Spiegel eines Lebens

Der emeritierte Erzbischof von Köln, Joachim Kardinal Meisner, ist selbst der beste Botschafter der nach ihm benannten Stiftung. Von Regina Einig

Mitten unter den Gläubigen in seinem Element: Joachim Kardinal Meisner. Foto: dpa
Mitten unter den Gläubigen in seinem Element: Joachim Kardinal Meisner. Foto: dpa

2013 war für das Erzbistum Köln ein besonderes Jahr: Das 25. Dienstjubiläum – der Jahrestag der Ernennung – von Kardinal Joachim Meisner als Erzbischof von Köln und dessen 80. Geburtstag boten Anlass für eine besondere Würdigung. Das Erzbistum dankte seinem Oberhirten für sein Wirken mit einer Stiftung. „Als wir Kardinal Meisner gefragt haben, war er gleich einverstanden“, berichtet Elke Böhme-Barz, Leiterin der Abteilung Stiftungszentrum im Generalvikariat im Gespräch mit der „Tagespost“. Mit einer Million Euro Startkapital legte das Erzbistum Köln den Grundstein. Statt Geburtstagsgeschenken seien die Gäste zum Fest um Spenden beziehungsweise Zustiftungen gebeten worden. „Ich dachte, es ist eine schöne Tradition, so etwas zu tun. Fast alle haben sich daran gehalten“, stellt Frau Böhme-Barz fest.

Auch für Kardinal Meisners Vorgänger, Joseph Kardinal Höffner, hatte das Erzbistum 1977 eine Stiftung errichtet. Die Trägerin der Kardinal-Meisner-Stiftung, die rechtlich selbstständige Erzbischöfliche Stiftung Köln, dient der Beschaffung von Mitteln für kirchliche Einrichtungen in der Erzdiözese Köln und fördert unter anderem Projekte im Bereich Jugend- und Altenhilfe, Kunst und Kultur sowie Bildung und Erziehung.

Zweck der Kardinal-Meisner-Stiftung ist die Förderung der Kirchengemeinden des Erzbistums Köln sowie in den Ländern Mittel-, Ost- und Südosteuropas „zur Stärkung der soliden Glaubensverkündigung und der missionarischen Ausstrahlung der Katholischen Kirche im In- und Ausland“, wie die Satzung formuliert. In Osteuropa pflegte der emeritierte Kölner Oberhirte stets gute Kontakte. Bis heute ist er dort auch häufig zu Gast. „Die Stiftung sollte sein Leben widerspiegeln – und Seelsorge ist sein Leben“, erklärt die engagierte Kommunikationsfachfrau. Osteuropäische Länder lagen dem Kardinal immer am Herzen. Dort ist er nicht nur bekannt, sondern auch bestens vernetzt. Gerade in den ehemaligen Ostblockländern hat man den unbeugsamen Widerstand gegen die kommunistischen Machthaber des langjährigen Erzbischofs von Berlin und seine Treue zu Papst Johannes Paul II. nicht vergessen. So riefen Mitarbeiter polnischer und rumänischer Radiosender in Köln an, als die Stiftung aus der Taufe gehoben wurde, um darüber zu berichten.

Als gelernter Bankkaufmann hat der Kardinal auch einen professionellen Blick auf das Zahlenwerk seiner Stiftung. In die klassische Stiftungsarbeit ist er allerdings nicht eingebunden: Er ist kein Mitglied des Stiftungskuratoriums und kann folglich kein Stimmrecht ausüben, wird aber über jede Entscheidung informiert. Gelegentlich vermittelt der emeritierte Kölner Erzbischof allerdings Antragsteller, beispielsweise, wenn ihm auf Reisen Bitten um Unterstützung vorgetragen werden. Auf Geschenke verzichtet Kardinal Meisner grundsätzlich und verweist stattdessen auf Bedürftige – mit Erfolg. Nicht selten ziehen Reisen des Kardinals erfreuliche Bewegungen auf dem Stiftungskonto nach sich. „Er ist ein großartiger Botschafter seiner Stiftung“, bilanziert Frau Böhme-Barz. Dazu trägt auch bei, dass sich der emeritierte Oberhirte von Köln im Ruhestand mit der digitalen Welt vertraut gemacht hat. Wie geschaffen für die Stiftungsarbeit ist zudem der markante Geburtstagstermin des Kardinals: Joachim Meisner kam am 25. Dezember 1933 zur Welt – zum Weihnachtsfest fällt den meisten Gläubigen das Spenden leicht.

