Leben wie die Mönche

Was steckt hinter der Klosterbegeisterung? Die tabulose und zur Selbstausbeutung neigende Gesellschaft und ihre Sehnsucht nach Maß. Von Barbara Stühlmeyer

Kloster als Erholungsort
Mit offenen Augen für die Schönheiten der Schöpfung und im Einklang von Gebet und Arbeit: Ein Blick in den Klostergarten in Altötting zeigt, warum moderne Sinnsucher das Kloster als Lebensschule anerkennen. Foto: Symbolbild: dpa
Kloster als Erholungsort
Mit offenen Augen für die Schönheiten der Schöpfung und im Einklang von Gebet und Arbeit: Ein Blick in den Klostergarten... Foto: Symbolbild: dpa

Maßhalten und Verzicht scheinen wieder im Trend. Und das liegt nicht daran, dass Geiz geil ist, sondern dass immer mehr Menschen erkennen, dass unser derzeitiger Lebensstil nicht nur uns selbst, sondern die gesamte Erde unwiderruflich schädigt. „Wenn wir unser eigenes Essen anpflanzten, würden wir nicht ein Drittel verschwenden, so wie wir es heute tun. Wenn wir unsere eigenen Tische und Stühle herstellten, würden wir sie nicht in dem Moment wegwerfen, in dem wir unsere Einrichtung ändern wollen. Wenn wir unser Trinkwasser selbst reinigen müssten, würden wir es vermutlich nicht verschmutzen.“ Was Mark Boyle, der mehrere Jahre völlig ohne Geld lebte und eine ökonomiefreie Stadt gegründet hat, schreibt, kennzeichnet eine Bewegung, die den Lebensstil der Mehrheitsgesellschaft grundsätzlich in Frage stellt. Offenbar antworten seine Ideen und Experimente auf ein weit verbreitetes Bedürfnis. Denn auch in anderen Bereichen zeigt sich, dass der Wunsch, das eigene Leben zu vereinfachen, wie Werner Tiki Küstenmacher es vorschlägt, oder einfach einmal gründlich auszumisten, wie Marie Kondo in ihrem Buch Magic Cleaning aufzeigt, die Weichen neu stellen kann. Was mit Verkaufsinteresse auf den Markt drängende Autoren als neu verkaufen, stellt sich bei näherem Hinsehen als ein Lebensmodell heraus, das Mönche und Nonnen schon seit Jahrhunderten verwirklichen.

„Selbstgebackenes Brot, Gemüse aus dem eigenen Garten, frische Milch, alle Köstlichkeiten des Landes bieten uns bescheidene, aber bekömmliche Nahrung. Wenn wir so leben, wird uns der Schlaf nicht vom Gebet, die Übersättigung nicht von der Lesung abhalten. Im Sommer wird uns der Schatten eines Baumes Schutz bieten, uns zur Ruhe einladen. Im Frühling sind die Wiesen mit Blumen übersät. Zum Zwitschern der Vögel singen sich die Psalmen noch einmal so schön.“ Die Idylle, die Hieronymus hier in einem Brief schildert, zog seinerzeit besonders Frauen der römischen Oberschicht an. Sie flohen aus einem sinnentleerten Luxusleben, das ihnen alles bot und dem doch das Entscheidende fehlte. Die Fülle des Lebens erschloss sich ihnen im Verzicht.

