„Wer bei euch der Erste sein will, soll euer Sklave sein“ (Mt 20, 27)

„Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch“ (Joh 20,21)

angemessenen Antwort der gemeinschaftlichen Entscheidungsfindung anvertraut, in der es sich darum handelt, zu hören, was der Geist der Gemeinschaft sagt (vgl. Offb 2,7).

Auch wenn die wahre und eigentliche Entscheidungsfindung den wichtigeren Entscheidungen vorbehalten ist, sollte der Geist der Entscheidungsfindung jeden Entscheidungsprozess kennzeichnen, der die Gemeinschaft betrifft. Es sollte also vor einer Entscheidung niemals an einer Zeit des Gebets und der individuellen Reflexion sowie an einer Reihe von wichtigen Verhaltensweisen fehlen, um gemeinsam zu entscheiden, was richtig und Gott gefällig ist. Hier einige dieser Verhaltensweisen:

– die Entschlossenheit, nichts anderes als den göttlichen Willen zu suchen, indem man sich von der Handlungsweise inspirieren lässt, die Gott in der Heiligen Schrift und in der charismatischen Geschichte des Instituts zu erkennen gibt, und in dem Bewusstsein, dass die evangelische Logik häufig „umgekehrt“ wie die menschliche Logik ist, die Erfolg, Leistung und Anerkennung sucht;

– die Bereitschaft, in jedem Bruder oder in jeder Schwester die Fähigkeit anzuerkennen, die Wahrheit – wenn auch teilweise – zu erfassen, und daher ihre Meinung als Mediation anzunehmen, um gemeinsam den Willen Gottes zu erkennen, bis zu dem Punkt, die Vorstellungen der anderen als besser zu erkennen, als die eigenen;

– das Achten auf die Zeichen der Zeit, auf die Erwartungen der Menschen, auf die Bedürfnisse der Armen, auf die Dringlichkeit der Evangelisierung, auf die Prioritäten der Universalkirche und der Teilkirchen, auf die Hinweise der Kapitel und der Oberen;

– die Freiheit von Vorurteilen, von übermäßigem Festhalten an den eigenen Vorstellungen, von starren oder verzerrten Wahrnehmungsschemen, von Parteinahmen, welche die Verschiedenheit der Ansichten stören;

– der Mut, die eigenen Vorstellungen und Positionen zu begründen, aber auch der Mut sich neuen Perspektiven zu öffnen und den eigenen Standpunkt zu verändern;

– der feste Vorsatz, die Einheit in jedem Fall zu bewahren, wie auch immer die endgültige Entscheidung aussehen mag.

Die gemeinschaftliche Entscheidungsfindung ersetzt nicht die Natur und die Funktion der Autorität, der die endgültige Entscheidung vorbehalten ist; dennoch kann die Autorität nicht unbeachtet lassen, dass die Gemeinschaft der bevorzugte Ort ist, um den Willen Gottes zu erkennen und anzunehmen. In jedem Fall zählt die Entscheidungsfindung zu den wichtigsten Momenten der Gemeinschaft des geweihten Lebens, in denen mit besonderer Klarheit die Zentralität Gottes als letztes Ziel der Suche aller, sowie auch die Verantwortung und der Beitrag eines jeden auf dem Weg aller zur Wahrheit hervortritt.

f) Entscheidungsfindung, Autorität und

Gehorsam

Die Autorität wird im delikaten Prozess der Entscheidungsfindung geduldig sein, den sie in seinen Phasen zu garantieren und in seinen kritischsten Passagen zu unterstützen sucht, und entschlossen in der Forderung, dass das, was entschieden wurde, umgesetzt wird. Sie wird darauf achten, die eigene Verantwortung nicht etwa aus Liebe zu einem ruhigen Leben oder aus Angst, die Gefühle von jemandem zu verletzen, abzugeben. Sie wird die Verantwortung spüren, sich in solchen Situationen nicht zu entziehen, in denen es notwendig ist, entschlossene und manchmal unangenehme Entscheidungen zu treffen (57). Die wahre Liebe zur Gemeinschaft ist gerade das, was die Autorität in die Lage versetzt, Entschlossenheit und Geduld sowie das Hören auf jeden und den Mut, Entscheidungen zu treffen, miteinander zu vereinbaren und die Versuchung zu überwinden, nichts hören und sagen zu wollen.

Man muss schließlich beachten, dass eine Gemeinschaft nicht in einem Zustand ständiger Entscheidungsfindung sein kann. Auf die Zeit der Entscheidungsfindung folgt die Zeit des Gehorsams, das heißt der Ausführung der Entscheidung: beides sind Zeiten, in denen es notwendig ist, im Geist des Gehorsams zu leben.

g) Der brüderliche Gehorsam

Der heilige Benedikt erklärt am Ende seiner Regel: „ Das Gut des Gehorsams sollen alle nicht nur dem Abt erweisen. Die Brüder müssen ebenso einander gehorchen; sie wissen doch, dass sie auf dem Weg des Gehorsams zu Gott gelangen“ (58). „Sie sollen einander in gegenseitiger Achtung zuvorkommen, ihre körperlichen und charakterlichen Schwächen sollen sie mit unerschöpflicher Geduld ertragen, im gegenseitigen Gehorsam sollen sie miteinander wetteifern, keiner achte auf das eigene Wohl, sondern mehr auf das des anderen“ (59). Und der heilige Basilius Magnus fragt sich: „Wie man einander gehorchen soll“. Und antwortet: „Wie Knechte ihrem Herrn, nach dem, was der Herr befohlen hat: ,Wer unter euch groß sein will, der sei der Allerletzte und der Knecht Aller (vgl. Mk 10, 44). Diesem fügt er, um noch mehr zu überzeugen, hinzu: Wie der Menschensohn nicht gekommen ist, sich bedienen zu lassen, sondern zu dienen (Mk 10, 45), und wie der Apostel sagt: Dienet einander durch die Liebe des Geistes (Gal 5, 13)“ (60).

Die wahre Gemeinschaft gründet sich auf die Anerkennung der Würde des Bruders oder der Schwester. Sie verwirklicht sich in der Aufmerksamkeit gegenüber dem anderen und seinen Bedürfnissen, in der Fähigkeit, sich über seine Gaben und seine Realisierungen zu freuen, darin, ihm die eigene Zeit zur Verfügung zu stellen, um ihm zuzuhören und sich erleuchten zu lassen. Doch das erfordert, dass man innerlich frei ist.

Derjenige, der davon überzeugt ist, dass seine Vorstellungen und Lösungen immer die besten sind, ist gewiss nicht frei; genauso wenig wie der, der meint, alleine, ohne irgendeine Mediation, um den göttlichen Willen zu erkennen, entscheiden zu können; der, der glaubt er habe immer recht und nicht daran zweifelt, dass es die anderen sind, die sich verändern müssen; der, der nur an seine Belange denkt und den Bedürfnissen der anderen keine Aufmerksamkeit schenkt; der, der denkt, dass Gehorchen etwas aus anderen Zeiten und in einer weiter entwickelten Welt unmöglich vorzuschlagen sei.

