Heiliger Fels

Ein in Stein gehauener geistlicher Ort im Harzvorland lädt ein, sich darauf zu besinnen, was katholisch ist. Von Klaus Berger

Der zwanzig Meter hohe Klusfelsen bei Goslar am Rande des Harzes unterhalb des Petersberges beherbergt eine kleine Marienkapelle. Foto: Wikipedia
Der zwanzig Meter hohe Klusfelsen bei Goslar am Rande des Harzes unterhalb des Petersberges beherbergt eine kleine Marie... Foto: Wikipedia

Gut gefragt haben neulich Journalisten, ob es einen Ort gebe, an dem ich wirklich und geistlich zuhause sei: Ich habe sofort geantwortet: Ja, die Marienkapelle im Clusfelsen im Harzvorland. Mein Büchlein über den Zölibat habe ich den Reklusen gewidmet, die in dieser Felsenkapelle lebten, beteten und starben. Reinald von Dassel, Kölner Erzbischof und Kanzler des deutschen Reiches (1114–1167) stammt von hier. Die Kapelle ist in einen Sandsteinfelsen gehauen, sie wird ausgefüllt durch einen Altar, über dem in einer sorgfältig in den Stein geschlagenen Nische mit romanischer Ornamentik eine Muttergottes mit Kind auf dem Arm steht. Auf der Altarstufe habe ich manche Stunde verbracht. Wenn man aus Heidelberg den ersten Zug nimmt, kann man zur Zeit der Laudes dort sein. Da der hohe und breite Sandsteinfelsen von dichtem Wald umgeben wird, ist der Beginn des Tages geprägt durch das Erwachen der Vögel. In diesen Wochen wird die Kapelle tausend Jahre alt, immerhin halb so alt wie die Kirche selbst. Sie ist weit und breit das älteste erhaltene Zeugnis des Christentums. Auf der Mensa des Altares steht eine Osterkerze von 2012. Die Osternacht kann man hier schön feiern, denn Fels und Kapelle erinnern an das Bild, das man sich von Golgatha machte. Im Angesicht dieses wirklich heiligen Ortes kann man deshalb eigentlich nur katholisch sein, weil das etwas mit heiligen Orten, heiligen Zeiten und leibhaftigem Knien zu tun hat. So ist die Leibhaftigkeit das ewige Thema. Angefangen von der Menschwerdung Gottes über die leiblichen Wunder bis hin zum wahrhaftigen Sterben und der wirklichen Auferstehung Christi. Und dazu gehören die Sakramente, die alle am Leib vollzogen werden. Auch die Beichte war bisher jedenfalls nicht per Internet möglich. Für mich ist von den Büchern Romano Guardinis das Bändchen „Vom heiligen Zeichen“ das schönste und immer noch rührendste. Denn es handelt von Wasser, Öl, Brot, Feuer und Kleid. Also von unserem Alltag, der verwandelt wird, wenn er gnädigerweise zum heiligen Zeichen werden darf. Und das sind dann nicht nur Erinnerungszeichen, sondern wie alles im Alltag Wege, auf denen Gott zu uns kommt. Katholisch ist deshalb auch die Position zum Lebensschutz und zum Zölibat bis hin zur Weihe und Salbung eines Gotteshauses. Denn hier geht es unübertrefflich konkret um das wirkliche Leben. Das ist oft genug außerordentlich ärgerlich. Denn weil es uns alle so nahe betrifft, reiben sich viele daran.

Die katholische Kirche ist auch immer schon die Kirche der großen Heiligen. Nach einem alten irischen Spruch ist in der Kirche die Anzahl der großen Heiligen immer einen Deut größer als die der Verbrecher. Die Heiligen hat der Herrgott als Ausgleich für die Verbrecher gedacht. Gerade wenn ich das weiß, kann es mich nicht wirklich erschüttern, wenn die Bischöfe eins ganzen Landes bestenfalls mittelmäßig sind. Entsprechend hat schon Wilhelm von Saint-Thierry, der Freund des heiligen Bernhard, festgestellt, dass es in jedem Kloster mindestens einen fröhlichen Mönch gebe. Und es hat mich, da ich viele Jahrzehnte an einer völlig säkularisierten theologischen Fakultät lebte, stets getröstet, dass Dietrich Bonhoeffer in Ehren stand und beinahe eine Art Schutzheiliger ist oder zumindest ein Feigenblatt. Denn er hat nicht nur gedichtet „Von wunderbaren Mächten still und treu umgeben“ und dadurch uns Engel nahegebracht, sondern auch den Märtyrertod erlitten. Und deshalb ist es, da wir bei der Ökumene sind, gut, dass es in Rom auf der Tiberbrücke eine Kirche gibt, in der der Märtyrer des 20. Jahrhunderts aus allen Konfessionen gedacht wird (San Bartolomeo all'isola). Denn im Falle des Martyriums ist die Einheit der Kirche fraglos gegeben.

