Er wirkt, und sein Wehen ist mächtig

Für Franziskus ist der Heilige Geist kein Unbekannter – Die Auseinandersetzung mit dem Pentekostalismus hat auch den Papst stark geprägt. Von Guido Horst

Thront über der Cathedra Petri in der Haupt-Apsis des Petersdoms: Die Darstellung des Heiligen Geistes in Gestalt einer Taube. Foto: IN
Thront über der Cathedra Petri in der Haupt-Apsis des Petersdoms: Die Darstellung des Heiligen Geistes in Gestalt einer ... Foto: IN

Für manche ist der Heilige Geist das, was für viele Christen – und bei weitem nicht nur in Deutschland – Papst Franziskus ist: der große Unbekannte. Man hatte von Jorge Mario Bergoglio nie etwas gehört, hatte ihn nie gesehen, nur die allerwenigsten hatten von ihm etwas gelesen. Vielen Kardinälen aus Europa, Asien oder Afrika mag es beim jüngsten Konklave ähnlich gegangen sein. Trotzdem waren nur fünf Wahlgänge nötig, um die große Mehrheit der Stimmen der Papstwähler in nur zwei Tagen auf den Argentinier und Jesuiten zu vereinen. Warum haben die Kardinäle einen Mann gewählt, der den meisten von ihnen unbekannt war? Oft hat man nach dem Konklave vom vergangenen März den Kommentar von Teilnehmern gehört, dass es ihnen nur darum ging, den zu finden, den Gott ausgesucht hatte, und dass diese Papstwahl ein Werk des Heiligen Geistes war.

Inzwischen ist Papst Franziskus kein Unbekannter mehr. Und abgesehen von seinem Papstnamen, der an sich schon programmatisch ist, zeichnen sich die ersten Schwerpunkte seiner Verkündigung ab, die nicht hochtheologisch ist, sondern sich durch einfache Worte und Gesten auszeichnet. Einer der Begriffe, die Franziskus immer wieder verwendet, ist der des „Wegs“. Er ist für ihn sogar so zentral, dass er gleich am Wahltag, abends auf der Loggia des Petersdoms bei der Begrüßung der Menschenmasse, von diesem Weg sprach: „Und jetzt beginnen wir diesen Weg – Bischof und Volk –, den Weg der Kirche von Rom, die den Vorsitz in der Liebe führt gegenüber allen Kirchen; einen Weg der Brüderlichkeit, der Liebe, des gegenseitigen Vertrauens. Beten wir immer füreinander. Beten wir für die ganze Welt, damit ein großes Miteinander herrsche. Ich wünsche euch, dass dieser Weg als Kirche, den wir heute beginnen und bei dem mir mein Kardinalvikar, der hier anwesend ist, helfen wird, fruchtbar sei für die Evangelisierung dieser schönen Stadt.“

Sich auf den Weg machen, auf dem Weg sein, sich gemeinsam auf den Weg begeben, ist für Papst Franziskus ein immer wieder gemachtes Bild für das religiöse Leben des Getauften in der Kirche. Und nicht nur der Getauften. Inzwischen liegen zahlreiche Bücher von und über Jorge Mario Bergoglio auf Deutsch vor, unter anderem das umfangreiche Gespräch mit dem Rektor des lateinamerikanischen Rabbiner-Seminars in Buenos Aires, Abraham Skorka. Direkt zu Beginn, in dem Kapitel „Über Gott“, erklärt Bergoglio: „In der persönlichen Gotteserfahrung muss man sich auf den Weg machen. Gott, würde ich sagen, begegnet man beim Gehen, beim Voranschreiten, indem man ihn sucht und sich von Ihm suchen lässt. Es sind zwei Wege, die sich treffen. Auf der einen Seite der unsere, der ihn sucht, angetrieben von der Sehnsucht des Herzens. Und später, wenn wir uns finden, begreifen wir, dass Er uns schon zuvor gesucht hat, uns zuvorkam. Die anfängliche religiöse Erfahrung ist die des Weges: Zieh in das Land, das ich dir geben werde. Dieses Versprechen macht Gott Abraham. Und mit diesem Versprechen, auf diesem Weg, wird ein Bündnis begründet, das sich über die Jahrhunderte festigt.“

