Vom „demografischen Terrorismus“ der Industrieländer

Ein Gespräch mit dem Erzbischof von Tegucigalpa und Präsidenten von Caritas Internationalis, Kardinal Óscar Rodríguez Maradiaga. Von Regina Einig

Mexikanische Grenzbeamte retten drei Honduraner aus dem reißenden Rio Bravo an der Grenze zwischen Mexiko und den USA. Die Männer versuchten, illegal in die Vereinigten Staaten einzureisen. Der Erzbischof von Tegucigalpa in Honduras und Präsident von Caritas Internationalis, Kard... Foto: dpa
Mexikanische Grenzbeamte retten drei Honduraner aus dem reißenden Rio Bravo an der Grenze zwischen Mexiko und den USA. D... Foto: dpa
Eminenz, sind die Millenniums-Entwicklungsziele der Vereinten Nationen aus Ihrer Sicht gescheitert? Was ist mit der Bekämpfung von extremer Armut bis 2015, mit der Primarschulbildung für alle, mit der Senkung der Kindersterblichkeit, mit der Verbesserung der Gesundheitsvorsorge für die Mütter, Bekämpfung von Aids, Malaria, und anderen schweren Krankheiten? Was wurde getan für die ökologische Nachhaltigkeit, die Verbesserung der Trinkwasserversorgung?

Das erste Millenniums-Entwicklungsziel ist aus meiner Sicht am stärksten in Frage gestellt. Bis 2015 sollte der Anteil der extrem armen Menschen halbiert werden, das sind diejenigen, die weniger als den Gegenwert eines US-Dollars pro Tag zum Leben haben. Doch leider hat sich die Armut verschärft anstatt abzunehmen. Nicht, dass es unmöglich wäre, das Millenniumsziel bis 2015 noch zu erreichen, doch es zu erreichen wird durch einen anderen Faktor erschwert: Die Finanzkrise. Sie hat dazu geführt, dass viele Länder ihre Ausgaben gedrosselt haben. Zuerst sind die Hilfen für Arme gekürzt worden. Das ist paradox, gespart werden sollte an anderen Stellen. Die Situation ist also ziemlich schwierig, aber nicht völlig aussichtslos. Wenn das erste Millenniumsziel nicht hundertprozentig erreicht werden kann, soll man es dennoch nicht aus den Augen verlieren, denn aus der Armut entsteht eine Kette von Schwierigkeiten.

Wie sieht das in Ihrer Heimat aus?

Nehmen wir die unkontrollierte Migration: Wenn die Armut zunimmt, verringert sich die Zahl der Arbeitsplätze. Um zu überleben, setzen die Menschen, die Arbeit suchen, alles daran, ins Ausland zu kommen. Welche Hindernisse sie dabei überwinden müssen, spielt dabei keine Rolle. Wir erleben das gerade bei den jungen Leuten in Honduras, die viele Schwierigkeiten in Kauf nehmen, um über die Grenze in die Vereinigten Staaten von Amerika zu kommen. Wer es schafft, wird oft ausgebeutet und findet keine anständige Arbeit. Dieses Problem könnte man eindämmen, wenn es in den Heimatländern der Migranten mehr Entwicklungsmöglichkeiten gäbe.

Die lateinamerikanischen Bischöfe haben sich für eine Reform der Einwanderungsgesetze der Vereinigten Staaten ausgesprochen. Wie stehen Sie dazu?

Ja, ich halte das für wichtig. Die Vereinigten Staaten brauchen die ausländischen Arbeitskräfte. Vor allem in Bundesstaaten wie Kalifornien, Texas, und Arizona zeigt sich, dass die einheimische Bevölkerung nicht mehr in der Landwirtschaft arbeiten will. Ein verbessertes Einwanderungsgesetz könnte eine geregelte und auch befristete Migration für solche Arbeitsbereiche mit den notwendigen Garantien ermöglichen. Abgesehen davon leben viele Menschen seit Jahren ohne Papiere in den Vereinigten Staaten, sodass die Familien oft auseinandergerissen sind. Auch diese Fälle könnten gelöst werden. Wir halten eine Reform der Einwanderungsgesetze im Sinne einer positiven Regelung für notwendig, gerade mit Blick auf die Migranten ohne Papiere, die sich verstecken. Es geht nicht darum, alle hereinzulassen.

Als Schirmherr der Entschuldungskampagne „Jubilee 2000“ haben Sie sich zur Jahrtausendwende für einen Schuldenerlass für die „Länder des Südens“ eingesetzt. Wie bewerten Sie die Kampagne im Rückblick? War sie vergeblich?

Nein, vergeblich war sie nicht. Die Kampagne hat die Schuldenlast einiger Länder erleichtert und vorwärtsgebracht. Leider nicht alle. In manchen Ländern sind die Politiker regelrecht süchtig danach, Staatsschulden zugunsten schneller Lösungen zu machen, während die Probleme auf die lange Bank geschoben werden. Dieses Suchtverhalten muss man bekämpfen.

