Mannheim ist eine Reise wert

Die Stadt des Katholikentags wurde durch die Industrie groß, hat aber auch hochkarätige Kultur zu bieten. Von Werner Häussner

„Einen neuen Aufbruch wagen“: Das Leitwort des Katholikentags 2012 passt auch recht gut auf die gastgebende Stadt Mannheim. In ihrer wechselvollen Geschichte musste die Stadt zwischen Rhein und Neckar viele Aufbrüche bewältigen. Bei einem Rundgang durch die „Quadratestadt“, wie Mannheim sich wegen des schachbrettartigen Aufbaus seiner Innenstadt nennt, sind die Zeugnisse dieser Aufbrüche erlebbar.

Mannheim wirkt heute jung und bunt, trägt die Spuren der Dynamik der industriellen Entwicklung, ist geprägt von Nachkriegs-Architektur und einer kulturell vielfältig aktiven Bevölkerung. Schon im 18. Jahrhundert war Mannheim nicht wie andere deutsche Städte. Einen mittelalterlichen Kern gab es so gut wie nicht; die Zerstörungen des Dreißigjährigen Krieges waren verheerend. Kurfürst Karl Ludwig musste 1649 bei Null anfangen, um das ausgeblutete Land wieder aufzubauen. Mannheim profitierte von seiner günstigen Lage. Doch schon vierzig Jahre später zerstörte die französische Artillerie im pfälzischen Erbfolgekrieg, was sich die Bürger mühevoll erarbeitet hatten.

Mit dem Umzug des Pfälzer Kurfürsten Carl Philipp von Heidelberg nach Mannheim 1720 und dem Beginn des Schlossbaus brach für die Stadt eine goldene Zeit an. Handel und Gewerbe, auch Architektur, Musik und Bildung blühten. Das 18. Jahrhundert war die Zeit der „Mannheimer Schule“, aus der bedeutende Musiker wie Christian Cannabich, Carl und Anton Stamitz, Peter von Winter und Franz Danzi hervorgingen.

Das Mannheimer Schloss, mit 450 Metern Länge der zweitgrößte barocke Schlosskomplex Europas, hat genau ein Fenster mehr als das damals größte Schloss, Versailles. Französische Baumeister prägten die Architektur, Alessandro Galli da Bibiena, Spross einer berühmten Architektenfamilie aus Bologna, schuf ein Opernhaus und entwarf die Pläne der Jesuitenkirche. Künstler wie Cosmas Damian Asam und sein Bruder Egid Quirin gestalteten die Räume. Während das Schloss im Zweiten Weltkrieg fast völlig zerstört wurde, überstand die Jesuitenkirche die schweren Bombenangriffe. Der Skulpturenschmuck von Peter Anton von Verschaffelt ist im Wesentlichen erhalten. Die moderne Klais-Orgel steht im eleganten Prospekt des kurpfälzischen Hofbildhauers Paul Egell.

Der Umzug Carl Theodors in die geerbte Wittelsbacher-Residenz München beendete diesen Höhenflug abrupt. Mit dem Hof verließen viele Künstler die Stadt, die nach der Zerschlagung der Kurpfalz zu einer badischen Grenzstadt degenerierte. Doch an die Stelle der Adligen, Militärs und Beamten trat allmählich die Industrie. Sie sorgte für einen zweiten, nachhaltigen Aufbruch, den erst der Zweite Weltkrieg stoppen sollte: In Mannheim entwickelte Karl Drais 1817 sein Zweirad, die „Draisine“. Zwei Generationen später ratterte Bertha Benz mit dem Motorwagen ihres Mannes Carl nach Pforzheim: das Automobil war geboren. In dieser Zeit gehörte Mannheim bereits zu den wichtigsten Bahnknotenpunkten und Binnenhäfen. Und auch wenn die BASF untrennbar mit Ludwigshafen, der Nachbarstadt am linken Rheinufer, verbunden ist: Gegründet wurde die „Badische Anilin- und Soda-Fabrik“ in Mannheim.

Einen Überblick zu 200 Jahren Industriegeschichte bietet das Technoseum, das Landesmuseum für Technik und Arbeit. Ein Denkmal des Aufbruchs in der Moderne wurde zum Wahrzeichen Mannheims: der Wasserturm. Um ihn herum zeugen Repräsentationsbauten aus Gründerzeit und Jugendstil von Wirtschaftskraft und Kunstgeschmack. Die größte evangelische Kirche der Stadt, die Christuskirche, hat Christian Schrade in einer Mischung aus Jugendstil und Neubarock errichtet. In ihrem fast völlig erhaltenen Inneren beeindruckt das „Mannheimer Wunderwerk“, die 1911 fertiggestellte Steinmeyer-Orgel.

Kultur erlebt man in Mannheim nicht nur im Nationaltheater, an dem einst Friedrich Schillers „Die Räuber“ uraufgeführt wurde. Das Reiss-Engelhorn Museum zeigt immer wieder attraktive Ausstellungen, so ab 13. Mai „Benedikt und die Welt der frühen Klöster“. Im Museum Zeughaus kann man sich auf die Theatergeschichte des 18. Jahrhunderts einlassen. Im „Forum Internationale Photographie“ im Zeughaus sind zurzeit Berliner-Mauer-Fotos von Robert Häusser und eine Ausstellung von Reisefotos aus dem Griechenland des 19. Jahrhunderts zu sehen. Und in der Kunsthalle Mannheim ist derzeit das „visuelle Universum“ der Videokunst von Pipilotti Rist zu erleben. Die Schweizer Künstlerin hat eigens für die Ausstellung mit „Administrating Eternity“ ein neues Werk geschaffen.

Info:

www.tourist-mannheim.de

www.kunsthalle-mannheim.eu

www.technomuseum.de

www.rem-mannheim.de

www.nationaltheater-mannheim.de

www.katholikentag.de