Und was steckt heute hinter der Begeisterung für das klösterliche Leben? Zum einen ist da nicht nur angesichts der aktuellen gesellschaftspolitischen Situation die Frage nach dem Besitz. Der Kirchenlehrer Basilius von Caesarea kennzeichnet den Umgang seiner Zeitgenossen mit Ressourcen, der dem unserer eigenen Epoche zum Verwechseln ähnelt, in seiner Predigt an die Reichen so: „Wenn … der Reichtum trotz tausendfacher Verausgabung immer noch im Überflusse vorhanden ist, so wird er in der Erde verscharrt und in Geheimfächern verwahrt. Wer weiß, was die Zukunft bringt und welch unerwartete Bedürfnisse sich bei uns einstellen! Allerdings ist es unsicher, ob du das vergrabene Geld benötigen wirst, aber nicht ungewiss ist die Strafe für dein unmenschliches Gebaren. Da du mit tausend Einfällen deinen Reichtum nicht erschöpfen konntest, vergräbst du ihn jetzt in der Erde. Ein furchtbarer Unsinn, solange das Gold in den Bergwerken war, die Erde zu durchwühlen und, nachdem man es zutage gefördert, es wieder zu vergraben! Auch glaube ich, trifft es bei dir zu, dass du mit dem Reichtum dein Herz mitvergräbst. ,Denn wo dein Schatz ist‘, heißt es, ,da ist auch dein Herz‘.“ Basilius kritisiert den Umgang mit Geld nicht nur deutlich, er ironisiert das Thema in seiner Predigt über die Habsucht in aller Form, um unmissverständlich klarzumachen, dass eine Fokussierung auf das Habenwollen keine christliche Grundhaltung ist: „Er [der Reiche] hörte auf keinen Propheten und Lehrer; und mochten die Scheunen für die Menge des aufgespeicherten Vorrates zu eng sein und fast bersten – das habsüchtige Herz ward nicht voll. Er schüttete immer eine neue Ernte zur alten und vermehrte so jährlich den Vorrat, konnte sich vom alten Vorrate aus Habsucht nicht losmachen und andererseits doch den neuen überreichen Ertrag nicht fassen, und so kam er in jene Verlegenheit, aus der er keinen Ausweg sah. So härmte er sich immer ab mit Plänen und Sorgen: ,Was soll ich tun?‘ Wer sollte nicht Mitleid haben mit einem so bedrängten Manne? Er ist unglücklich wegen der reichen Ernte und bedauernswert wegen der Schätze, die er schon hat, und noch bedauernswerter ob der zu erhoffenden Güter.“

Die Frage, ob es wirklich richtig ist, dass wir uns in der Wohlstandsgesellschaft eingerichtet haben und ob wir Mauern errichten dürfen, um diejenigen, die aus Krieg und bitterer Armut zu uns kommen und um Hilfe bitten, abzuweisen, beantwortet sich auf dieser Grundlage eigentlich von selbst. „Es ist nicht dein Gut, mit dem du dich gegen die Armen großzügig erweist. Du gibst ihnen nur zurück, was ihnen gehört“, sagt der Kirchenvater Ambrosius. Und der Mailänder Bischof geht in seiner Auslegung des Lukasevangeliums noch weiter: „Manche meinen, es sei schon vollkommene Gerechtigkeit, wenn man das gemeinsame Gut als gemeinsam und das Privateigentum als Privateigentum achte. Doch das entspricht nicht der Natur. Diese erzeugt alles zum gemeinsamen Gebrauch aller. Gott lässt die Früchte des Feldes zur Sättigung der Menschen wachsen, und die Erde bestimmte er zum Gemeineigentum der Menschheit.“

An dieses übrigens in der Apostelgeschichte schon als Merkmal christlichen Lebens geltende Modell vom gemeinsamen Eigentum, das Papst Franziskus in seiner Enzyklika Laudato si' wieder in Erinnerung gebracht hat, knüpfen auch die Klöster an. Benedikt von Nursia besteht ausdrücklich darauf, dass niemand etwas als Eigenbesitz beanspruchen, alles Notwendige aber vom Abt des Klosters erwarten darf. Doch leben wie die Mönche beinhaltet mehr als die Frage nach dem Besitz. Es geht dabei neben der Konzentration auf das Wesentliche im materiellen Bereich ganz wesentlich um eine intellektuelle und spirituelle Neuausrichtung. „Geistliche Übungen, um über sich selbst zu siegen und sein Leben zu ordnen, ohne sich durch irgendeine ungeordnete Neigung bestimmen zu lassen“, überschreibt Ignatius von Loyola seine Anleitung und er fährt fort: „Damit aber sowohl der, welche die geistlichen Übungen gibt, wie der, der sie macht, sich gegenseitig mehr helfen und nützen, müssen sie voraussetzen, dass jeder gute Christ mehr dazu bereit sein muss, die Aussage seines Nächsten für glaubwürdig zu halten, als sie zu verurteilen. Vermag er sie nicht zu rechtfertigen, so forsche er nach, wie jener sie versteht.“