Der große Wirkende, der den Gläubigen zu Jesus Christus und zur ewigen Seligkeit führt, ist für Papst Bergoglio der Heilige Geist. Die dritte Person der göttlichen Dreifaltigkeit ist nicht etwas Fernes, das man herabflehen oder erbitten muss, sondern er ist da, im Gott suchenden Menschen und in der Kirche. Bei der Messe mit den Kardinälen in der Sixtinischen Kapelle zwei Tage nach seiner Wahl sagte Papst Franziskus: „Wir haben die feste Gewissheit, dass der Heilige Geist mit seinem mächtigen Wehen der Kirche den Mut schenkt, fortzufahren und auch nach neuen Wegen der Evangelisierung zu suchen, um das Evangelium bis an die Grenzen der Erde zu bringen.“ Der Heilige Geist wird nicht irgendwann und irgendwie herabkommen, um die Seinen zu stärken und zu erleuchten, nein, er wirkt schon und sein Wehen ist „mächtig“.

Bei einem der Gottesdienste, die Franziskus morgens mit Vatikan-Angestellten in dem Gästehaus „Sanctae Marthae“ feierte, widmete er seine Predigt ganz dem Parakleten und bezeichnete den Heiligen Geist als die „göttliche Person, die in uns Zeugnis gibt von Jesus Christus“. Für den Papst ist es der Geist, der die Augen des Einzelnen für Christus öffnet, so wie es beim ersten Pfingsten der Geist war, der die Apostel auf den Weg Jesu Christi schickte und machtvolle Taten vollbringen ließ. „Man kann das christliche Leben nicht ohne die Gegenwart des Heiligen Geistes verstehen“, führte der Papst bei der Frühmesse des 6. Mai weiter aus. „Es wäre nicht christlich. Es wäre ein religiöses, heidnisches, klägliches Leben, das an Gott glaubt, aber ohne die Lebenskraft, die Jesus für seine Jünger will. Und es ist der Heilige Geist in seiner Gegenwart, der diese Lebenskraft verleiht.“

Doch der Heilige Geist gebe nicht nur Zeugnis von Jesus, sondern er gebe dieses Zeugnis, damit man ihn den anderen geben könne: „In der ersten Lesung“, sagte Papst Franziskus in der Predigt vom 6. Mai weiter, „finden wir etwas Schönes: jene Frau namens Lydia, die Paulus zuhörte. Von ihr heißt es, dass der Herr ihr das Herz öffnete, so dass sie seinen Worten aufmerksam lauschte. Das wirkt der Heilige Geist: Er öffnet das Herz, um Jesus kennenzulernen. Ohne ihn können wir Jesus nicht kennen. Er bereitet uns auf die Begegnung mit Jesus vor. Er lässt uns auf dem Weg Jesu gehen. Der Heilige Geist wirkt in uns während des ganzen Tages, während unseres ganzen Lebens, als Zeuge, der uns sagt, wo Jesus ist.“ Die Gewissenserforschung, die die Christen am Ende eines Tages machten, sei eine Übung, „die uns gut tut, denn es geht darum, sich dessen bewusst zu werden, was der Herr in unserem Herzen gewirkt hat“.

Seine Predigt in „Sanctae Marthae“ schloss Papst Franziskus mit einer Bitte ab: „Bitten wir um die Gnade, uns an die Gegenwart dieses Weggefährten zu gewöhnen, des Heiligen Geistes, dieses Zeugen Jesu, der uns sagt, wo Jesus ist, wo wir Jesus finden können, was uns Jesus sagt. Er bedarf einer gewissen Vertrautheit: Er ist ein Freund. Jesus hat gesagt: Nein, ich lasse dich nicht allein, ich lasse dir ihn. Jesus hinterlässt ihn uns als Freund. Haben wir die Gewohnheit, uns vor dem Ende eines Tages zu fragen: „Was hat der Heilige Geist heute in mir gewirkt? Welches Zeugnis hat er mir gegeben? Wie hat er zu mir gesprochen? Was hat er mir geraten? Denn er ist eine lebendige göttliche Gegenwart, die uns hilft, in unserem Leben als Christen voranzugehen. Bitten wir um diese Gnade, heute. Und dadurch wird wirklich, worum wir ihn im Tagesgebet gebeten haben, dass in jedem Augenblick die österlichen Geheimnisse fruchtbar bleiben.“