Frei hingegen ist jene Person, die ständig darauf ausgerichtet ist und darauf achtet, in jeder Situation des Lebens und vor allem in jedem Menschen, der neben ihr lebt, eine Mediation des göttlichen Willens zu erkennen, wie geheimnisvoll dieser auch sein mag. Denn „Zur Freiheit hat Christus uns befreit“ (Gal 5,1). Er hat uns befreit, damit wir Gott auf den zahlreichen Wegen des täglichen Daseins begegnen können.

21. Auch wenn heute die Annahme der Verantwortung, welche der Autorität eigen ist, wie eine besonders schwere Last erscheinen kann und die Demut erfordert, sich zum Diener und zur Dienerin der anderen zu machen, ist es immer gut, an die ernsten Worte zu erinnern, die der Herr Jesus an jene richtet, die versucht sind, ihre Autorität mit weltlichem Ansehen zu bekleiden: „Wer bei euch der Erste sein will, soll euer Sklave sein. Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen, um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen und sein Leben hinzugeben als Lösegeld für viele“ (Mt 20, 27–28).

Wer in seinem Amt ein Mittel sieht, um sich hervorzutun oder um sich zu behaupten, um sich dienen zu lassen oder zu herrschen, steht offenkundig außerhalb der evangelischen Vorlage der Autorität. Es verdienen also die Worte Beachtung, die der heilige Bernhard an einen seiner Schüler gerichtet hat, der Nachfolger Petri geworden war: „Betrachte, ob du auf dem Weg der Tugend, der Weisheit, der Klugheit, der Güte Fortschritte gemacht hast. Bist du eher anmaßend oder eher demütig geworden? Eher wohlwollend oder eher hochmütig? Eher nachsichtig oder eher unnachgiebig? Was hast du in dir entfaltet: Gottesfurcht oder eine gefährliche Dreistigkeit?“ (61).

Der Gehorsam ist auch unter den günstigsten Umständen nicht einfach; doch er wird erleichtert, wenn die Person des geweihten Lebens sieht, dass sich die Autorität in den demütigen und fleißigen Dienst der Gemeinschaft und der Sendung stellt: eine Autorität die, wenn auch mit allen ihren menschlichen Begrenztheiten versucht, in ihrem Handeln das Verhalten und die Gefühle des Guten Hirten zu repräsentieren.

„Ich bitte diejenige, welche die leitende Stellung unter den Schwestern einnimmt – erklärte die heilige Klara von Assisi in ihrem Testament – sich darum zu bemühen, den anderen mehr als durch ihre Stellung in der Tugend und im frommen Verhalten ein Vorbild zu sein, damit ihr die Schwestern, von ihrem Beispiel angeregt, nicht so sehr aufgrund ihrer Stellung gehorchen, sondern aus Liebe“ (62).

Das brüderliche Leben als Mission

22. Die von einer Autorität geführten Personen des geweihten Lebens sind dazu aufgerufen, sich häufig am neuen Gebot zu messen, dem Gebot, das alles erneuert: „Liebt einander, so wie ich euch geliebt habe“ (Joh 15,12).

Einander zu lieben, wie der Herr geliebt hat, bedeutet, über den persönlichen Verdienst der Brüder und der Schwestern hinauszugehen, bedeutet, nicht nur den eigenen Wünschen zu gehorchen, sondern Gott, der durch das Befinden und die Bedürfnisse der Brüder und der Schwestern spricht. Es muss daran erinnert werden, dass die Zeit, die der Verbesserung der Qualität des gemeinschaftlichen Lebens gewidmet wird, keine vergeudete Zeit ist, denn wie der verstorbene Papst Johannes Paul II. mehrfach wiederholt hat: „Die ganze Fruchtbarkeit des Ordenslebens [ist] von der Qualität des brüderlichen Lebens in Gemeinschaft abhängig“ (63).

Das Streben nach der Verwirklichung brüderlicher Gemeinschaften ist nicht nur Vorbereitung auf die Mission, sondern deren integrativer Bestandteil, da „die brüderliche Gemeinschaft als solche bereits ein Apostolat ist“ (64). In Mission sein als Gemeinschaften, die täglich in der beständigen Suche nach dem Willen Gottes die Brüderlichkeit aufbauen, bedeutet zu zeigen, dass es in der Nachfolge unseres Herrn Jesus möglich ist, das menschliche Zusammenleben auf eine neue und humanisierende Weise zu verwirklichen.

Dritter Teil

In Mission

In Mission mit dem gesamten Dasein, wie Jesus, der Herr

23. Der Herr Jesus lässt uns durch seine eigene Lebensform verstehen, dass Mission und Gehorsam zueinander gehören. In den Evangelien stellt sich Jesus sich immer als derjenige vor, den „der Vater gesandt hat, um seinen Willen zu tun“ (vgl. Joh 5,36-38; 6,38-40; 7,16-18). Er macht stets das, was dem Vater gefällt. Man kann sagen, dass das ganze Leben Jesu Mission des Vaters ist. Er ist die Mission des Vaters.

Wie das Wort in Mission gekommen ist, indem es in einer Menschheit Fleisch geworden ist, die sich ganz hat annehmen lassen, so wirken wir an der Mission Christi mit und erlauben ihm, sie vor allem dadurch zur vollen Erfüllung zu bringen, dass wir Ihn annehmen, uns zum Raum seiner Gegenwart machen und so zur Fortsetzung seines Lebens in der Geschichte, um anderen die Möglichkeit zu geben, ihm zu begegnen.

In Anbetracht der Tatsache, dass Christus in seinem Leben und seinem Wirken das Amen (vgl. Offb 3, 14), das vollkommene, zum Vater gesagte Ja (vgl. 2 Kor 1, 20) gewesen ist und dass Ja sagen einfach gehorchen bedeutet, ist es nicht möglich, an Mission zu denken, ohne sie dabei in Beziehung zum Gehorsam zu sehen. Die Mission leben impliziert immer das „Gesandt-Sein“ und das beinhaltet sowohl die Beziehung zu dem, der sendet, als auch zum Inhalt der zu erfüllenden Mission. Daher ist der Begriff Mission ohne die Bezugnahme auf den Gehorsam schwer zu verstehen und läuft Gefahr, auf etwas verkürzt zu werden, das nur auf sich selbst Bezug nimmt. Es besteht immer das Risiko, die Mission auf einen Beruf zu reduzieren, der im Hinblick auf die eigene Verwirklichung ausgeübt und folglich mehr oder weniger persönlich gehandhabt wird.