Vielfältig wird Ärgernis erzeugt, wenn gerade deutsche Katholiken unentwegt auf die Hierarchie starren und sich daran „aufhängen“. Dagegen stimme ich Papst Benedikt XVI. und meinem etwas älteren väterlichen Freund, dem Zisterzienserabt Joachim von Fiore (+ 1202) zu, dass die Kirche der Zukunft geschwisterlicher, weniger betont autoritär und mehr von Charismen bestimmt sei, kurzum, dass ein Zeitalter des Heiligen Geistes ebenso ersehnt wie sicher sei. Hierarchie verschwindet da nicht, sondern wird, obwohl auch aus medialen Gründen notwendig, doch weniger wichtig, und ihre Fehler wirken weniger irritierend.

Der Aufbau des Kirchenjahres erinnert uns daran, dass der Löwenanteil der Sonntage, die die Kirche feiert, eben Sonntage nach Pfingsten sind, Farbe „grün“, wie eben die Hoffnung. Schon allein deshalb sind wir gemahnt, uns nicht über Vergangenes aufzuregen und Schuld zuzuweisen, was zum Beispiel immer anhand von Papst Pius XII geschieht, und zwar wiederum grade in Deutschland, auch um vom eigenen Weg abzulenken. Je älter ein Mensch wird, umso mehr kann er wahrnehmen, dass sein Schicksal der Weg seines Leibes ist. Und gerade deshalb, weil der Segen für den Leib, beginnend mit dem Kreuzzeichen, so zentral ist, könnte man besser verstehen, dass der Glaube an die Auferstehung nicht in erster Linie meine Gedanken und Pläne betrifft, sondern bis in die kleinste Zehe meinen Leib. Gerade daran wird für mich der Sinn der Eucharistie erkennbar. Gott kommt in meinen Magen, in mein Blut und in meinen Kreislauf. Deshalb spricht man von „realer Gegenwart“. Denn Gott „scheut sich nicht“, wie es auch im Te Deum heißt: „Der Jungfrau Schoß hast du nicht gescheut.“ Auch das ist typisch katholisch, denn hier beginnt das, was „in die Ewigkeiten der Ewigkeit“ nicht aufhören wird, dass Gott meinen Leib verwandelt nach seinem Bild und Gleichnis. Denn Ewigkeit ist wie das Hineinfliegen einer Schwalbe in das Sonnenlicht. Was man „Wandlung“ in der Messe nennt, ist nicht nur Lehre oder Andenken, sondern ist unsichtbare Umwandlung des Kerns, der Substanz (was auch immer das sei) der Gestalten von Brot und Wein. Das ist eine Art Schöpfung. Denn alle Schöpfung und alle Werke des Glaubens entstehen auf dem Weg von Innen nach Außen, von der Unsichtbarkeit zur Sichtbarkeit, vom Logos zur Gestalt. Dieser Weg von Innen nach Außen gilt in der Frömmigkeit genauso wie in der Wirkung des Heiligen Geistes und bei dem mit der Taufe begonnenen „Projekt Auferstehung“.

Und selbst eben der Glaube ist nicht eine Form von Bewusstsein oder Geistigkeit, sondern es ist wie bei einem Künstler: Er hat die Idee von einem Kunstwerk, nicht von einer Idee und er setzt diese Idee ins Werk. So ist es mit dem Glauben, und so ist es mit der Zukunft der Welt. Der Herrgott träumt, nach allem, was man sagen darf, nicht von einer neuen Lehre, sondern von einer erneuerten Schöpfung. Weil das so ist, gibt es die katholische Sinnlichkeit und das in allen Jahrhunderten völlig ungebrochene Verhältnis der Kirche zu jeder Art von Kunst. Jeder Heilige, jede Heilige ist in diesem Sinne eine Art von Künstler, Lebenskünstler, wenn man das Wort richtig versteht. Katholische Kirche ist eine ganze Welt, eine ganze und umfassende Kultur, eine vielfältige Kunstgeschichte. Für mich stellt diesen Lebensstil am klarsten dar der deutsche Philosoph und Kardinal Nikolaus von Cues an der Mosel (+ 1464). In seinen begeisternden Schriften macht er deutlich: Nichts ist unkatholischer als Konfessionalismus oder Nationalismus. Es gilt allein „katholische Weite“. Es wäre schäbig, da hinter dem Herrgott zurückzustehen. Wenn ich mich heftig ärgere über Blödheit oder Gemeinheit, sage ich leise: Es ist zum katholisch Werden (wenn ich es nicht schon wäre). Nicht: Es ist zum wahnsinnig Werden. Sondern katholisch ist die entgegengesetzte Lösung. Um nicht wahnsinnig zu werden angesichts des Zustands der Politik, der Familien, ja besonders der Kirche selbst, sollte man katholisch werden, und das heißt: gelassen und nicht nörgelnd, geduldig, wie es in durchweg allen Apokalypsen empfohlen wird, heiter und in der Lage, auch mal Fünfe gerade sein zu lassen.