Der Heilige Geist als die personale Liebesbeziehung zwischen Gott Vater und Gott Sohn nimmt den Gläubigen jetzt schon, jeden Tag, in diese innertrinitarische Beziehung mit hinein und lässt ihn so Anteil nehmen an der Freude des Auferstandenen. Und deshalb sei es eine Freude für den Christen, so Papst Franziskus, das Evangelium den anderen zu verkünden, hinauszugehen – bis an die Grenzen der menschlichen Existenz. Immer wieder kam der Papst in den Tagen vor Pfingsten auf diese Gedanken zurück, auch als er am 10. Mai bei der Frühmesse in „Sanctae Marthae“ sagte, Christen dürften nicht aussehen wie „in Essig eingelegte Peperoni“. Der Christ müsse stattdessen ein Zeuge wahrer Freude sein: der Freude Jesu. „Was ist diese Freude?“, fragte Franziskus. Sie sei etwas, das sich nicht aus den Umständen des Moments ergebe, sondern etwas Tieferes: „Sie ist ein Geschenk. Wenn wir die Heiterkeit in allen Augenblicken leben wollen, so verwandelt sie sich am Schluss in Leichtigkeit und Oberflächlichkeit, und sie führt uns auch in jenen Zustand des Mangels an christlicher Weisheit, sie macht uns ein wenig dämlich, naiv, nicht? Alles ist Heiterkeit... Nein! Die Freude ist etwas anderes. Sie ist ein Geschenk des Herrn, sie erfüllt von innen her. Sie ist gleichsam eine Salbung des Geistes. Und diese Freude besteht in der Gewissheit, dass Jesus bei uns und beim Vater ist.“ Der freudige Mensch sei ein sicherer Mensch. Ein Mensch, der sicher ist, „dass Jesus bei uns ist, dass Jesus mit dem Vater ist“.

Die starke Betonung des Heiligen Geistes und dessen Wirken in jedem Einzelnen und in der Kirche hat bei Papst Franziskus einen gewissermaßen „biografisch-geografischen“ Hintergrund: Ganz anders als im protestantisch-staatskirchlich angekränkelten Deutschland wirkt die Kirche in Lateinamerika vor dem Hintergrund der fast explosionsartigen Verbreitung der evangelikalen und charismatischen Bewegungen, die aus den Pfingstkirchen hervorgegangen sind und der katholischen Kirche schwer zu schaffen machen. Selbst Bischöfe aus Mittel- und Südamerika geben unumwunden zu, dass diese „neuen religiösen Bewegungen“, die sich in den letzten Jahrzehnten von der fast zu hundert Prozent katholischen Bevölkerung Lateinamerikas gut vierzig Prozent weggeschnappt haben, direkter kommunizieren, auf die Nöte der Menschen – vor allem der Frauen – eingehen und vor allem die einfachen Leute bei deren Alltagssorgen „abholen“ – natürlich unlautere Methoden der Mitgliederwerbung und Public Relation sowie einen irrationalen Bibelfundamentalismus nicht ausgeschlossen.

Den Europäern ist die „Pentekostalisierung“ des Christentums, wie sie etwa Kardinal Kurt Koch vom vatikanischen Einheitsrat nennt, eher noch fremd. Papst Franziskus nicht. Er kennt sie aus eigener Erfahrung und antwortet darauf mit schlichten, aber eingängigen Gesten. Der Erfolg der Evangelikalen und Charismatiker liegt unter anderem daran, dass sie den Glauben ursprünglicher leben und erfahrbarer machen. Schon der bekannte amerikanische Vatikan-Korrespondent John L. Allen hat in seinem auf Deutsch 2010 erschienenen Buch „Das neue Gesicht der Kirche“ eindrucksvoll dargestellt, dass die Zukunft des Christentums anders aussehen wird, als man sich das gerade vielleicht in Deutschland vorstellt. Seit Jahrzehnten bemüht sich die lateinamerikanische Kirche, eine Antwort zu geben auf den sogenannten Pentekostalismus, der heute schon nach der katholischen Kirche die zweitgrößte Realität in der weltweiten Christenheit darstellt. Der Argentinier Jorge Mario Bergoglio ist Teil der Antwort der Katholiken Lateinamerikas auf die Evangelikalen und Charismatiker. Mit Papst Franziskus ist sie endgültig in Rom und in Europa angekommen.