Wird der weltkirchliche Einsatz des Einzelnen in Deutschland überflüssig?

Angesichts der globalen Not kann der einfache Gläubige schon zweifeln, ob nicht noch allein professionelle Hilfswerke diese wenden können. Von Norbert Rönn

Norbert Rönn ist Chefredakteur der Speyerer Bistumszeitung „Der Pilger“. Foto: priv
Norbert Rönn ist Chefredakteur der Speyerer Bistumszeitung „Der Pilger“. Foto: priv

Unsere Welt ist in keinem guten Zustand: Katastrophen – oft von Menschen verursacht –, Krisen und Kriege, Hunger und Armut, Ausbeutung und Verletzung elementarer Menschenrechte. Wie Mehltau legen sich diese Nachrichten und Bilder auch über positive Entwicklungen.

Christen, denen die Lebenssituation der Armen in den Ländern des Südens nicht gleichgültig ist, beschleicht deshalb nicht selten ein Gefühl der Ohnmacht. Hat mein soziales oder weltkirchliches Engagement überhaupt einen Sinn? Natürlich wollen sie barmherzig sein und empfinden wirklich persönliches Mitleid angesichts der Not, wissen aber gleichzeitig auch, dass es ein hohes Maß an Professionalität der Hilfe angesichts der großen Herausforderungen braucht, die sie selbst nicht zu leisten imstande sind. Sie können schnell in einen Zwiespalt geraten: Ob ihr „kleines“ ehrenamtliches Engagement „vor Ort“ in den reichen Ländern des Nordens nämlich wirklich „etwas bringt“. Was also tun?

Eine verständliche, nachvollziehbare Fragestellung, eine Gratwanderung vielleicht – aber bei Lichte betrachtet kann sich das Dilemma doch schnell auflösen. Denn Barmherzigkeit – privat und persönlich empfunden – ist ein christlicher Grundimpuls, dem Not leidenden Nächsten in Solidarität zugewandt zu sein. Barmherzigkeit ist die „Währung“ aller Hilfe, die Grundlage auch zur Sicherstellung einer qualifizierten und professionellen Not- und Entwicklungsarbeit, etwa durch die kirchlichen Hilfswerke. Die noch so kleine Spende, der Beitrag zur Kollekte oder der Dauerauftrag für die Projekte eines Missionars aus der Pfarrgemeinde – sie fallen in kein Fass ohne Boden, sondern sie bereiten den Boden für solidarisches, mitmenschliches Handeln im Sinne des Evangeliums.

Was macht die Arbeit für die Menschen in den armen Ländern des Südens erfolgreich? Die Kirche als wirklicher „Global Player“ hat hier beste Voraussetzungen. Misereor-Geschäftsführer Martin Bröckelmann-Simon erläutert in einem Interview mit dem Magazin „Weltsichten“ Arbeit und „Erfolgsrezept“ so: „Kirche verfügt über ein weitgefächertes Netz von Partnern, das uns in die hintersten Winkel der Welt an die Seite der Armen bringt. Das ist ein bisschen wie beim Wettlauf von Hase und Igel: Wir sind, wie der Igel, gut vernetzt, immer schon da. Ein zweiter Punkt ist die besondere Kraftquelle unserer Spiritualität, die uns und unsere Partner verbindet und uns gemeinsam auch in schweren Zeiten nicht entmutigen lässt: Wir sind sozusagen das Institution gewordene Prinzip Hoffnung.“

Grundsätzlich geht es um einen Dreiklang: Zuerst um die im Sinne des Wortes „Not wendende Hilfe“ durch Förderung ungezählter Projekte in den Ländern des Südens; zum Zweiten um die Analyse und Bekämpfung der Ursachen von Armut und Unterentwicklung; zum Dritten – und das mag manchen verwundern – um das Gebet.