In Mission, um zu dienen

24. In seinen „Geistlichen Exerzitien“ schreibt der heilige Ignatius von Loyola, dass der Herr alle beruft und sagt: „Wer mit mir kommen will, muss mit mir arbeiten, denn wenn er mir in Mühe und Leid folgt, dann folgt er mir auch in der Herrlichkeit“ (65). Die Mission muss es – heute wie gestern – mit großen Schwierigkeiten aufnehmen, denen man nur mit der Gnade, die vom Herrn kommt, begegnen kann, in dem demütigen und starken Bewusstsein, von Ihm gesandt zu sein und gerade aus diesem Grund auf seine Hilfe zählen zu können.

Dank des Gehorsams hat man die Gewissheit, dem Herrn zu dienen, durch das persönliche Handeln und das persönliche Leiden „Diener und Dienerinnen des Herrn“ zu sein. Diese Gewissheit ist die Quelle für bedingungslosen Einsatz, standhafte Treue, innere Gelassenheit, selbstloses Dienen und die Hingabe der besten Kräfte. „Wer gehorcht, hat darüber hinaus die Gewähr, tatsächlich in Mission, in der Nachfolge des Herrn zu sein und nicht auf seinen eigenen Wünschen oder Erwartungen zu beharren. So kann er sich vom Geist des Herrn geführt und auch inmitten großer Schwierigkeiten von seiner sicheren Hand gehalten wissen (vgl. Apg 20, 22f)“ (66).

Man ist in Mission, wenn man sich statt nach dem eigenen Erfolg zu streben, in erster Linie von dem Wunsch leiten lässt, den verehrungswürdigen Willen Gottes zu erfüllen. Dieser Wunsch ist die Seele des Gebets („Dein Reich komme, dein Wille geschehe“) und die Kraft des Apostels. Die Mission erfordert den Einsatz aller menschlichen Gaben und Talente, die auf das Heil hin zusammenlaufen, wenn sie in den Fluss des Willens Gottes einmünden, der die Dinge, die vorübergehen, in den Ozean der ewigen Wahrheiten führt, wo Gott, die unendliche Glückseligkeit, alles und in allem sein wird (vgl. 1 Kor 15, 28).

Autorität und Mission

25. Alles das impliziert, dass der Autorität eine wichtige Aufgabe hinsichtlich der Mission zuerkannt wird, in der Treue zum eigenen Charisma. Eine nicht einfache Aufgabe, die nicht frei von Schwierigkeiten und Ungewissheiten ist. In der Vergangenheit konnte das Risiko daraus erwachsen, dass die Autorität hauptsächlich auf die Durchführung der Werke ausgerichtet war, mit der Gefahr, die Personen dabei zu vernachlässigen; heute hingegen kann das Risiko entweder aus einer übertriebenen Furcht seitens der Autorität entstehen, persönliche Gefühle zu verletzen, oder aus einer Zersplitterung der Kompetenzen und Verantwortlichkeiten, welche das Ansteuern eines gemeinsamen Zieles stört und die Rolle der Autorität vereitelt. Die Autorität ist jedoch nicht nur für das Leben der Gemeinschaft verantwortlich, sondern hat auch die Funktion, die verschiedenen Kompetenzen im Hinblick auf die Mission zu koordinieren, entsprechend der Rollen und gemäß den internen Vorschriften des Instituts. Wenn die Autorität auch nicht alles tun kann (und soll), so trägt sie doch letztlich die Verantwortung für alles.

Zahlreich sind die Herausforderungen, welche die heutige Zeit angesichts der Aufgabe an die Autorität stellt, die Kräfte im Hinblick auf die Mission zu koordinieren. Auch hier sind einige Aufgaben aufzuzählen, die im Dienst der Autorität für wichtig erachtet werden:

a) Die Autorität ermutigt, Verantwortung anzunehmen und respektiert sie, wenn sie angenommen wurde

In einigen Menschen kann die Verantwortung ein Gefühl der Angst hervorrufen. Es ist also notwendig, dass die Autorität den eigenen Mitarbeitern christliche Stärke und den Mut vermittelt, die Schwierigkeiten anzugehen sowie Ängste und eine ablehnende Haltung zu überwinden.

Sie muss dafür sorgen, nicht nur an den Informationen sondern auch an den Verantwortlichkeiten teilhaben zu lassen und sich dann darum bemühen, jeden in seiner persönlichen und angemessenen Eigenständigkeit zu respektieren. Das verlangt von Seiten der Autorität eine geduldige Koordinierungsarbeit und von Seiten der Person des geweihten Lebens die ernsthafte Bereitschaft zur Zusammenarbeit.

Die Autorität muss „da sein“, wenn das nötig ist, um in den Mitgliedern der Gemeinschaft das Gefühl der gegenseitigen Abhängigkeit zu fördern, die sich sowohl von kindlicher Abhängigkeit als auch von selbstgenügsamer Unabhängigkeit deutlich unterscheidet. Alles das ist Frucht jener inneren Freiheit, die jedem erlaubt, zu arbeiten und zu kollaborieren, zu ersetzen und ersetzt zu werden, Hauptfigur zu sein und seinen Beitrag auch aus dem Hintergrund zu leisten.

Wer den Dienst der Autorität ausübt sollte sich davor hüten, der Versuchung persönlicher Selbstgenügsamkeit nachzugeben, dem Glauben, dass alles von ihm oder ihr abhänge und dass es nicht so wichtig und von Nutzen sei, die vereinte gemeinschaftliche Teilhabe zu fördern, denn es ist besser einen Schritt zusammen zu machen, als zwei (oder auch mehr) alleine.

b) Die Autorität fordert dazu auf,

den Unterschieden in einem Geist der

Gemeinschaft zu begegnen

Die derzeitigen raschen kulturellen Veränderungen rufen nicht nur strukturelle Transformationen hervor, die sich auf die Aktivitäten und auf die Mission auswirken, sondern können auch zu Spannungen innerhalb der Gemeinschaft führen, wo verschiedene Arten kultureller oder geistlicher Erziehung zu verschiedenen Lesarten der Zeichen der Zeit führen und folglich dazu, verschiedene Pläne vorzuschlagen, die nicht immer miteinander vereinbar sind. Zu solchen Situationen kann es heute häufiger als in der Vergangenheit kommen, da die Anzahl der Gemeinschaften größer wird, die sich aus Personen verschiedener Ethnien oder Kulturen zusammensetzen und da die Generationsunterschiede sich verstärken. Die Autorität ist berufen, auch diesen gemischten Kommunitäten mit einem Geist der Gemeinschaft zu dienen und ihnen zu helfen, in einer Welt, die von zahlreichen Spaltungen gezeichnet ist, das Zeugnis abzulegen, dass es möglich ist, zusammenzuleben und sich zu lieben, auch wenn man verschieden ist. Sie wird dabei an einigen theoretisch-praktischen Prinzipien festhalten müssen:

