Heimat im Haus des Herrn

Das Bild der Kirche als Familie Gottes steckt in der Krise – Ein Plädoyer für die Treue zum Willen Gottes. Von Andreas Wollbold

Rain beats down on a priest as he attends Pope John Paul II's general audience at the Vatican.
Ausharren unter den Gläubigen, auch wenn es ungemütlich wird: Priester, die ihre geistliche Vaterschaft ernst nehmen, brauchen Hingabe und Standvermögen. Foto: SymbolReuters
Rain beats down on a priest as he attends Pope John Paul II's general audience at the Vatican.
Ausharren unter den Gläubigen, auch wenn es ungemütlich wird: Priester, die ihre geistliche Vaterschaft ernst nehmen, br... Foto: SymbolReuters

Hast du schon von Pfarrer N. gehört?“ Ich zucke immer zusammen, wenn ich diese Frage höre: Missbrauch, Zölibat oder Burn-out? Oder kann ich aufatmen: Doch nur eine vorzeitige Versetzung? Manchmal ist es auch nur der Vorhof davon. Eine Krise kündigt sich an, manchmal leise durch endlose Krankheiten, durch einen Jammerton, durch einen seltsamen Geiz. Manchmal kommt sie schreiend daher mit Hawaii-Hemd statt Priesterkragen. Und manchmal braucht es gar keine Krise, bis andere merken: Die Luft ist raus! Jemand hat sich auf seiner Stelle arrangiert, er macht jeden Unsinn mit, wenn die Leute ihn nur in Ruhe lassen, und ansonsten lässt er Gottes Wasser über Gottes Land laufen. Die Priester sind da in guter Gesellschaft: Wenn ich mich mit engagierten Katholiken unterhalte, erscheint das Früher oft wie ein prächtiges Farbbild, das Heute dagegen wie im Grauschleier. Was ist geschehen? Und was kann man gegen diesen Sog nach unten tun? Meine Antwort lautet: Wir sollten die Kirche als Familie Gottes wiederentdecken. So wie die leibliche Familie die besten Kräfte der Liebe und Hingabe weckt, so könnte es auch die Kirche tun. Dafür muss sie sich aber auf sich selbst besinnen und all das, was sich darübergelagert hat, beherzt abwerfen.

„Bewusst hat man den Priestern das Vaterbild vergiftet. Gemeindeleiter sollten sie sein.“

Beginnen wir mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil. Am 8. Dezember 1965, dem letzten Tag des Konzils, wurde das Dekret „Presbyterorum Ordinis“ (PO) über Dienst und Leben der Priester promulgiert. Fünfzig Jahre ist das her, doch für viele ist der innere Abstand dazu wenigstens 150 Jahre weit. Mittlerweile besonders aufs Korn genommen wird das Bild von der Kirche als der Familie Gottes. Das sei Familienromantik von vorgestern. Es verschleiere die hochkomplexen Strukturen moderner Organisationen und verhindere heilsame Distanz und Sachlichkeit. Doch Moment, genaueres Hinsehen ist angeraten! Von der Kirche als Familie Gottes zu reden mag unzeitgemäß sein. Ob dies aber nicht gerade dadurch Kraft gibt in dürrer Zeit? Wie ist das zu verstehen?

Die Kirche ist die Gemeinschaft derer, die in der Taufe neues Leben empfangen haben und „nicht aus dem Blut, nicht aus dem Willen des Fleisches, nicht aus dem Willen des Mannes, sondern aus Gott geboren sind“ (Johannes 1, 13). Ihre familiäre Verbundenheit beruht darum nicht auf Verwandtschaft, gleicher Zugehörigkeit zu einem Clan oder einem Volk, auf Sympathie oder Sentimentalität. Sie ist möglich, weil Gott sich als Vater gezeigt hat und Christus als Bruder. Sie ist möglich, weil in der Kirche neues Leben gezeugt wird, das für die Ewigkeit bestimmt ist und nicht für den ewigen Kreislauf von Werden und Vergehen. Sie ist möglich, weil es eine Zeugung gibt, die nicht im Schoß geschieht, sondern im Ohr: durch das Hören des Wortes Gottes. In die-sem Sinn hat die Kunst ja gerne die Verkündigung an die Jungfrau Maria in Nazaret dargestellt. Und von diesem Hören spricht Jesus selbst: „Wer ist meine Mutter und wer sind meine Brüder? Wer den Willen Gottes erfüllt, der ist für mich Bruder und Schwester und Mutter“ (Markus 3, 33.35).

