwart ihrer Kongregation.

Das offensichtlich Notwendige im Blick

In den stürmischen Zeiten der kirchenfeindlichen napoleonischen Ära fand die erst Zwölfjährige 1809 zu ihrem Beruf als Volksschullehrerin. Die Regierung hatte das Kloster im oberpfälzischen Stadtamhof, heute ein Stadtbezirk von Regensburg, aufgehoben und die Schwestern, die dort Mädchen aus der Umgebung unterrichteten, vertrieben. Dompfarrer Georg Michael Wittmann aber war fest entschlossen, den Schulbetrieb so gut es nur ging aufrecht zu erhalten. Er wählte die noch sehr junge, aber hochbegabte Karolina Gerhardinger, wie sie mit bürgerlichem Namen hieß, sowie zwei weitere ehemalige Klosterschülerinnen aus, um sie als Lehrerinnen auszubilden. „Karolina war von diesem Vorschlag nicht gerade begeistert. Sie hatte sich darauf gefreut, mit ihrem Vater noch viele Schiffsreisen unternehmen und ihrer Mutter weiter im Haushalt helfen zu können“, schreibt einer ihrer zahlreichen Biographen, Christian Feldmann.

Ihre Kongregation hat heute noch mit ihrer Arbeit das offensichtlich Notwendige im Blick. „Ein Gespür der Dringlichkeit und ein Aufruf zum Handeln liegen in der Luft.“ Mit diesen Worten begannen die Schwestern Cathy Arata und Schwester Ann Scholz ihre „Reflexion über den kongregationsweiten Aufruf“ vor dem 22. Generalkapitel des Ordens im vergangenen Oktober. Schwester Ann Scholz ist Leiterin einer Vertretung der Armen Schulschwestern bei den Vereinten Nationen, wo diese seit 1998 beim Wirtschafts- und Sozialrat (ECOSOC) Beraterstatus haben.

Als Spezialisten für Mädchenerziehung bringen sie sich in dessen Kommissionen ein, zu denen sie auch schon Schülerinnen mitgenommen haben. Von der Präsenz bei den Vereinten Nationen erhalten sie aber auch Impulse für ihren Auftrag, die über das weltweite Ordensnetzwerk Shalom verbreitet werden: International propagierte Anliegen wie Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung berücksichtigen die Schwestern in ihrer Arbeit sowie in ihrer Lebensführung, aber nach eigenen Wertvorstellungen.

Beim vergangenen Generalkapitel gab es einen besonderen Anlass, über die aktuelle Sendung nachzudenken: Die Armen Schulschwestern begehen in diesem Oktober das 175. Jubiläum ihrer Gründung. Die Stürme der Zeit sehen die Schwestern heute etwa im Mangel an Nahrung, sauberem Trinkwasser und Schulbildung für beträchtliche Teile der Weltbevölkerung sowie in der dauerhaften Schädigung unseres Lebensraumes. Gerade als Schulorden fühlen sich die Schwestern zur Solidarität aufgerufen.

In Erziehung und Bildung erkennen die Schwestern ihren „Anteil am weltweiten Bemühen, extreme Armut auszurotten und Kindern zur vollen Entfaltung ihrer Gaben zu verhelfen“ sowie einen Weg, Krankheiten durch Wissen über gesunde Lebensweise und Vorsorge zu bekämpfen, oder auch die Schöpfung zu bewahren. „Die Errichtung eines kleinen Biotops auf dem Schulgelände haben wir als Facharbeit im Bio-Leistungskurs anerkannt. Eine Pumpe, von Sonnenkollektoren angetrieben, versorgte es mit Sauerstoff. Auch haben wir etwa mit der Untersuchung von Hecken, deren Fauna und Flora, sowie deren Wirkung auf die umgebenden Felder, schon ökologische Themen aufgegriffen“, berichtet Schwester Johanna Schröckseis aus der Unterrichtspraxis.