– ins Gedächtnis rufen, dass im Geist des Evangeliums ein Ideenkonflikt niemals zu einem personellen Konflikt wird;

– daran erinnern, dass die Pluralität der Ansichten die Vertiefung der Fragen fördert;

– die Kommunikation fördern, so dass durch den freien Ideenaustausch die Positionen geklärt werden und der positive Beitrag eines jeden hervortritt;

– dabei helfen, sich von der Egozentrik und vom Ethnozentrismus zu befreien - die dazu neigen, den anderen die Schuld für die Übel zuzuschreiben -, um zu einem gegenseitigen Verständnis zu finden;

– bewusst machen, dass das Ideal nicht in einer konfliktlosen Gemeinschaft besteht, sondern in einer Gemeinschaft, die einwilligt, ihre Spannungen anzugehen, um sie befriedigend zu klären und nach Lösungen zu suchen, die keinen der Werte unbeachtet lassen, die berücksichtigt werden müssen.

c) Die Autorität bewahrt das Gleichgewicht zwischen den verschiedenen Dimensionen des geweihten Lebens

Diese können in der Tat untereinander in Spannungen geraten. Die Autorität muss darauf achten, dass die Einheit des Lebens unversehrt bleibt und dass das Gleichgewicht zwischen der Zeit, die dem Gebet und der Zeit, die der Arbeit gewidmet wird, zwischen dem Individuum und der Gemeinschaft, zwischen Aufgabe und Ruhe, zwischen der Aufmerksamkeit, die der Gemeinschaft und der Aufmerksamkeit, die der Welt und der Kirche gewidmet wird, so gut wie möglich respektiert wird (68).

Besonders delikat ist das Gleichgewicht zwischen Gemeinschaft und Mission, zwischen dem Leben ad intra und dem Leben ad extra (69). Angesichts der Tatsache, dass normalerweise die Dringlichkeit der Dinge, die zu tun sind, dazu führen kann, die Dinge, welche die Gemeinschaft betreffen, zu vernachlässigen, und dass man heute immer häufiger dazu aufgerufen ist, als Einzelner zu wirken, ist es opportun, dass einige unverzichtbare Regeln respektiert werden, die gleichzeitig einen Geist der Brüderlichkeit in der apostolischen Gemeinschaft und ein apostolisches Gespür im brüderlichen Leben garantieren.

Es ist wichtig, dass die Autorität Garant dieser Regeln ist und alle und jeden daran erinnert, dass wenn eine Person der Gemeinschaft in Mission ist oder einen apostolischen Dienst erfüllt, sie auch dann, wenn sie alleine handelt, immer im Namen des Instituts oder der Kommunität handelt; ja, sie handelt dank der Kommunität. Oftmals kann sie ja jene bestimmte Aktivität nur deswegen ausführen, weil jemand aus der Gemeinschaft ihr seine Zeit geschenkt hat oder ihr Ratschläge gegeben oder einen gewissen Geist übertragen hat; oftmals ersetzt zudem derjenige, der in der Kommunität bleibt, die Person, die außerhalb engagiert ist, bei gewissen Arbeiten im Haus oder betet für sie oder unterstützt sie durch ihre Treue.

Es ist also nicht nur geboten, dass der Apostel seiner Gemeinschaft zutiefst dankbar ist, sondern dass er in allem, was er tut, eng mit ihr verbunden bleibt; dass er sie nicht für sich vereinnahmt und sich um jeden Preis bemüht, den Weg gemeinsam zu unternehmen und, falls notwendig, auf diejenigen, die langsamer vorankommen, zu warten, den Beitrag eines jeden zu schätzen, so weit als möglich Freude und Leid, Intuitionen und Ungewissheiten zu teilen, damit alle das Apostolat des anderen wie ihr eigenes empfinden, ohne Neid und Eifersucht. Der Apostel kann gewiss sein, dass er, soviel er auch von sich der Gemeinschaft geben wird, niemals das wird ausgleichen können, was er von ihr empfangen hat und empfängt.

d) Die Autorität hat ein barmherziges Herz

Der heilige Franz von Assisi hat in einem bewegenden Brief an einen Minister/Oberen die folgenden Anweisungen bezüglich möglicher persönlicher Schwächen seiner Brüder gegeben: „Und darin will ich erkennen, ob du den Herrn und mich, seinen und deinen Knecht, liebst, wenn du folgendes tust, nämlich: Es darf keinen Bruder auf der Welt geben, mag er auch gesündigt haben, soviel er nur sündigen konnte, der deine Augen gesehen hat und dann von dir fortgehen müsste ohne dein Erbarmen, wenn er Erbarmen sucht. Und sollte er nicht Erbarmen suchen, dann frage du ihn, ob er Erbarmen will. Und würde er danach auch noch tausendmal vor deinen Augen sündigen, liebe ihn mehr als mich, damit du ihn zum Herrn ziehst. Und mit solchen habe immer Erbarmen.“ (70)

Die Autorität ist berufen eine Pädagogik der Vergebung und des Erbarmens zu entwickeln, das heißt, ein Werkzeug der Liebe Gottes zu sein, die annimmt, zurechtweist und immer eine neue Möglichkeit für den Bruder oder die Schwester aufzeigt, die Fehler begehen und sündigen. Vor allem muss sie daran erinnern, dass die Person ohne die Hoffnung der Vergebung Mühe hat, ihren Weg wieder aufzunehmen und unvermeidlich dazu neigt, Fehler auf Fehler und Sünde auf Sünde zu häufen. Die Perspektive des Erbarmens hingegen zeigt, dass Gott auch die Situationen der Sünde in einen Weg des Guten verwandeln kann (71). Die Autorität bemühe sich also darum, dass die Gemeinschaft diese Art des Erbarmens lerne.

e) Die Autorität hat Gerechtigkeitssinn

Wenn die Aufforderung des heiligen Franz von Assisi, dem Bruder, der sündigt, zu vergeben, als wertvolle allgemeine Regel angesehen werden kann, so muss man doch erkennen, dass es unter den Mitgliedern einiger Gemeinschaften von Personen des geweihten Lebens Verhaltensweisen geben kann, die den Nächsten schwer verletzen und Verantwortung gegenüber den Personen außerhalb der Gemeinschaft sowie gegenüber der Einrichtung selbst, der sie angehören, zur Folge haben. Wenn auch die Schuld der Einzelnen Verständnis erfordert, so ist doch ein rigoroses Gefühl der Verantwortung und der Liebe gegenüber denjenigen, die möglicherweise durch das unrechte Verhalten einer Person des geweihten Lebens geschädigt worden sind, ebenso notwendig.