In Europa wird derzeit viel über die demografische Krise diskutiert. Man spricht von einem Wettbewerb um hochqualifizierte Arbeitskräfte. Müssen sich die schwächer entwickelten Länder auf einen Kampf um die besten Köpfe gefasst machen?

Ja, diese Abwerbung ist in mehreren Ländern Lateinamerikas schon im Gang. Es gibt ja bereits Überlegungen zu einer Theorie des „demografischen Terrorismus“, der von den hochindustrialisierten Ländern ausgeht. Neulich habe ich einen Bericht darüber gelesen, wer im Jahr 2050 in Italien leben wird. Der Autor formulierte etwas überspitzt: „Alle, außer den Italienern, denn uns wird es dort nicht mehr geben.“ Das ist zwar übertrieben, aber nachdenken muss man schon: Der Kern der Bevölkerung ist die Familie. Ohne die Familie geht es nicht.

Könnte sich die Fachkräftemigration nicht auch positiv auswirken? Etwa so, dass gute Leute sich im Ausland weiterqualifizieren und dieses Wissen nach der Rückkehr als Kapital in ihre Heimat mitbringen?

Ja, das wäre ideal, wenn sie nicht im Ausland bleiben, sondern im Ausland lernen, um ihrem eigenen Land weiterzuhelfen. Noch sind die lateinamerikanischen Länder den hochindustrialisierten Staaten in puncto wissenschaftlicher Fortschritt unterlegen, wenn man beispielsweise die Zahl der Patentanmeldungen als Maßstab zugrundelegt. Wir schicken junge Hochschulabsolventen aus Honduras nach Deutschland und wenn sie zurückkommen haben sie einen weiteren Horizont. Aber dafür müssen dann auch die Voraussetzungen stimmen. Ein guter Freund von mir hat als Bergbauingenieur in Honduras keine Stelle gefunden, obwohl das Land reich an Bodenschätzen ist. Er ist dann wieder nach Deutschland gegangen und hat hier eine Familie gegründet. Wir müssen etwas tun, damit Fachkräfte bei uns Arbeit finden. Unsere Katholische Universität arbeitet daran, um einen Studiengang für Bergbauwissenschaft einrichten zu können. Einige studieren derzeit in Europa, um später Lehrstühle an der Katholischen Universität übernehmen zu können.

Mehrere lateinamerikanische Staaten haben die gesetzlichen Regelungen für Adoptionen verschärft. Sehen Sie in Auslandsadoptionen einen akzeptablen Weg gegen die Armut?

Wenn Adoptionen nach den gesetzlichen Bestimmungen vermittelt werden und nicht als Geschäft, das heißt als eine Form des Menschenhandels betrieben werden, ist das immer ein Gewinn. Der Gesetzgeber muss natürlich die Würde des Kindes im Blick haben. Ich kenne viele Fälle, in denen Kinder vollkommen alleingelassen waren und Familien ihnen durch eine Adoption eine neue Lebensperspektive geboten haben.

Die Familie scheint in Europa zum bevorzugten Experimentierfeld der Laizisten zu werden. Besonders zeigt sich das heute im sozialistisch regierten Spanien. Teilen Sie die Befürchtung, dass einschlägige Gesetzesänderungen in Spanien früher oder später auf das spanischsprachige Lateinamerika abfärben?

Nun, der Laizismus ist auf unserem Kontinent nichts Neues. Nach der Unabhängigkeit sind fast alle lateinamerikanischen Staaten unter der Flagge eines stark antiklerikalen Laizismus entstanden. Auch die Kirche ist in einigen Ländern Lateinamerikas verfolgt worden. Was wir brauchen ist eine gesunde Laizität, im Unterschied zum Laizismus, der in Bezug auf Glauben und Religion negativ konnotiert ist. In dem Moment, wo Laizisten auf Konfrontationskurs sind, geht die Sache schief. Die Trennung von Kirche und Staat muss nicht zwangsläufig Konfrontation bedeuten.

Die friedliche Zusammenarbeit von Kirche und Staat für das Gemeinwohl ist auch ein Thema, das Papst Benedikt XVI. immer wieder anspricht. Ist die Enzyklika „Caritas in veritate“ in Lateinamerika rezipiert worden?

Es tut mir in der Seele weh, dass sie noch nicht überall durchgedrungen ist. Ich bin für „Caritas Internationalis“ oft unterwegs und stelle dabei fest, dass die Enzyklika teilweise noch unbekannt ist. Wenn wir die Dokumente der Kirche nicht gezielt verbreiten, bleibt bei den Leuten nur der erste Eindruck hängen, den die Schlagzeilen der Medien verbreiten. Nach ein oder zwei Tagen ist alles vergessen. Gerade „Caritas in veritate“ ist aber ein ausgesprochen reicher Text, aus dem die Pastoralpläne aller Diözesen Anregungen übernehmen sollten.