Der Stiftungssatzung zufolge profitieren von den Erträgen und Förderprojekten der Stiftung jeweils zur Hälfte das Erzbistum Köln und osteuropäische Länder. Gefördert wurde beispielsweise in einer Pfarrei in Erkrath das Kirchentaxi, das am Sonntagmorgen Gläubigen, die schlecht zu Fuß sind, den Kirchgang ermöglicht. Auf Antrag der Kirchengemeinde hat die Kardinal-Meisner-Stiftung zwölftausend Euro bewilligt, so dass zwei Jahre hindurch mehrere Senioren morgens zuhause abgeholt und nach der Sonntagsmesse wieder nach Hause gebracht werden können. In Köln-Dünnwald ermöglicht die Stiftung in einem Bürgerladen bedürftigen Kindern das Frühstück. Einer polnischen Pfarrei finanzierte die Stiftung ein Auto, einer bosnischen Gemeinde die Renovierung der Sakristei ihrer Pfarrkirche. In Rumänien wurde der Bau eines Pfarrhauses unterstützt, in Polen und der Ukraine Heizungs- und Installationsarbeiten in einer Kirche durchgeführt. Außerdem laufen diverse Förderprojekte in der Ukraine. Die Stiftung greift Flüchtlingen aus der Ostukraine unter die Arme und hilft einer Kantine für Bedürftige, einem Haus für alleinerziehende Mütter sowie einer Anlaufstelle für Suchtkranke. Auch mit verhältnismäßig überschaubaren Beträgen um die zweitausend Euro könne man dort viel bewegen, meint Frau Böhme-Barz und berichtet bewegt von den Reaktionen der Empfänger: „Bei uns zu bauen kostet das Dreifache. Wenn uns die Empfänger den Mittelverwendungsnachweis schicken, wird in den Begleitschreiben immer auch eine große Freude spürbar.“

Die Stiftung selbst sucht nicht aktiv nach förderungswürdigen Projekten, sondern lässt Anträge kommen. Im Stiftungszentrum des Generalvikariats werden die eingehenden Anträge gesichtet und den einzelnen Stiftungen des Erzbistums zugeordnet. Auf die Kardinal-Meisner-Stiftung entfallen jährlich acht bis neun Anträge. Sind die Stiftungserträge erschöpft, sondiert das Erzbistum Möglichkeiten, durch andere Fördertöpfe zu helfen.

Die Spender selbst gehören zu einem großen Teil der älteren Generation an und haben Kardinal Meisner persönlich erlebt. Viel Wertschätzung für ihn paart sich hier mit einem gediegenen Kommunikationsstil. Das Erzbistum vermeidet im Kontakt mit den Spendern standardisierte Schreiben und antwortet in sehr persönlich gehaltenen Briefen. „Ich weiß, wie wichtig es ist, mit Spendern Kontakt zu halten. Bei größeren Spenden fragen wir nach, ob der Betrag als Spende oder als Zustiftung gedacht ist“, erläutert Frau Böhme Barz. Oft sei der Unterschied den Gebern nicht ganz bewusst. Doch den roten Faden bei der Förderung der Kardinal-Meisner-Stiftung sieht sie bei „charismatischen Projekten, die zu Herrn Kardinal passen: mit kleinen Beträgen eine große Wirkung zu erzielen“.