Diejenigen, die einen Fehler machen, sollen wissen, dass sie sich persönlich für die Konsequenzen ihrer Handlungen verantworten müssen. Das Verständnis gegenüber dem Mitbruder kann vor allem wehrlosen Personen und Missbrauchsopfern gegenüber die Gerechtigkeit nicht ausschließen. Das Akzeptieren, die eigene Sünde zu erkennen und die Verantwortung und Konsequenzen auf sich zu nehmen, gehört bereits zum Weg des Erbarmens: wie für Israel, das sich vom Herrn abkehrt, die Annahme der Konsequenzen der Sünde (es handelt sich um den Fall der Exilserfahrung) die erste Möglichkeit darstellt, den Weg der Umkehr aufzunehmen und seine Beziehung zu Ihm neu und tiefer zu entdecken.

f) Die Autorität fördert die

Zusammenarbeit mit den Laien

Die wachsende Zusammenarbeit mit den Laien in Werken und Aktivitäten, die von Personen des geweihten Lebens durchgeführt werden, stellt sowohl an die Gemeinschaften wie auch an die Autoritäten neue Fragen, die neuer Antworten bedürfen. „Die Beteiligung der Laien führt nicht selten zu unerwarteten und fruchtbaren Vertiefungen mancher Aspekte des Charismas“, da die Laien dazu eingeladen sind, „den Ordensfamilien den wertvollen Beitrag ihrer Weltlichkeit und ihres besonderen Dienstes“ anzubieten (72).

Es ist daran erinnert worden dass, um das Ziel einer gegenseitigen Zusammenarbeit von Ordensleuten und Laien zu erreichen, „es jedoch solcher Ordensgemeinschaften (bedarf), die über eine klare, innerlich angenommene und gelebte charismatische Identität verfügen, das heißt die imstande sind, diese auch an andere weiterzugeben und sie mit anderen zu teilen; Ordensgemeinschaften sind notwendig, die tief ihre Spiritualität leben und Freude an ihrer Sendung ausstrahlen, damit sie dadurch denselben Geist und denselben evangelisierenden Schwung weitergeben können; Ordensgemeinschaften sind nötig, die es verstehen, die Laien zu motivieren und dazu zu ermutigen, das Charisma des Instituts entsprechend ihrem welthaften Charakter und gemäß ihrem eigenen Lebensstil anzunehmen, und die diese einladen, neue Formen der Verwirklichung desselben Charismas und derselben Sendung zu entdecken. Auf diese Weise kann die Ordensgemeinschaft zu einem Zentrum werden, das geistliche Kraft ausstrahlt und motiviert, das eine Brüderlichkeit ausstrahlt, die selbst wieder Brüderlichkeit schafft, zu einem Ort gelebter kirchlicher communio und Zusammenarbeit, in der die verschiedenen Beiträge zur Erbauung des Leibes Christi, der die Kirche ist, zusammengeführt werden“ (73).

Es ist weiter notwendig, dass die Kompetenzen und Verantwortlichkeiten sowohl der Laien als auch der Ordensleute wie auch der Zwischeninstanzen (Verwaltungsräte und ähnliches) ausführlich beschrieben werden. Bei all dem kommt demjenigen, der einer Gemeinschaft von Personen des geweihten Lebens vorsteht, eine unersetzbare Rolle zu.

Schwieriger Gehorsam

26. In der konkreten Erfüllung des Auftrags können sich einige Formen des Gehorsams als besonders schwierig erweisen, da die Perspektiven oder Modalitäten des apostolischen oder diakonalen Handelns auf unterschiedliche Weise empfunden und gedacht werden können. Gegenüber einigen schwierigen Formen des Gehorsams, die scheinbar sogar „absurd“ sind, kann die Versuchung des Misstrauens und sogar des Aufgebens aufkommen: Lohnt es sich, weiterzumachen? Kann ich meine Vorstellungen in einem anderen Kontext nicht besser verwirklichen? Warum sich in fruchtlosen Meinungsverschiedenheiten aufreiben?

Schon der heilige Benedikt behandelt die Frage des Gehorsams, „wenn einem Bruder etwas aufgetragen wird, das ihm zu schwer oder unmöglich ist“, und der heilige Franz von Assisi hat den Fall betrachtet, in dem „der Untergebene etwas sieht, das besser oder nützlicher für seine Seele wäre, als das, was der Obere ihm aufträgt“. Der Vater des Mönchtums fordert in seiner Antwort ein freies, offenes demütiges und vertrauensvolles Gespräch zwischen Mönch und Abt; Am Ende gilt jedoch für den Mönch falls dies verlangt wird: „Im Vertrauen auf Gottes Hilfe gehorche er aus Liebe“ (74) Der Heilige aus Assisi lädt zu einem „von der Liebe getragenen Gehorsam“ ein, in dem der Bruder gerne seine Ansichten aufgibt und die verlangte Anweisung erfüllt, denn auf diese Weise „leistet er Gott und dem Nächsten Genüge“ (75); und er sieht „vollkommenen Gehorsam“ da, wenn der Ordensmann zwar nicht gehorchen kann, weil ihm etwas „gegen seine Seele“ befohlen wird, er aber dennoch die Einheit mit dem Oberen und der Gemeinschaft nicht verletzt, und dafür sogar bereit ist, Verfolgung zu ertragen. „Denn – so erklärt Franziskus – wer eher Verfolgung erträgt, als dass er von seinen Brüdern getrennt werden wollte, der verharrt wahrlich im vollkommenen Gehorsam, weil er sein Leben einsetzt für seine Brüder“ (76). So werden wir daran erinnert, dass Liebe und Gemeinschaft höchste Werte darstellen, denen auch die Ausübung der Autorität und des Gehorsams unterstellt sind.

Man muss einerseits erkennen, dass ein gewisses Festhalten an persönlichen Vorstellungen und Überzeugungen verständlich ist, die Frucht von mit der Zeit gereiften Überlegungen oder Erfahrungen sind, und dass es auch etwas Gutes ist, zu versuchen, diese – immer im Hinblick auf das Reich Gottes – in einem aufrichtigen und konstruktiven Dialog zu verteidigen und vorzubringen. Andererseits darf nicht vergessen werden, dass das Vorbild immer Jesus von Nazaret ist, der auch im Leiden Gott gebeten hat, seinen väterlichen Willen zu erfüllen und sich auch vor dem Tod am Kreuz nicht zurückgezogen hat (vgl. Heb 5, 7–9).

Wenn von der Person des geweihten Lebens verlangt wird, auf die eigenen Vorstellungen oder Pläne zu verzichten, kann sie Ohnmacht oder ein Gefühl der Ablehnung gegenüber der Autorität erfahren, oder sie kann in sich „lautes Schreien und Tränen“ (vgl. Heb 5, 7) verspüren und das Flehen, dass dieser bittere Kelch vorübergehen möge. Doch das ist auch der Moment, in dem man dem Vater vertrauen muss, damit Sein Wille geschehe und damit man so auch konkret, mit seiner ganzen Person, an der Mission Christi „für das Leben der Welt“ (Joh 6, 51) teilhaben kann.

