Wer glaubt, fällt nicht herein

Von Gott berufen: Peter Schallenberg betrachtet das Glück des christlichen Glaubens

Individuelle Träume vom Glück sind selten diskussionswürdig. Die Meinung der Herzogin von Windsor, man könne nie reich und dünn genug sein, dürfte unter Magermodels salonfähig sein, sonst aber eher Kopfschütteln auslösen. Das postmoderne Glücksgefühl der Unerreichbarkeit kann nur nachvollziehen, wer einmal zwischen Blackberry, Telefon und Laptop in ein straffes Zeitkorsett gezwängt gewesen ist. Da die Marotten und Lebensumstände des Einzelnen als Wegweiser zum Glück offensichtlich nicht taugen, lohnt sich die Frage nach den Maßstäben für das Glück aller.

Der Fuldaer katholische Theologe und Studentenpfarrer Peter Schallenberg stellt sich in seinem Buch „Vom Glück des Glaubens“ dieser Aufgabe, denn „die Frage nach dem umfassend gelungenen und daher glücklich zu nennenden Leben steht unabweisbar vor jedem Menschen und seiner drängenden Frage nach vollkommener Gutheit“. Nach einem kurzweiligen Eintauchen in die europäische Geistesgeschichte zieht der Autor fünf Denker – Aristoteles, Augustinus, Thomas von Aquin, Blaise Pascal und Immanuel Kant – als Kronzeugen heran, um den Zusammenhang zwischen Glück und Gottesglauben zu veranschaulichen. Die Textauswahl ist stimmig: Christlicher Glaube erscheint bei Schallenberg nicht als billige Vertröstung auf das Jenseits, sondern als die konsequente Ausrichtung auf das letzte Ziel jeden Lebens: die vollkommene Glückseligkeit in der Gemeinschaft mit Christus: „Im Gedanken an Gott bündeln sich die äußerste Grenze des Könnens und das Beste der eigenen Möglichkeiten wie in einem Brennglas. (...) Denn in christlicher Sicht bildet der Mensch ja nicht einfach ein willenloses Werkzeug in den Händen eines weitgehend unverstandenen Gottes. Vielmehr ist der Mensch von Gott zur aktiven Mitarbeit der liebenden Verwandlung der Welt aufgerufen; darin vollendet sich die persönliche Berufung zur Heiligkeit.“

Die positive Darstellung des christlichen Auftrags ist eine Stärke des Buchs. Glück ist für Schallenberg mehr, als die Abwesenheit aufreibender Konflikte oder schlicht nur das, was einem nicht zustößt. Eindringlich arbeitet der Autor die Berufung zur Heiligkeit als „das beherzte Ausschöpfen der besten menschlichen Möglichkeiten im Vertrauen auf Gottes gütige Vorsehung“ als Gegenstück zum bitteren Verharren im Fragment heraus. Im Buch erscheint das personale Gottesbild, das in Jesus Christus ein Gesicht erhalten wie eine Scheidewand zwischen trivialen Glücksvorstellungen und echter Liebe, die Konsequenzen für das Gemeinwohl hat. Nachfolge Christi ist Schallenberg zufolge untrennbar mit der Aufmerksamkeit für den Nächsten und der Sorge für das Gemeinwohl verknüpft. „Christlicher Glaube und theologische Ethik betrachten nicht nur die Person, sondern auch das gesamte Gefüge, in dem Personen glauben und leben. Und die Frage nach dem Glück des menschlichen Lebens stellt sich stets auch und gerade im Angesicht des Mitmenschen und seiner Vorstellung vom umfassend gelungenen Leben.“

Der landläufigen Sorge vieler Zeitgenossen, durch praktizierten christlichen Glauben ihre Freiheit zu verlieren oder die angenehmen Seiten des Lebens zu verpassen, hält Schallenberg einen qualifizierten Freiheitsbegriff entgegen. Wenn Gott den Menschen zur Freiheit beruft, besteht wahre Freiheit darin, „nicht alles zu können und zu wollen, sondern allein das Gute“ – die Liebe zu Gott und dem Nächsten. Die Begegnung mit dem lebendigen Gott bildet Kern und Ziel wahren Glücks. Dass sich an Christus kurzsichtig gesteckte Lebensziele auflösen – auch das gehört für Schallenberg letztlich zum authentischen Glück: „Jede menschliche Liebe (...) muss (...) diese göttliche caritas abbilden und ihr nacheifern, wenn sie der ständigen Vesuchung zur Verzweckung des Mitmenschen entgehen will. Erst dieses freie und absichtslose Lieben lässt den Weg aus der beständigen inneren Unruhe finden.“