Petrus hat diese Logik der neuen Familie Gottes genau verstanden, wenn er fragt: „Du weißt, wir haben alles verlassen und sind dir nachgefolgt. Was werden wir dafür bekommen?“ Jesus verspricht ihm: „Jeder, der um meines Namens willen Häuser oder Brüder, Schwestern, Vater, Mutter, Kinder oder Äcker verlassen hat, wird dafür das Hundertfache erhalten und das ewige Leben gewinnen“ (Matthäus 19, 27.29). Diese geistliche Verwandtschaft der Gläubigen kann sich sogar querlegen zu den Banden des Blutes: „Wer Vater oder Mutter mehr liebt als mich, ist meiner nicht würdig, und wer Sohn oder Tochter mehr liebt als mich, ist meiner nicht würdig“ (Mt 10, 38). Das klingt hart. Doch wer weiß, wie Stammeskriege und Nationalismus, Nepotismus und familiäre Korruption bis heute die Welt zerreißen, begreift, welche gewaltige Leistung es ist, eine Gemeinschaft aufzubauen, die die Grenzen irdischer Verwandtschaft hinter sich lässt. Katholisch, also die weltumspannende Kirche, gibt es nur als Familie Gottes jenseits von allen irdischen Familienbanden.

So versteht man auch die Familienbilder des Priesterdekretes als prophetische Selbstbesinnung auf das Wesen der Kirche. Der Priester ist „Vater und Lehrer im Volk und für das Volk Gottes“ (PO 9). Dieses Volk wächst wie in einer Gemeinschaft von Schwestern und Brüdern zur Einheit zusammen (PO 6). Der Zölibat des Weltpriesters wird als Vaterschaft verstanden (PO 16). Wer darin auf eigene Nachkommenschaft verzichtet, beginnt tiefer zu verstehen, was es heißt, durch Wort, Tat, Leiden und Hingabe, Leben für den Himmel zu zeugen. Diese Vaterschaft macht die Priester untereinander zu Brüdern, wobei die erfahreneren Mitbrüder den jüngeren wie ältere Brüder beistehen sollen (PO 8). Die Priester sind einander „Brüder unter Brüdern“ (PO 9).

Besonders der Bischof ist wie ein Abbild des himmlischen Vaters, wie es unter Verweis auf Ignatius von Antiochien heißt (PO 7). Gegenüber seinen Priestern ist er aber zugleich wie ein Bruder. Diese Bilder sind in konkrete Haltungen umgesetzt: Vertrauen und Offenheit untereinander, treue Sorge füreinander, Nähe und Anteilnahme, vor allem aber eine großzügige Hingabe und Opferbereitschaft, wie man sie sonst eben nur innerhalb einer leiblichen Familie kennt. Liest man diese Seiten des Dekretes, ergreift einen Wehmut: „Ja, so könnte es sein! Dann würden auch in mir die besten Kräfte geweckt. Ich hätte wieder Mut und Freude. Ich wüsste, wofür ich morgens aufstehe. Und vielleicht würde ich bei Kämpfen und Blessuren sogar ausrufen: Umso besser!“ Doch es ist vielleicht kein Zufall, dass die christliche Familie ebenso in die Krise geraten ist wie der Zölibat und das Bild der Kirche als Familie Gottes. Denn jedes Mal geht es darum, Kräfte der Treue und Hingabe freizusetzen, die die Kräfte der Natur, der Gene und der leiblichen Vitalität überschreiten. Das aber liegt quer zu dem, was heute gilt.