Indem man dieses schwere „Ja“ ausspricht, kann man die Bedeutung des Gehorsams als höchstem Akt der Freiheit, der dadurch zum Ausdruck kommt, dass man sich Christus, dem Sohn, der aus freiem Willen dem Vater gehorsam war, vollkommen und vertrauensvoll überlässt, in seiner ganzen Tiefe erfassen; und man kann die Bedeutung der Mission verstehen als gehorsame Hingabe seiner selbst, die den Segen des Höchsten auf sich zieht: „Ich will dir Segen schenken in Fülle ... Segnen sollen sich mit deinen Nachkommen alle Völker der Erde, weil du auf meine Stimme gehört hast“ (Gen 22, 17.18). Die gehorsame Person des geweihten Lebens weiß, dass sie in diesem Segen alles das wiederfinden wird, was sie durch das Opfer der Hingabe aufgegeben hat; in diesem Segen ist auch die volle Verwirklichung seines Menschseins erhalten (vgl. Joh 12,25).

Gehorsam und Verweigerung aus Gewissensgründen

27. Hier kann eine Frage auftauchen: Kann es Situationen geben, in denen das persönliche Gewissen es nicht zuzulassen scheint, den von der Autorität erteilten Anweisungen zu folgen? Kann es also passieren, dass die Person geweihten Lebens unter Bezugnahme auf die Vorschriften oder gegenüber seinen Oberen erklären muss: „Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen“ (Apg 5,29)? Es handelt sich um den Fall der sogenannten Verweigerung aus Gewissensgründen, von dem schon Paul VI. gesprochen hat (77) und der in seiner wirklichen Bedeutung erfasst werden muss.

Wenn es auch wahr ist, dass das Gewissen der Ort ist, an dem die Stimme Gottes erklingt und uns anzeigt, wie wir uns verhalten sollen, so ist es doch auch wahr, dass man lernen muss, mit großer Aufmerksamkeit auf diese Stimme zu hören, um sie zu erkennen und von anderen Stimmen unterscheiden zu können. So darf man diese Stimme nicht mit jenen verwechseln, die aus einem Subjektivismus hervorgehen, der die zur Ausbildung des Gewissensurteils unverzichtbaren und verbindlichen Quellen und Kriterien ignoriert oder vernachlässigt: „In Wirklichkeit ist das zum Herrn und zur Liebe des Guten bekehrte ,Herz‘ die Quelle der wahren Urteile des Gewissens (78), und „die Freiheit des Gewissens (ist) niemals Freiheit ,von‘ der Wahrheit, sondern immer und nur Freiheit ,in‘ der Wahrheit“ (79).

Die Person des geweihten Lebens wird also zunächst lange nachdenken müssen, bevor sie zu dem Schluss kommt, dass nicht der empfangene Gehorsam, sondern das, was sie in sich verspürt, den Willen Gottes darstellt. Sie wird außerdem bedenken müssen, dass das Gebot der Vermittlung in allen Fällen berücksichtigt werden muss, und sich davor hüten, schwerwiegende Entscheidungen ohne eine Gegenüberstellung oder Überprüfung zu treffen. Es bleibt natürlich unbestritten, dass das was zählt folgendes ist: zur Erkenntnis und Erfüllung des Willens Gottes zu gelangen. Doch es sollte genauso unbestritten sein, dass die Person des geweihten Lebens sich durch ein Gelübde verpflichtet hat, diesen heiligen Willen durch bestimmte Vermittlungen zu empfangen. Zu sagen, das, was zähle sei der Wille Gottes und nicht die Vermittlungen und diese zu verweigern oder sie nur nach eigenem Gutdünken anzunehmen, kann dem eigenen Gelübde die Bedeutung nehmen und das eigene Leben um eines seiner grundsätzlichen Wesensmerkmale bringen.

Folglich gilt: „Abgesehen davon, dass etwas verlangt wird, was den Gesetzen Gottes oder den Konstitutionen des Institutes deutlich widerspricht oder mit Sicherheit zu einem schweren Nachteil führt – in solchen Fällen erlischt nämlich die Gehorsamspflicht –, betreffen die Entscheidungen eines Oberen ein Gebiet, in dem das Urteil über das, was das größere Gut ist, je nach dem Gesichtspunkt verschieden sein kann. Aus der Tatsache, dass das Befohlene wirklich das geringere Gut zu sein scheint, zu folgern, es sei nicht berechtigt und gegen das Gewissen, hieße wirklichkeitsfremd sein und nicht begreifen, dass es im menschlichen Leben viel Dunkelheit gibt und viele Dinge zwei Seiten haben. Außerdem fügt die Verweigerung des Gehorsams dem Gemeinwohl häufig schweren Schaden zu. Deshalb soll der Ordenschrist nicht leichtfertig behaupten, das Urteil seines Gewissens stehe im Widerspruch zu der Entscheidung des Oberen. Ein solcher Ausnahmefall wird zuweilen nach dem Vorbild Christi, ,der durch Leiden den Gehorsam gelernt? hat (Heb 5,8), echtes inneres Leid mit sich bringen“ (80).

Die schwierige Autorität

28. Doch auch die Person, die Autorität ausübt, kann sich entmutigt oder ernüchtert fühlen: Angesichts des Widerstands von Personen oder Gemeinschaften, angesichts gewisser Fragen, die unlösbar scheinen, kann die Versuchung entstehen, sich nicht um die Dinge zu kümmern und jede Anstrengung, die Situation zu verbessern, als unnütz zu erachten. Es zeichnet sich also die Gefahr ab, zu Verwaltern der Routine zu werden, die sich mit der Mittelmäßigkeit abfinden, die gehemmt sind, einzuschreiten, nicht den Mut haben, die Ziele des authentischen geweihten Lebens aufzuzeigen und Gefahr laufen, die ursprüngliche Liebe und den Wunsch, diese zu bezeugen, zu verlieren.

Wenn die Ausübung der Autorität belastend und schwierig wird, ist es gut, sich daran zu erinnern, dass der Herr Jesus diese Aufgabe als einen Akt der Liebe zu sich betrachtet („Simon, Sohn des Johannes, liebst du mich?“ – Joh 21,16); und es ist heilsam, die Worte des Paulus nochmals zu hören: „Seid fröhlich in der Hoffnung, geduldig in der Bedrängnis, beharrlich im Gebet! Helft den Heiligen, wenn sie in Not sind“ (Röm 12, 12–13).

Das stille innere Leiden, das die Treue zur eigenen Aufgabe begleitet, die manchmal von der Einsamkeit und dem Unverständnis derjenigen gezeichnet ist, denen man sich schenkt, wird ein Weg zur persönlichen Heiligung und Vermittlung des Heils für die Menschen, aufgrund derer man leidet.