Diese bemerkenswerte Aussage lädt zu einer Kultur des Zuhörens und Nachfragens ein, die eine heilende Kommunikationserfahrung sein kann und in der aktuellen kirchlichen und gesellschaftlichen Situation im wahrsten Sinne des Wortes notwendig ist. In einer Zeit, in der nicht wenige selbst während des Gottesdienstes mal kurz nachsehen, was es bei Facebook Neues gibt, gehört die neunte Stufe der Demut, die Benedikt in seiner Regel beschreibt, zu den grundlegenden Fertigkeiten des geistlichen Lebens: „Der Mönch hält seine Zunge vom Reden zurück, verharrt in der Schweigsamkeit und redet nicht, bis er gefragt wird. Zeigt doch die Schrift: Beim vielen Reden entgeht man der Sünde nicht. Der Schwätzer hat keine Richtung auf Erden.“ Der Verzicht auf Zerstreuung scheint vielen schwer, geradezu unmöglich. Aber der Kirchenvater Tertullian macht in seiner Schrift „Von den Schauspielern“ deutlich, warum er unverzichtbar ist, wenn man im geistlichen Leben weiterkommen möchte: „Wird der, der sich dort [im Theater] befindet, wo nichts Gott angehört, wohl während dieser Zeit an Gott denken? Vermutlich wird er, wenn er für einen Wagenlenker Partei ergreift, seinen Seelenfrieden bewahren. Keuschheit wird er lernen, wenn er von den Komödianten gefesselt wird … Während der Tragöde hochtragisch deklamiert, dann werden einem vermutlich Ausrufungen eines Propheten vorschweben … Während der weichlichen Melodien eines Schauspielers wird man wohl an einen Psalm denken, und wenn die Athleten ringen, wird man an das Wort denken, dass man nicht wiederschlagen darf.“

Nun wird nicht jeder, der die Sehnsucht nach einem anderen, tiefer verwurzelten geistlichen Leben spürt, sofort und uneingeschränkt sein gesamtes Leben in lauterer Motivation spirituelleren Inhalten zuwenden. Er kann und darf, wie der Kirchenvater Augustinus es von sich selbst in seinen Bekenntnissen schildert, durchaus Brücken wie literarisches, rhetorisches oder künstlerisches Interesse nutzen: „Ich hörte fleißig seine [Ambrosius] öffentlichen Vorträge, zwar nicht in der Absicht, wie ich es hätte tun sollen, sondern gleichsam nur, um seine Beredsamkeit zu prüfen, ob sie seinem Ruhm entspräche. … Indem ich mein Herz öffnete, um in mich aufzunehmen, wie beredt er spräche, prägte sich zugleich, wenngleich in Stufen mit ein, wie wahr er spräche.“

Das Bemerkenswerte und Wunderbare am geistlichen Leben ist, dass es zwar eine innere Neuorientierung erfordert, alles weitere sich aber gleichsam natürlich daraus ergibt, wie Bischof Athanasius in der Lebensbeschreibung des Mönchsvater Antonius beschreibt: „Fürchtet euch nicht, wenn ihr ,Tugend‘ hört und seid nicht befremdet von dem Wort; denn sie ist nicht fern von uns, und tugendhaftes Verhalten ist leicht, wenn wir es nur wollen. Die Griechen reisen in die Fremde und überqueren das Meer, um Wissenschaften zu studieren; wir aber haben es nicht nötig, in die Fremde zu gehen um des Himmelreiches und das Meer zu überqueren um der Tugend willen. Denn schon vor langer Zeit hat der Herr verkündet: ,Das Himmelreich ist in euch (vgl. Lukas 17, 21).‘“

Es kommt also nicht darauf an, die passenden Accessoires zu kaufen oder den richtigen Ort zu besuchen, wohl aber ist die Kommunikation mit Gleichgesinnten ein Wachstumsmotor für das geistliche Leben, wie Franz von Sales in sympathischer Selbsteinschätzung in seiner Philothea beschreibt: „Im Übrigen, lieber Leser, ist es wohl wahr, dass ich über die Frömmigkeit schreibe, ohne selbst fromm zu sein, aber gewiss nicht ohne den Wunsch, es zu werden. Die Liebe zur Frömmigkeit gibt mir den Mut, dich darin zu unterweisen; denn nach dem Ausspruch eines großen Schriftstellers ist ein guter Weg zu lernen das Studium, ein besserer das Hören, der beste aber das Lehren.