Die Familie Gottes – dieses Bild hat nun von unerwarteter Seite ganz neue Aktualität erhalten. Schon lange haben sich Evolutionsbiologen gefragt: Wie kommt es in vielen Kulturen zum Zölibat? Also nicht nur beim katholischen Priester, sondern auch bei buddhistischen und hinduistischen Mönchen, im Jainismus, in Qumran, bei den römischen Vestalinnen oder selbst in manchen protestantischen Gemeinschaften. Evolutiv scheint der Verzicht auf eigene Nachkommenschaft widersinnig. Allenfalls innerhalb einer Familie könnte ein Mitglied seine Kraft für die Kinder seines Bruder oder seiner Schwester einsetzen. Soweit reicht die Liebe des „egoistischen Gens“ noch. Aber enthaltsam leben außerhalb von Verwandtschaft? Der Anthropologe Hector Qirko von der Universität Tennessee hat eine überzeugende Antwort gefunden. In zölibatären Kulturen werden Beziehungen familienähnlich gestaltet. Das bindet die vitalen Kräfte für das gemeinsame religiöse Anliegen. So verstehen Mönche sich als Brüder und ihre Vorsteher als Väter, sie verlassen ihre Herkunftsfamilien und treten oft schon in den prägenden Jugendjahren in die Gemeinschaft ein, und dafür gleichen sie selbst ihr äußeres Erscheinungsbild einander an. Ordensschwestern sind Bräute Christi, und durch ihr Arbeiten, Beten und Opfern werden sie zur „Mutter vieler Seelen“ (Therese von Lisieux). Entscheidend ist nun aber, dass die religiöse Gemeinschaft auch wirklich als Familie erlebt wird. Schwindet diese Grundlage, fühlt der Einzelne sich verraten und verkauft – und das ganze religiöse Gebäude stürzt in sich zusammen.

Und damit sind wir wieder bei der Kirche heute. Ist ihre Krise nicht eine Krise der Familie Gottes? Bewusst hat man den Priestern das Vaterbild vergiftet. Gemeindeleiter sollten sie sein, Vorsteher, Teambildner oder professioneller Moderator. Der Zölibat, ihr Stolz und ihre Ehre, wurde zum Makel und zum Anlass von Verdacht. Der Wunsch danach, die Familie Gottes in großer Zahl zu sammeln, wurde ihnen als Rekrutierung und fehlendes Loslassen angekreidet. Und die Bischöfe? Ehe sie sich versehen, sind sie in die Rolle von Change-Managern, von Politikern und Public-Relations-Spezialisten gedrängt. Das wirkt manchmal so, als wäre der Apostelnachfolger zu seinem eigenen Pressesprecher geworden. Die Gemeinden schließlich sind zu religiösen Dienstleistern mutiert, die Sakramente, Feiertage und Brauchtumspflege nach Maß liefern. Doch ihr Innenleben besteht vielleicht nur noch aus den sogenannten Kerngemeinden, die vom Kern aber oft nur das Harte, nicht aber das Kernige haben.

Der Preis ist hoch. Laien, Priester und Bischöfe finden die Kirche nicht mehr, die ihnen Heimat war und Hingabe ermöglichte. Mit einem Mal fällt alles schwer, wird alles so schrecklich distant. Hingabe wird zur Berechnung, Dienst zum Dienst nach Vorschrift, Großherzigkeit zur Minimierung des Aufwands, Treue zum flexiblen „Was kümmert mich mein dummes Geschwätz von vorgestern?“. Probe auf?s Exempel: In einer Familie wird keiner zurückgelassen. Auch das Sorgenkind, der Querdenker oder der chronisch Kranke behält seinen Platz, ja er erhält besondere Aufmerksamkeit und Wertschätzung. Und in den Gemeinden? Im Presbyterium? Wie schnell ist da jemand abgeschrieben. Einmal Aschenputtel, immer Aschenputtel! Und gleich noch eine zweite Probe auf's Exempel: Der Umgangston im Klerus ebenso wie in den Gemeinden nähert sich manchmal dem von Internetforen an: Rau, aber leider nicht herzlich. Kritik wird unbarmherzig und geredet wird hauptsächlich übereinander anstatt miteinander. Natürlich kann man da Gemeindeberater, Kommunikationstrainer und Supervisoren zu Hilfe rufen. Aber das hieße vielleicht, bloß an Symptomen herumzudoktern. Grundlegender ist es darum, der Familie Gottes selbst ihre Vitalität zurückzugeben.