Gehorsam bis zum Schluss

29. Wenn das Leben des Gläubigen eine einzige Suche nach Gott ist, dann wird jeder Tag des Daseins ein ständiges Erlernen der Kunst, Seine Stimme zu hören, um Seinen Willen zu erfüllen. Es handelt sich natürlich um eine stark beanspruchende Schule, fast um eine Art Kampf zwischen jenem Ich, das Herr über sich selbst und seine Geschichte sein möchte und Gott, der der „Herr“ jeder Geschichte ist; eine Schule, in der man lernt, Gott und seiner Väterlichkeit so sehr zu vertrauen, dass man sein Vertrauen auch auf die Menschen, seine Kinder und unsere Brüder und Schwestern setzt. So wächst die Gewissheit, dass der Vater uns niemals verlässt, selbst in den Augenblicken nicht, in denen es notwendig ist, die Sorge um das eigene Leben den Händen der Brüder und Schwestern anzuvertrauen, in denen man das Zeichen seiner Gegenwart und die Vermittlung seines Willens sehen muss.

Mit einem – wenn auch unbewussten – Akt des Gehorsams sind wir geboren worden, haben wir jenen guten Willen angenommen, der unser Dasein dem Nicht-Dasein vorgezogen hat. Wir werden den Weg mit einem anderen Akt des Gehorsams beschließen, den wir uns so bewusst und frei wie möglich wünschen, doch vor allem als Ausdruck des Sich-Überlassens an jenen guten Vater, der uns endgültig zu sich ruft, in sein Reich unendlichen Lichts, wo unsere Suche zu Ende sein wird, und unsere Augen ihn an einem Sonntag ohne Ende sehen werden. Dann werden wir vollkommen gehorsam und verwirklicht sein, weil wir für immer Ja zu jener Liebe sagen werden, die uns geschaffen hat, damit wir mit Ihm und in Ihm glücklich sein können.

Ein Gebet der Person, die Autorität ausübt

30. „O guter Hirte, Jesus, guter Hirte, gnädiger Hirte, freundlicher Hirte, ein armer und elender Hirte erhebt seinen Ruf zu dir, ein schwacher Hirte, unerfahren und unnütz, und dennoch ein Hirte deiner Schafe.

Unterweise mich, deinen Diener, o Herr, ich bitte dich, unterweise mich durch deinen Heiligen Geist darin, wie ich meinen Brüdern dienen und mich für sie hingeben kann. Gewähre mir, oh Herr, durch deine unsagbare Gnade, mit Geduld ihre Schwächen zu ertragen, mit Wohlwollen an ihren Leiden teilzuhaben und ihnen auf vorsichtige Weise zu helfen. In der Schule deines Geistes lass mich lernen, die Traurigen zu trösten, die Kleinmütigen zu stärken, die Gefallenen aufzurichten, mit den Schwachen schwach zu sein, mich mit denen zu entrüsten, die Schande erleiden, mich zu allem für alle zu machen, um alle zu retten. Lege mir wahre, richtige und gefällige Worte in den Mund, so dass sie im Glauben erbaut werden, in der Hoffnung und in der Liebe, in der Keuschheit und in der Demut, in der Geduld und im Gehorsam, in der Leidenschaft des Geistes und dem Elan des Herzens.

Ich vertraue sie deinen heiligen Händen und deiner liebevollen Vorsehung an, damit niemand sie aus deiner Hand oder aus der Hand deines Dieners entführt, dem du sie anvertraut hast, sondern damit sie voller Freude auf ihrem heiligen Vorsatz beharren und in dieser Beharrlichkeit das Ewige Leben erlangen, mit deiner Hilfe, o unser geliebter Herr, der du lebst und herrschst von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen“ (81).

Gebet an die Jungfrau Maria

31. O geliebte und heilige Jungfrau Maria, Du hast uns bei der Verkündigung des Engels durch deinen gläubigen und fragenden Gehorsam Christus geschenkt. In Kana hast Du uns mit deinem aufmerksamen Herzen gezeigt, wie man verantwortlich handelt. Du hast nicht passiv auf das Einschreiten deines Sohnes gewartet, sondern bist ihm zuvorgekommen, hast ihn auf die Not aufmerksam gemacht und mit zurückhaltender Autorität die Initiative ergriffen, die Diener zu ihm zu schicken.

Unter dem Kreuz hat der Gehorsam dich zur Mutter der Kirche und der Gläubigen gemacht, und im Abendmahlssaal hat jeder Jünger in dir die süße Autorität der Liebe und des Dienens erkannt.

Hilf uns zu verstehen, dass jede wahre Autorität in der Kirche und im geweihten Leben ihren Grund im Gehorsam gegenüber dem Willen Gottes hat und dass jeder von uns, durch das eigene, im Gehorsam gegenüber Gott gelebte Leben, Autorität für die anderen wird.

O gnädige und barmherzige Mutter, „die du bereit im Gehorsam ... den Willen des Vaters erfüllt hast“ (82), mach, dass wir in unserem Leben aufmerksam auf das Wort achten, treu in der Nachfolge Jesu, des Herrn und Dieners, im Licht und mit der Kraft des Heiligen Geistes, voll Freude in der brüderlichen Gemeinschaft, selbstlos in der Sendung, eifrig im Dienst für die Armen, im Hinblick auf den Tag, in dem der Gehorsam des Glaubens in das Fest der ewigen Liebe einmünden wird.

Rom, den 11. Mai 2008, Pfingstsonntag

Kardinal Franc Rodé, C.M.

Präfekt

+ Gianfranco A. Gardin, OFM Conv.

Sekretär

(1) Vgl. Johannes Paul II. Nachsynodales Apostolisches Schreiben „Vita consecrata“, (25. März 1996), 1.

(2) Dante Alighieri, Die Göttliche Komödie, Paradies, III, 85.

(3) Vgl. Kongregation für die Institute des geweihten Lebens und die Gesellschaften des Apostolischen Lebens, Instruktion „Das brüderliche Leben in Gemeinschaft“ (2. Februar 1994), 5; Kongregation für die Institute des geweihten Lebens und die Gesellschaften des Apostolischen Lebens, Instruktion „Wesentliche Elemente in der Lehre der Kirche über das Ordensleben“ (31. Mai 1983), 41.

(4) Vgl. Kodex des kanonischen Rechts, can. 631, § 1; vgl. Vita consecrata, 42.

(5) Vgl. Johannes Paul II., Apostolisches Schreiben Novo millennio ineunte (6. Januar 2001); 43–45; Vita consecrata, 46; 50.

(6) Kongregation für die Institute des geweihten Lebens und die Gemeinschaften des apostolischen Lebens, Instruktion Potissimum institutioni (2. Februar 1990), besonders Nrn. 15, 24–25, 30–32.

(7) Besonders Nrn. 47–52.

(8) Besonders Nrn. 42–43, 91–92.

(9) Kongregation für die Institute des geweihten Lebens und die Gemeinschaften des apostolischen Lebens, Instruktion Neubeginn in Christu (19. Mai 2002), besonders Nrn. 7 und 14.