Nicht nur hochintelligent, sondern auch zutiefst fromm

Aber nicht nur die aktive Arbeit in der Welt bestimmt das Charisma des Ordens: Die Gründerin Karolina Gerhardinger war nicht nur hochintelligent, sondern tieffromm. Auf einer gefahrvollen Donaufahrt Richtung Wien zeigte sich das Gottvertrauen der damals 13-Jährigen gegenüber verängstigten Mitreisenden: Als diese mitten in einem Strudel erschraken, beruhigte sie die Reisegäste mit dem Appell, auf ihren Vater am Steuer ebenso zu vertrauen wie auf den gemeinsamen Vater im Himmel. Die Eucharistie war ihr zeitlebens Quelle für ihre Ausdauer. Nachdem sie schon einige Jahre lang Lehrerin war, fasste sie den Entschluss, sich Gott ganz zu weihen und gewann auch ihre Kolleginnen für die Christusnachfolge im Schuldienst. In Neunburg vorm Wald gelang ihnen nach zähem Ringen schließlich 1833 die Klosterneugründung. Noch heute, nach 175 Jahren, bekennen sich die Armen Schulschwestern zur Eucharistie als Mitte ihrer Spiritualität. „Die Sehnsucht, unsere kontemplative Lebensweise zu vertiefen, führte zu mehr Gebet und Glaubensaustausch sowie zu größerer Wertschätzung eucharistischer Anbetung“, heißt es in einem Bericht der Schwestern aus Gesamteuropa.

Beim Aufbau ihres Ordens erfuhr Mutter Theresia immer wieder Rückschläge, sogar noch in den letzten Lebensjahren, als der Sturm des Bismarck'schen Kulturkampfes ihr stark entgegenblies. Jedoch war die internationale Ausdehnung ihrer klösterlichen Gemeinschaft mit immer mehr Beitritten nicht aufzuhalten. Der Bedarf an Bildung für junge Mädchen, die nicht zu den höheren Töchtern zählten, war groß. Im Jahr 1843 war die stetig wachsende Klostergemeinschaft nach München in ein neues Mutterhaus umgezogen, das zur ersten Lehrerinnenbildungsanstalt Bayerns und schließlich zur Keimzelle eines weltweit agierenden Schulordens werden sollte. Um deutsche Auswandererkinder in der Neuen Welt zu unterrichten, hatte Mutter Theresia 1847, im Alter von fünfzig Jahren, die beschwerliche und gefahrvolle Reise dorthin auf sich genommen. Mitschwestern waren bald darauf bereits in die Gebiete des heutigen Tschechien, Ungarn und Rumänien vorgedrungen.

Hundert Jahre später im Kalten Krieg waren sie somit auch hinter dem Eisernen Vorhang präsent, wenn auch mit Einschränkungen. Inzwischen sind rund 3 700 Schwestern in 35 Ländern Europas, Nord- und Lateinamerikas, Asien sowie Afrikas tätig. Während sie aktuell in Gesamteuropa „einen schmerzhaften Mangel an Berufungen“ beklagen, wie dies auch zahlreiche andere Orden tun, dehnt sich die Kongregation in Afrika aus. In Ghana, Nigeria, Gambia, Sierra Leone und Kenia arbeiten Arme Schulschwestern in Schulen, die von Pfarreien oder Diözesen geführt werden, dozieren aber auch an Universitäten.

Aus bescheidenen Mitteln das Beste herausholen

Sie sind Teil eines kirchlichen Bildungssystems geworden, auf das diese Länder dringend angewiesen sind, da für Schulbau und Lehrergehälter kaum Geld im Staatsetat übrig ist. Von den Nationalsozialisten aus deutschen Schulen und Heimen vertrieben, wanderten Arme Schulschwestern in den dreißiger Jahren nach Südamerika aus und wirken dort heute in Bildung und Seelsorge. Die deutsche Schulschwester Erika Czermak etwa arbeitet seit einigen Jahren für das Kinderpastoral-Netzwerk, in einem Gebiet des brasilianischen Bundesstaates Mato Grosso. Bei den vertriebenen Xavante-Indianern kämpft sie gegen die krasse Unterernährung der Kleinsten. Deren Müttern zeigt die Ordensfrau, wie sie aus ihren bescheidenen Mitteln das Beste für die Pflege und Ernährung ihrer Kinder herausholen. Wo diese Schwester arbeitet, ist Wissen wirklich oft der Schlüssel zum Überleben.