Doch das ist leichter gesagt als getan. „Seid nett zueinander!“, das reicht nicht (obwohl ein bisschen mehr Freundlichkeit auch in manchen kirchlichen Kreisen nichts schaden würde!). Ich bin auch nicht mehr von bloß persönlichen Lösungen überzeugt – beten, sich eine geistliche Ordnung schaffen, Gnadenorte aufsuchen, aus den Sakramenten leben oder vielleicht auch manchmal nur einfach herzhaft lachen – so wichtig sie fürs Überleben sind. Noch einmal: Das ist unverzichtbar, löst aber nicht das größere Problem: Für einen Christen ist die Kirche so notwendig wie die Luft zum Atmen, und wenn die Luft dünn wird, dann fällt die kleinste Bewegung schwer. Wenn Priestern wie Laien ihre Kirche fremd geworden ist, schwindet ihre geistliche Vitalität, von missionarischer Fruchtbarkeit schon gar nicht zu reden. Darum brauchen wir eine erneuerte Kirchenerfahrung: eben die, in ihr eine neue Familie zu finden.

Jesus selbst hat bereits vorhergesehen: Die Familie Gottes ist stets angefochten. Es gibt Kräfte, die an ihr nagen. Zerstören aber kann man eine Familie nur von innen her. Ihre Mitglieder werden sich fremd. Geschwister fangen an, einander zu beneiden, sich zu verdrängen oder einander fallen zu lassen. Genau dies hat der Herr bereits benannt: „Weil die Missachtung von Gottes Gesetz überhandnimmt, wird die Liebe bei vielen erkalten“ (Matthäus 24, 12). Liebe, das meint hier die Liebe der Hingabe, also Treue, Opfer und Springen über den eigenen Schatten. Die Missachtung von Gottes Gesetz kommt von verstopften Ohren, die „hören, aber nicht verstehen“ (Markus 4, 12; Jesaja 6, 9).

Äußerlich tut man noch mit „bei Kirchens“, aber das Lebenselixier eines Kindes Gottes fehlt: das Hören auf das Wort des Herrn, das Erfüllen des Willens Gottes. Kirche wird zur religiösen Kramkiste. Jeder sucht sich daraus hervor, was ihm eben in den Kram passt: der eine schrecklich nette Familienrituale, der andere ein wenig Hochkultur, der dritte einen krisensiche-ren Arbeitsplatz. Daraus mögen neue Milieus wachsen, Brüder und Schwestern Jesu aber sicher nicht. Ein Indiz? „Die Liebe wird bei vielen erkalten.“ Ja, die gefühlte Kirchentemperatur wird kälter. Früher sagten begeisterte Katholiken: „Ich kann in den letzten Winkel der Welt kommen, in der Kirche fühle ich mich stets zuhause.“ Heute bekennen sie kleinlaut: „Ich kann schon zehn Jahre hier am Ort zuhause sein, aber in der Kirche fühle ich mich immer noch fremd.“ Noch ein Indiz? Die Eucharistie, das Sakrament der Liebe, ist weithin erkaltet wie ein Stück ausgeglühter Kohle. Nur so ist es zu erklären, dass man durch tausenderlei Zusatz-Worte, Extra-Zeichen und Symbole die Feier attraktiv machen will. Wer dagegen von Herzen singt: „Der am Kreuz ist meine Liebe“, wird wie von selbst dort zu glühen anfangen, wo das Opfer am Kreuz Gegenwart wird. Der ekklesiale Klimawandel ist nicht zu leugnen. Vielleicht herrscht noch keine Eiszeit. Aber eine Wärmebildkamera der Kirche würde viel Eisblau und wenig Herzwarm anzeigen. Und doch, die Kirche ist die Familie Gottes, oder sie ist nicht sie selbst.