(10) Bernhard von Clairvaux, De diversis, 42,3: PL 183,662B.

(11) Bernhard von Clairvaux, De errore Abelardi, 8, 21: PL 182,1070A.

(12) Benedikt XVI., Enzyklika Spe salvi (30. November 2007), 43; vgl. Conc. Ecum. Lateranense IV, in DS 806.

(13) „Innerlicher als mein Innerstes“: Augustinus, Bekenntnisse, III, 6, 11.

(14) Benedikt XVI., Schreiben an den Präfekten der Kongregation für die Institute des geweihten Lebens und die Gesellschaften des apostolischen Lebens anlässlich der Vollversammlung, 27. September 2005.

(15) Benediktus-Regel, Prolog, 3. Vgl. auch Augustinus, Regel, 7; Franziskus von Assisi, Nicht bullierte Regel, I, 1; Bullierte Regel, I, 1; vgl. Vita consecrata, 46.

(16) Kodex des kanonischen Rechts, can. 618.

(17) Vgl. Zweites Vatikanisches Konzil, Dekret über die zeitgemäße Erneuerung des Ordenslebens, Perfectae caritatis, 14. Vgl. Kodex des kanonischen Rechts, can. 601.

(18) Paul VI., Apostolisches Schreiben „Evangelica testificatio” (29. Juni 1971), 29.

(19) Vgl. Evangelica testificatio, 25.

(20) Ignatius von Loyola, Konstitutionen, 84.

(21) Vgl. Benedikt XVI., Postsynodales Apostolisches Schreiben „Sacramentum caritatis“ (22. Februar 2007), 12.

(22) Vgl. Kongregation für die Institute des geweihten Lebens und die Gesellschaften des Apostolischen Lebens und Kongregation für die Bischöfe, Richtlinien über die Beziehungen zwischen Bischöfen und Ordensleuten in der Kirche „Mutuae relationes“ (14. Mai 1978), 13.

(23) Perfectae caritatis, 14.

(24) Benedikt XVI., Predigt bei der Hl. Messe zur Amtseinführung (24. April 2005), in AAS 97 (2005), S. 709.

(25) Ignatius von Antiochien, Brief an Polykarp, 4,1.

(26) Vgl. Augustinus, Enarrationes in Psalmos 70. I. 2: PL 36,875.

(27) Vgl. Das brüderliche Leben in Gemeinschaft, 50.

(28) Benedikt XVI., Ansprache an die Generaloberen und Generaloberinnen, 22. Mai 2006, in Insegnamenti di Benedetto XVI, II, 1, Citta del Vaticano, 659; vgl. Neubeginn in Christus, 24–26.

(29) Vgl. Konstitution Lumen gentium, 11; Neubeginn in Christus, 26.

(30) Vgl. Sacramentum caritatis 8.37.81.

(31) Vgl. Vita consecrata, 42.

(32) Vgl. Mutuae Relationes, 34–35.

(33) Benedikt XVI., Predigt bei der Chrisammesse (20. März 2008)

(34) Neubeginn in Christus, 32.

(35) Vgl. Kodex des kanonischen Rechtes, can. 590, § 2.

(36) Vgl. Vita consecrata 46.

(37) Vita consecrata, 70.

(38) Vgl. Das brüderliche Leben in Gemeinschaft, 32.

(39) Vgl. Kodex des kanonischen Rechts, cann. 617-619.

(40) Kodex des kanonischen Rechts, can. 618.

(41) Kodex des kanonischen Rechts, can. 618.

(42) Kodex des kanonischen Rechts, can. 601.

(43) Kodex des kanonischen Rechts, can. 619.

(44) Tatsächlich ist die religiöse Gemeinschaft darauf ausgerichtet, dem Primat der Liebe Gottes zu folgen und ihn zu bekunden, dem eigentlichen Ziel des geweihten Lebens und folglich auch erste Pflicht und apostolische Aufgabe der einzelnen Mitglieder der Gemeinschaft. Vgl. Kodex des kanonischen Rechts, cann. 573; 607; 663, § 1; 673.

(45) Kodex des kanonischen Rechts, can. 619.

(46) Vgl. Kodex des kanonischen Rechts, cann. 619; 602; 618.

(47) Vgl. Perfectae caritatis, 14.

(48) Vita consecrata, 92.

(49) Sacramentum caritatis, 15.

(50) Vgl. Vita consecrata, 42.

(51) Das brüderliche Leben in Gemeinschaft, 51.

(52) Vgl. Perfectae caritatis, 14.

(53) Benedikt-Regel, 3, 1.3.

(54) Vgl. Vita consecrata, 43; Das brüderliche Leben in Gemeinschaft, 50c; Neubeginn in Christus, 14.

(55) Das brüderliche Leben in Gemeinschaft, 32.

(56) Vita consecrata, 92.

(57) Vgl. Vita consecrata, 43.

(58) Benedikt-Regel 71, 1–2.

(59) Benedikt-Regel, 72, 4–7.

(60) Basilius von Cäsarea, Kurzgefasste Vorschriften, 115: PG 31, 1161.

(61) Bernhard von Clairvaux, De consideratione, II, XI, 20: PL 182,754D.

(62) Klara von Assisi, Testamento, 61–62.

(63) Johannes Paul II. vor der Vollversammlung der Kongregation für die Institute des geweihten Lebens und die Gesellschaften des Apostolischen Lebens (20. November 1992), in AAS 85 (1993), 905; vgl. Das brüderliche Leben in Gemeinschaft, 54; 71.

(64) Das brüderliche Leben in Gemeinschaft, 54.

(65) Ignatius von Loyola, Geistliche Übungen, 95, 4–5.

(66) Vita consecrata, 92.

(67) Vgl. Vita consecrata, 43.

(68) Vgl. Das brüderliche Leben in Gemeinschaft, 50.

(69) Vgl. Das brüderliche Leben in Gemeinschaft, 59.

(70) Franz von Assisi, Brief an einen Minister, 7–10.

(71) Vgl. Johannes Paul II., Dives in misericordia (30. November 1980), 6.

(72) Vita consecrata, 55; vgl. Neubeginn in Christus, 31.

(73) Das brüderliche Leben in Gemeinschaft, 70.

(74) Benedikt-Regel 68, 1-5.

(75) Franz von Assisi, Ermahnungen III, 5–6.

(76) Franz von Assisi, Ermahnungen III, 9.

(77) Vgl. Paul VI., Evangelica testificatio, 28-29.

(78) Johannes Paul II., Veritatis splendor (6. August 1993), 64.

(79) Veritatis splendor, 64.

(80) Evangelica testificatio, 28.

(81) Aelred von Rievaulx, Oratio pastoralis, 1; 7; 10, in CC CM I, 757–763..

(82) Vita consecrata, 112.