Oft schreibt Augustinus, empfängt man, indem man gibt. Wer zu lehren hat, ist zu lernen gezwungen.“ Lernen aber bedeutet, etwas wirklich begreifen zu wollen. An diesem Punkt wird derjenige, der sich auf ein Leben wie die Mönche einlässt, unweigerlich mit sich selbst konfrontiert. Dass diese nicht immer leichte oder erfreuliche Begegnung mit dem eigenen Schatten schon in den ersten Mönchskolonien zum geistlichen Trainingsprogramm gehörte, erzählt der Autor der Lebensbeschreibung der Maria von Ägypten: „So war es die Regel in diesem Kloster, und vollkommen wurde sie auch erfüllt: Ein jeder lebte [in der Fastenzeit] in der Wüste allein unter den Augen Gottes als seines Kampfrichters den Kampf gegen sich selbst kämpfend, fastend, aber nicht um Menschen zu gefallen oder sich großzutun.“

Nach dem Verzicht auf das Habenwollen und dem regelmäßigen Training für die Seele ist der Gehorsam ein weiterer, heute wohl besonders schwer verständlicher und dennoch grundlegender Aspekt eines monastischen Lebens, egal ob es sich im Kontext eines Kloster oder mitten in der Welt entfaltet. „Aus Erfahrung habe ich gesehen und es darüber hinaus auch an vielen Stellen gelesen, was für ein großes Gut es für eine Seele ist, nicht vom Gehorsam abzuweichen. Daran liegt meiner Erkenntnis nach das schrittweise Vorankommen in der Tugend und die allmähliche Erlangung der Tugend der Demut“, schreibt Teresa von Ávila in ihrem Buch der Gründungen. Einzusehen, dass es von Vorteil ist, sich unterzuordnen, Grundlegendes im Glauben als gegeben anzunehmen und nicht darauf zu bestehen, in jeder Lebenslage den eigenen Neigungen nachzugeben, scheint heute geradezu ein Verstoß gegen die Menschenrechte zu sein. Aber realistisch betrachtet ist das Gegenteil der Fall. Wer in einem Chor singt, lernt schnell, dass ohne eine klare Leitung keine Harmonie zustande kommt. Wenn eine Familie oder ein Konvent funktionieren soll, müssen alle Beteiligten aufeinander hören und eigene Bedürfnisse zurückstecken können. Ein Werkzeug der geistlichen Kunst, das dabei helfen kann, steht in der Regel Benedikts: „Den unberechenbaren Tod täglich vor Augen haben.“ Das klingt nicht nach Spaßgesellschaft, sorgt aber dafür, dass die Dinge des täglichen Lebens das ihnen zukommende Gewicht erhalten. Und ein letztes: Die Kirchenväter, die Mönche und Nonnen auf deren Schultern wir stehen, wenn wir heute das Wagnis eines Lebens in ihrer Nachfolge eingehen, lehren nicht nur Konsequenz, sondern auch Flexibilität und Rücksicht auf die menschlichen Schwächen. Ein wunderbares Beispiel dafür bietet die Auslegung der Regel Benedikts durch die Kirchenlehrerin Hildegard von Bingen: „Wenn er [Benedikt] sagt: ,Wir sollen immer daran denken, dass der Prophet sagt: ,Dient dem Herrn in Furcht!‘ (Psalm 2, 11) und anderswo: ,Singt die Psalmen in Weisheit!‘ (Psalm 46, 8, will er uns zu verstehen geben, dass der Gottesdienst gekürzt werden darf, damit er in Freude und ohne Überdruss eifrig ausgeführt wird, weil man weiß, dass er kurz ist.“