Idealistischer Realismus und wetterfester Glaube

Der Bischof von Graz-Seckau, Egon Kapellari, über geistliche Leuchttürme in weitmaschigeren Seelsorgesprengeln und über eine schmälere Kirche mit tiefen Wurzeln in Gott. Von Stephan Baier

Bischof Egon Kapellari. Foto: KNA
Bischof Egon Kapellari. Foto: KNA
Im Gespräch mit Peter Seewald stellte Papst Benedikt XVI. einen für viele sicher überraschenden Zusammenhang zwischen dem Priesterjahr und der aktuellen Missbrauchsdebatte her: „Man könnte nun meinen, der Teufel konnte das Priesterjahr nicht leiden und hat uns daher den Schmutz ins Gesicht geworfen. Als hätte er der Welt zeigen wollen, wie viel Schmutz es gerade unter den Priestern gibt.“ Sehen Sie einen solchen metaphysischen Zusammenhang zwischen dem Priesterjahr und den vielen Skandalen, die in diesem Jahr ans Licht kamen?

Die Weltgeschichte und die von ihr umgriffene Kirchengeschichte ist immer auch eine Zeit des Ringens zwischen dem von Gott ausgehenden Licht und der Finsternis des Bösen. Diese Dramatik kommt besonders im Johannesevangelium zur Sprache. Das ganze Evangelium ist – so hat es der große Exeget Heinrich Schlier gesehen – aufgebaut wie der Bericht über den Prozess, den die Welt in Gestalt der Feinde Jesu gegen Jesus als ihr Licht führt und dabei vor Pilatus und auf Golgotha scheinbar auch siegt. Aber am dritten Tag war Auferstehung.

Heiligkeit in großer Verdichtung fordert in diesem Horizont auch die Mächte des Bösen besonders heraus. Das Priesterjahr der katholischen Kirche sollte eine Nagelprobe auf die spirituellen Kräfte im Presbyterium und in der Kirche überhaupt sein. Es hat, davon bin ich überzeugt, viel solche Kraft aufgeweckt und ins Licht gestellt. Schwärzeste Schatten sind daher aber gerade auch jetzt offenbar geworden. In diesem Zusammenhang denke ich an ein Wort aus der Geheimen Offenbarung des Neuen Testaments (Offb 12, 12): „Der Teufel wurde sehr zornig, weil er weiß, dass ihm nur eine kurze Frist bleibt.“

Die Gleichzeitigkeit von Missbrauchsdebatte und Priesterjahr wirft die Frage auf: Ist das Prestige der Priester nicht früher mitunter zu hoch, zu idealisiert gewesen – und heute erschütternd schlecht, ja nahezu eine Karikatur der Wirklichkeit?

Das generelle Ansehen der Priester war im Lauf der Kirchengeschichte sehr unterschiedlich hoch. Begründet war es in der Vorbildlichkeit unzähliger heiliger Priester. Gefährdet war es immer wieder durch die Sünden nicht weniger anderer Priester. Das generelle Ansehen des Klerus im 20. Jahrhundert und bis vor kurzem war nach meiner Überzeugung objektiv begründet durch das Leben seiner allergrößten Mehrheit. Auch nach Aufdeckung so vieler schrecklicher Missbräuche ist das generell gegenteilige Urteil, das es leider oft gibt, falsch und ein schweres Unrecht.

Was brachte das „Jahr des Priesters“?

Es war ein Jahr des verstärkten Betens, des verstärkten Nachdenkens über das Wesen des Weihepriestertums und der Besinnung auf das, was die Existenz der Priester inmitten der anderen Glaubenden unersetzbar trägt.

Anders als in fernen Kontinenten ist die Zahl der aktualisierten Priesterberufungen in Mitteleuropa stark rückläufig. Sehen Sie das als Teil eines breiteren Dekadenzphänomens oder lässt sich konkret benennen, welche Fehler hier auch kirchlicherseits gemacht wurden?

Die Zahl der angenommenen geistlichen Berufungen allein ist noch kein Indikator für deren Qualität. Aber sie ist ein sehr wichtiger Indikator. Dass es in Europa im Gegensatz zu einigen anderen Kontinenten einen großen Mangel an solchen Berufungen gibt, ist eine Konsequenz vieler Umbrüche in Gesellschaft und Kirche, die teilweise einem Verfall, einer Dekadenz zuzuschreiben sind. Andererseits werden sie aber auch zu einem neuen Leben führen in einer dann gewiss schmäleren, aber einer Kirche mit tiefen Wurzeln in Gott.