Christliche Liebe ist mehr als nur Gefühl

Unaufgeregt erläutert der Autor das Bild vom Jüngsten Gericht und verdeutlicht an neutestamentlichen Texten, dass „das vollkommene Glück nicht von dieser Welt ist“. Jenseits von Eden und diesseits der Ewigkeit ist für Schallenberg ein Mut zum Vorletzten und eine beherzte Tapferkeit im Angesicht vorläufigen Scheiterns notwendig. In Zeiten, in denen Vollbeschäftigung auf Jahrzehnte illusorisch bleiben dürfte, Hochqualifizierte ihrer Heimat enttäuscht den Rücken kehren und die Scheidungsstatistiken realistische Aussichten auf ein erfülltes Familienleben dämpfen, leuchtet das ein. Und ebenso steht außer Frage, dass Gefühl allein nicht ausreicht, um den Weg zum Leuchtturm Liebe durchzuhalten. Schallenberg erinnert an den Zusammenhang von Verzicht und Glück und erteilt einem gefühligen Liebesbegriff eine Absage, wenn er Liebe „im Kern als eine Bewegung des Willens“ beschreibt. Geschickt umreißt er den Spielraum des Glaubenden, wenn er das naturhafte Streben nach Glück als unaufgebbaren Teil der Schöpfungsordnung identifiziert und zugleich falschen Vorstellungen vom kleinbürgerlichen Schrebergartenidyll den Garaus macht: „Dass der Mensch nun glücklich werde, das ist im Plan der Erlösung enthalten – freilich nicht nach den Bedingungen bloßen und zufriedenen Menschseins, sondern nach der liebenden Logik Gottes!“

Eines der stärksten Kapitel des Buchs heißt „Glück und Gebet“. Dass ein Kapitel über „Glück und Arbeit“ fehlt, kommt der Wahrnehmung junger Christen möglicherweise entgegen. Zweifellos geht die Hoffnung, gesellschaftliche und innerkirchliche Prozesse zum Besseren verändern zu können, selbst jungen Menschen mit Bestnoten heute bemerkenswert häufig ab. Mit dem Hinweis, dass das Maß des sittlichen Einsatzes in jedem Fall von der Intensität der Gottesbeziehung bestimmt wird, gibt der Autor immerhin eine Orientierungshilfe.

Schallenbergs Beobachtung, der Beter sei von der Sorge bewegt, er könne hinter den von Gott geschenkten Möglichkeiten zurückbleiben, lohnte eine Vertiefung: Viele Texte von Kirchenlehrern dokumentieren das Leiden an der eigenen Unvollkommenheit und zeugen vom Bewusstsein einer Gott gegenüber nicht abzutragenden Dankesschuld. Ist Verzicht auf kindliches Glück im Glauben der Preis der reifen christlichen Liebe? Das Erbe der katholischer Heiliger lässt zumindest vordergründig schmerzliche Folgen ahnen, die weniger konsequenten Gottsuchern zunächst wenig erstrebenswert erscheinen mögen. Gibt der Christ mit der konsequenten Hingabe an den Gekreuzigten letztlich doch Glücksperspektiven auf – etwa, weil es ihm schließlich „schwerer fällt, andere ihr Kreuz tragen zu sehen und es ihnen nicht abnehmen zu können, als das eigene Kreuz zu tragen“ (Edith Stein)? Der geschärfte Blick für das eigene Unvermögen, Gott und dem Nächsten stets noch wirksamer zu dienen, hat Fromme auch in ihren schöpferischen Aktivitäten gebremst. Teresa von Avila etwa hatte ihre persönlichen Glückserwartungen als 62-Jährige derart korrigiert, dass sie es in ihrem Werk „Die innere Burg“ als außerordentliches Glück beschrieb, wenn sich gottgeweihte Seelen auf ihrem Weg zu Christus nicht verirrten. Wie meistert der Christ in Zeiten steigender Lebenserwartung die Spannung zwischen der Sehnsucht nach ewiger Gottesschau und dem Wunsch, in der Nachfolge Christi auch vor dem Tod Glück zu finden?