Individuelle Züge eingehaucht

Kunst weckt Frömmigkeit: Großartige Darstellung von Tilman Riemenschneider. Von Susanne Kessling

Den Kopf leicht zur Seite geneigt, schlagen sich Trauer und stille Verinnerlichung in dem Ausdruck der Madonna nieder. Der Betrachter spürt auch ihre Demut und Hingabe. Sind Gesichter nicht Spiegelbilder der Seele? Erspüren wir nicht auf den ersten Blick – noch bevor wir Worte wechseln –, in welcher Stimmung unser Gegenüber ist? Vor allem in der Kunst drückt sich in der Haltung einer Figur, ihren Händen und eben auch im Gesicht die ganze Meisterschaft aus, vermag das religiöse Werk Anteilnahme auszulösen und zur Kontemplation anzuregen. Große Meister sind in der Lage, ihren Figuren Leben einzuhauchen, gleichsam ihr Wesen zum Leuchten zu bringen. Zu diesen zählt in der Spätgotik der überragende Bildschnitzer und Steinbildhauer Tilman Riemenschneider (um 1460–1531), der in einem Atemzug mit den Nürnberger Kollegen seiner Zunft, wie Veit Stoß oder Peter Vischer d.Ä. genannt werden kann. In einem schmalen, aber feinen Bändchen der Reihe „kleine bayerische Biografien“ nähern sich die Autoren dem „Meister Til“ an, über den die Quellenlage so dürftig ist und der schon am Ende seines Lebens in Vergessenheit geraten war. Etliche Jahrhunderte sollten nach seinem Tod am 7. Juli 1531 vergehen, bis durch Zufall seine Grabplatte 1822 am ehemaligen Friedhof am Dom in Würzburg entdeckt wurde.

Tilman Riemenschneiders Verdienst war es, neben den farbig gefassten erstmalig bewusst ungefasste Skulpturen zu schaffen. Und das in einer so meisterlichen Manier und Kunstfertigkeit, die auch den kunstinteressierten Laien nur so staunen lässt. Die Gläubigen der damaligen, noch nicht von optischen Eindrücken überfrachteten Zeit konnten so das Leben und Wirken der Heiligen und daneben auch die Passion Christi nachvollziehen. Die beiden Autoren beleuchten alle Facetten von Riemenschneiders Wirken und Leben und gehen in einzelnen allgemein verständlichen Rubriken näher auf die Zeit des Spätmittelalters und der beginnenden Neuzeit ein. So werden etwa der Humanismus, das Kunsthandwerk an der Schwelle vom 15. zum 16. Jahrhundert und die Bedingungen für die Leitung einer florierenden Werkstatt, wie sie Riemenschneider besaß, knapp und präzise dargestellt. Als Ehemann einer reichen in Würzburg ansässigen Goldschmiedswitwe hatte er das Bürgerrecht erworben und konnte sich somit Meister nennen.

Auch dem Lindenholz ist ein Kapitel gewidmet

Riemenschneider schuf mehrere Grabdenkmale, darunter auch das berühmte Kaisergrab Heinrichs II. und seiner Frau Kunigunde im Dom zu Bamberg, atemberaubend kunstvoll geschnitzte Altäre, wie den „Heiligblutaltar“ in Rothenburg ob der Tauber (1501–05) oder den „Marienaltar“ der Herrgottskirche in Creglingen (1505–10). Das Figurenpaar „Adam“ und „Eva“ war 1492–93 für die Marienkapelle in Würzburg vollendet, an ihrer Statt stehen heute Repliken am Südportal. Den Aposteln in grauem Sandstein, die für die Strebepfeiler konzipiert waren, hauchte er individuelle Züge ein, wie sie Philippus in seinen wohl proportionierten Maßen zeigt. Ein Kapitel wird dem bevorzugten Schnitzmaterial, dem Lindenholz gewidmet, das in seiner weichen Eigenschaft sich hervorragend für die Bearbeitung eignete.

Wie Mosaiksteinchen fügen sich die einzelnen Abschnitte des Bandes zu einem großen ganzen Bild vom Leben und Wirken Riemenschneiders. Fröhling und Huck gehen auf die Zeitumstände ein und grenzen „Meister Til“ gegen Albrecht Dürer und Mathias Grünewald ab. Gleichwohl richten sie den Blick auf die bildlose Gottesverehrung, die sich ursprünglich in der Bibel begründete. Seit dem 13. Jahrhundert kristallisierten sich die von Thomas von Aquin formulierten drei Aufgaben heraus, die ein Bild zu erfüllen habe, „nämlich die Ungebildeten zu belehren, an das Geheimnis der Menschwerdung Gottes sowie das Vorbild der Heiligen zu erinnern und die Frömmigkeit zu wecken...“, so die Autoren.

Die Aufträge für den Würzburger Bildhauer waren vornehmlich religiöser Natur. „Tilman Riemenschneider wird in seiner Würzburger Zeit als Geselle, Handwerksmeister, Bürger, Ratsherr und Bürgermeister der Stadt drei Fürstbischöfen untertan sein“, wie in der Monografie hingewiesen wird. Für die Bischöfe Rudolf II. von Scherenberg und Lorenz von Bibra sollte er Epitaphien schaffen. Vor allem mit Fürstbischof Konrad II. von Thüngen verbindet sich Riemenschneiders Vita aufs Engste. 1525 hatten sich die Bauern im Geiste der Reformation gegen den Landesherren erhoben und die Festung auf dem Marienberg belagert. Riemenschneider und der Rat der Stadt sowie die Bevölkerung schlugen sich auf die Seite der Aufständischen. Die Revolte fand ein blutiges Ende und die Aufrührer wurden mit drakonischen Strafen belegt, 60 von ihnen, darunter auch Tilman Riemenschneider, wurden auf der Festung inhaftiert, ein Großteil seines Vermögens und seiner Ämter entzogen. Es ist nicht belegt, dass ihm die Hände gebrochen wurden.

Den beiden Autoren gelingt es mit ihrem informativen Band, dem kunstinteressierten Leser vieles Wissenswerte über Riemenschneider und sein Wirken im Spätmittelalter zu vermitteln. Wer auf den Spuren dieses so außergewöhnlichen Bildschnitzers wandeln möchte, sollte das handliche Büchlein im Pocketformat unbedingt dabei haben.

Stefan Fröhling/Markus Huck: Tilman Riemenschneider. Meister, Ratsherr, Revolutionär. Friedrich Pustet Verlag 2014, 120 Seiten, ISBN 978-37917- 2559-8, EUR 12,95