In innerkirchlichen Debatten wird der Zölibat meist bestenfalls als Problem dargestellt, schlimmstenfalls seine Abschaffung gefordert. Ist es da nicht erstaunlich, dass sich junge Menschen überhaupt noch zu dieser Lebensform durchringen?

Als verpflichtende Lebensform des Priesters wird der Zölibat heute außerhalb und oft auch innerhalb der Kirche weithin nicht verstanden und daher in Frage gestellt. Er war aber die Lebensform Jesu Christi selbst und er war die Lebensform des Apostels Paulus und seither unzähliger Männer und Frauen in der Kirche. Ich freue mich sehr über die jungen Leute auch aus meiner Diözese, die sich trotz aller bekannten Einreden innerhalb und außerhalb der Kirche zu einem solchen Weg entschließen. Es gibt derzeit viel zu wenige, aber nach der gebotenen sorgfältigen Prüfung ihrer Motive und ihrer Eignung gibt es solche mit einem klaren Profil. Dazu gehören ein idealistischer Realismus und ein ziemlich wetterfester Glaube.

Jene, die sich zu diesem anspruchsvollen Weg der Christusnachfolge durchringen, verdienen unsere Unterstützung und Wertschätzung, weil die um des Himmelreiches gewählte Ehelosigkeit von einer Hoffnung und Kraft schenkenden Strahlkraft für die übrigen Christen ist. So sind christlich gelebte Ehe und priesterliche Ehelosigkeit wie zwei Pole eines Kraftfeldes, die sich wechselseitig stärken, sobald wir uns ihrer Tiefe bewusst werden.

Innerkirchliche Aktionsgruppen – wie „Wir sind Kirche“, „Laieninitiative“ etcetera – fordern eine Änderung der „Zulassungsbedingungen zur Weihe“. Würde das den Priestermangel lösen oder lindern?

Seelsorge wird in Zukunft auf viel mehr Schultern verteilt werden müssen als bisher, und diese Zukunft hat schon begonnen. Priester und amtlich wie ehrenamtlich tätige Laienchristen müssen so zusammenwirken, dass das Netz der Kirche in ihrer Zuwendung zu möglichst vielen Menschen erhalten bleibt, dass aber die sakramentale Dimension nicht radikal schrumpft. Das Verständnis für diese sakramentale Dimension ist weithin schwach geworden und auch die Vorschläge betreffend Veränderungen in der Kirche erscheinen mir oft nur als zweidimensional, als zu pragmatisch. Widerstand dagegen kann auch prophetisch sein. Es geht dabei zentral um die Eucharistie und um das auf sie bezogene Weihesakrament. Es gibt hier ein Ringen, bei welchem alle Beteiligten die Regeln einer nicht nur allgemein humanen, sondern darüber hinaus einer christlichen Fairness einhalten sollten.

Wie könnte eine Erneuerung der Spiritualität des Zölibats aussehen?

Darüber gibt es fast schon unzählige Bücher und andere Schriften, über die auch in der „Tagespost“ berichtet wurde. Ich kann dies hier nicht zusammenfassen. Die Gestalten der großen Priesterromane des 20. Jahrhunderts bleiben jedenfalls trotz des tiefgreifenden Wandels in Gesellschaft und Kirche in vielem modern und unüberholbar.

Auch skandalfreie, gefestigte Priester leben heute anders als vor einer Generation: das Prestige ist geschwunden, die Anfechtungen und Anforderungen gestiegen, der Druck von Interessengruppen gewachsen. Zugleich droht Vereinsamung und Verweltlichung. Welche Leitplanken und Wegweisungen hätten Sie für das priesterliche Leben, damit es wirklich gelingt?