An der Seite der Menschen zu sein, die Armut und Ungerechtigkeit langfristig überwinden wollen und die dazu Unterstützung brauchen, setzt voraus, die Ursachen von Unterentwicklung und Ausgrenzung in den Blick zu nehmen. Dazu gehört auch, „den Mächtigen in Politik und Wirtschaft ins Gewissen zu reden“, wie es Kardinal Joseph Frings bei der Gründung des Hilfswerks „Misereor“ geradezu visionär formuliert hat. „Es genügt in unserer globalisierten Welt nicht mehr, Menschen das Fischen zu lehren, statt Fische zu verteilen. Man hat dann zwar gut ausgebildete Fischer, aber die stoßen schnell an Grenzen, weil ihnen der Zugang zu den Fischgründen verwehrt wird, sie von den Marktpreisen nicht leben können und sie keinen Einfluss auf die politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse haben“, so Martin Bröckelmann-Simon. Die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen müssen verändert werden, gerechter, Abhängigkeiten beseitigt werden, damit der Teufelskreis von Unterentwicklung und Perspektivlosigkeit nachhaltig durchbrochen werden kann. Jeder Einzelne im immer noch reichen Norden kann etwa durch sein Konsumverhalten hierzu beitragen – und seine Entscheidung an der Wahlurne natürlich ebenso.

Und was hat das Engagement für die Menschen in Asien, Afrika und Lateinamerika mit dem Gebet zu tun? Das Gebet lehrt, die Welt durch die Brille Gottes zu sehen. Es beeinflusst so maßgeblich die Haltung, in der wir etwas tun. Wenn ich vor Gott meine Umgebung, die Lebenswirklichkeiten von Menschen und die Bedingungen einer sich verändernden, globalisierten Welt wahrnehme, dann hat das Konsequenzen.

Nebensächlichkeiten rücken in den Hintergrund, und das Menschen Verbindende, die Möglichkeiten des eigenen Engagements – zum Beispiel in einer Pfarrgemeinde – kommen in unser Blickfeld. „Weil wir vor Gott beten, darum tun wir es auch in seinem Namen. Wir folgen dem nach, der Menschen hingebungsvoll und sensibel wahrnahm und mit seinem Blick eine Perspektive eröffnete, die bisher für die anderen nicht erkennbar war. Blinde wurden nicht nur sehend, sie sahen vor allem einen Weg.“ (Wolfgang Vogelmann, Schrift des Evangelischen Entwicklungsdienstes, „Zur Zukunft des kirchlichen Entwicklungsdienstes, 2009)

Was kann das konkret heißen? Eine tiefe Erfahrung sind Gebetsgemeinschaften. Wenn zum Beispiel zwei Partnergemeinden – etwa in Deutschland und in einem afrikanischen Land – vereinbaren, jeweils in den Gottesdiensten an einem bestimmten Sonntag im Monat füreinander zu beten, die Anliegen, Sorgen und Freuden der Partner in den Blick zu nehmen, dann schlägt das ebenso feste und tragfähige Brücken wie gegenseitige Besuche. Auch an ein gemeinsames „Partnerschaftsgebet“ wäre zu denken oder an Fürbitten – jenseits der Oberflächlichkeiten, die man in diesem Zusammenhang oft bei uns in Gottesdiensten hört. Kontakte, Begegnungen, Nähe zu Menschen, die in unterschiedlichen Lebens- und Glaubenssituationen leben – beide Seiten lernen voneinander. So wächst Partnerschaft, so werden beide Seiten zu Sendern und Empfängern der Freudenbotschaft Jesu. Eine andere Welt ist möglich.

Norbert Rönn ist Chefredakteur der Speyerer Bistumszeitung „der pilger“. Diese ist die älteste Bistumszeitung in Deutschland und wurde 1848 gegründet. Der weltkirchliche Aspekt ist von Beginn ihrer Berichterstattung an ein Markenzeichen der Zeitung. So räumte sie etwa dem Kampf der katholischen Kirche im 19. Jahrhunderte gegen die Sklaverei breiten Raum ein. Auch die Berichterstattung über die Arbeit von Missionaren und Missionarinnen, die aus dem Bistum Speyer stammten und stammen, gehört zur bleibenden Identität dieses Blattes. Der gebürtige Eifeler Rönn selbst ist schon früh in der weltkirchlichen Arbeit ehrenamtlich engagiert gewesen. Zudem war er lange Jahre aktiv als Vorsitzender des Bezirksverbandes Pfalz des Deutschen Journalisten-Verbandes. Er ist auch Mitglied von Pax Christi. Er besucht oft Orte und Projektpartner weltkirchlicher Arbeit in Afrika, Asien und Lateinamerika, zuletzt etwa in Malawi oder Indien. DT/sei/Foto: Privat