Leitplanken waren immer und werden immer bleiben die Evangelischen Räte, die zwar generell allen Christen auf ihrem Lebensweg mitgegeben, aber den Ordensleuten und den Priestern zu einer spezifischen Intensivierung aufgetragen sind: Armut als Eindämmung von materiellem Luxus, um so anderen Menschen helfen zu können, und Armut auch als teilweise Enteignung, etwa betreffend frei verfügbare Zeit. Gehorsam als Relativierung eines autonomen Eigenwillens und als Verzicht auf stolze und hartherzige Eigenbrötelei. Und Keuschheit in Gestalt des Zölibats um des Himmelreiches willen. Diese drei Räte bedingen und stärken einander. Sie brauchen eine beständige Einübung und Vertiefung. Gemeinschaften von Priestern sind dabei heute besonders für Diözesanpriester wichtig.

Auch die Kandidaten, die in ein Priesterseminar eintreten, sind heute vielfach anders als früher: oft älter, von Lebens- und Berufserfahrung geprägt, oft über Umwege gekommen. Was bedeutet das für die Priesterseminare heute?

Die Gemeinschaft der Priesterseminare ist viel kleiner und bunter als früher und wenn Priesterkandidaten an einer Fakultät außerhalb des Seminargebäudes studieren, dann sind die Zeitpläne oft schwer synchronisierbar. Wichtige Bildungs- und Ausbildungsvorgänge finden daher mehr und mehr auch in der Zeit der früher sehr langen Ferien statt.

Welche Erfahrungen haben Sie in drei Jahrzehnten als Diözesanbischof mit dem Einsatz ausländischer Priester in der Seelsorge gemacht?

Im Ganzen hat es mit aus dem Ausland gekommenen Priestern – es waren ja immer nur verhältnismäßig wenige – nicht mehr Schwierigkeiten gegeben als mit Inländern. Wir haben die Kriterien für eine Aufnahme aber immer mehr präzisiert und wir begleiten die von auswärts gekommenen Priester beständig in ihrer geistlichen Formung und in ihrer Weiterbildung. Dies vorausgesetzt, und wenn die Zahl solcher Priester nicht zu rasch anwächst, gibt es keine großen Integrationsprobleme.

 

Müssen wir uns in Deutschland und Österreich dauerhaft auf Priestermangel, auf weniger Geistliche in der Seelsorge einstellen? Oder ist die derzeitige Krise ein temporäres Phänomen, dem eine neue Blütezeit folgen könnte?

Überraschungen schließe ich nicht aus. Kardinal Suenens hat profund gesagt: „Ich glaube an das Neue bei Gott, an die Überraschungen seines Wirkens.“ Aber die Präsenz von Priestern und von Eucharistiefeiern in Europa wird angesichts der demographischen Entwicklung wohl nur weitmaschiger als bisher gegeben sein.

In Österreich wird ein Teil der Pfarrseelsorge von Klöstern getragen – noch, denn auch die Klöster leiden unter Berufungsmangel und wollen ihr monastisches Leben nicht für eine Lückenbüßerrolle in der Pfarrseelsorge aufgeben. Wieviel können die Orden künftig tragen?

Klöster müssen auch Gemeinschaften bilden, weil sie anders längerfristig keine Zukunft haben. Viele Orden in Österreich wirken auch in der Pfarrseelsorge und dies oft schon seit Jahrhunderten. Wenn viele dieser Orden neuerdings unter einem starken Personalmangel leiden, dann wird das Prinzip Kloster im Ernstfall Vorrang haben vor dem Prinzip Pfarre. Das muss und soll aber zu keinem massiven Rückzug der österreichischen Großklöster aus der Pfarrseelsorge führen. Die dominante Stärke der Orden lag und liegt aber in der kategorialen Seelsorge.

Werden wir in wenigen Jahren eine dünnere, weniger dichte Pfarrstruktur haben – aber dafür mehr geistliche Zentren in Form von alten Klöstern und neuen Bewegungen?

Die Seelsorgesprengel werden generell ausgedehnter sein als bisher. Klöster, Bildungshäuser und andere regionale Zentren können so etwas wie Leuchttürme inmitten einer Region sein, wo eine wie bisher flächendeckend engmaschige Struktur kirchlicher Präsenz nicht möglich ist. Das entspricht auch Tendenzen zur Problemlösung in der Zivilgesellschaft. Wenn man die kirchliche Situation in anderen Kontinenten bedenkt, sollte dies nicht zu Aggression oder Resignation führen dürfen, die sich derzeit im deutschsprachigen Raum da und dort zeigen.