Dürfen Behinderte heiraten?

Der Erlanger Kinderarzt Holm Schneider legt ein Buch über „gewagte Beziehungen“ vor. Von Stefan Rehder

Inklusion
Inklusion kennt keine starren Grenzen: Wenn Menschen mit und ohne Behinderungen gemeinsam lernen und arbeiten, wie auf diesem Bild, dann kann es auch durchaus geschehen, dass sie einander näher kennen und sogar lieben lernen und hinterher gemeinsam miteinander leben wollen. Foto: dpa
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Inklusion kennt keine starren Grenzen: Wenn Menschen mit und ohne Behinderungen gemeinsam lernen und arbeiten, wie auf d... Foto: dpa

Jeder Mensch sehnt sich nach Annahme und Wertschätzung durch andere Menschen. Das gilt auch für Menschen mit Behinderungen. Das vorliegende Buch zeigt, dass eine Betrachtungsweise, die Menschen mit Behinderungen auf ihre Defizite reduziert, keinem Naturgesetz folgt. Denn es geht auch anders. In dem Buch erzählt Holm Schneider, Professor für Kinderheilkunde am Universitätsklinikum Erlangen, die Lebens- und Liebesgeschichten von Menschen mit unterschiedlichen Handicaps. Von Menschen mit Behinderungen, die Annahme und Wertschätzung hautnah erfahren und jeweils einen Menschen ohne Behinderung kennen und lieben gelernt haben, mit dem sie ihren Wunsch nach Familie verwirklichen konnten. Sechs Paare, von denen auch Menschen ohne Behinderung eine ganze Menge lernen können.

Zum Beispiel von der im Alter von 16 Jahren erblindeten Ina und von Christian, der an Inas Blindenschule seinen Zivildienst leistete. Heute hat das Paar drei Kinder. Christian ist Inhaber eines IT-Unternehmens, das Software für Krankenhäuser entwickelt. Ina hat nach einer gewonnenen Europa- und einer gewonnenen Weltmeisterschaft ihre Karriere als Leistungssportlerin und Mitglied des Goalball-Nationalteams an den Nagel gehängt und leitet heute ein von der „Aktion Mensch“ gefördertes Projekt zum Thema Inklusion.

Oder von Jean-Pierre und Sabine, einer Hebamme. Jean-Pierre leidet unter einer genetisch bedingten Krankheit namens „ektodermale Dysplasie“, die unter anderem dafür verantwortlich ist, dass er nicht schwitzen kann, „was im Sommer oder bei körperlicher Anstrengung einen Hitzschlag zur Folge haben“ könnte. Gemeinsam haben sie zwei Kinder. Einen gesunden Sohn und eine Tochter, die selbst Trägerin der Erbkrankheit ist, auch wenn sie von der Krankheit weit weniger schwer eingeschränkt wird als ihr Vater.

Das eigentliche Thema des Buches ist die Liebe

Die sechs Doppelporträts, die Schneider in diesem Buch versammelt, für das der CDU-Gesundheitspolitiker und ehemalige „Beauftragte der Bundesregierung für die Belange behinderter Menschen“, Hubert Hüppe, und der Münchner Evolutionsbiologe Reinhard Agerer je ein Vorwort geschrieben haben, bestechen durch jene gelungene Kombination von aufrichtiger Empathie und schlichter Sachlichkeit, die guten Ärzten gerne nachgesagt wird.

Die jeweiligen Behinderungen eines der beiden Partner werden hier weder romantisiert, noch geraten sie unter der Hand zum eigentlichen Thema des Buches. Das ist vielmehr von Anfang bis zum Ende die Liebe. Eine Liebe, die, wie der CDU-Politiker Hüppe in seinem Vorwort schreibt, „künstliche Grenzen überwindet und als erstes den Menschen sieht, nicht seine Beeinträchtigung“. Und wenn wir ehrlich sind, werden wir bei der Lektüre von „Gewagte Beziehungen“ sehr schnell feststellen: So wie die Menschen einander ansehen, von denen Holm Schneider in diesem Buch erzählt, so wollen wir alle gern angesehen werden.

Gewissermaßen nebenbei behandelt das Buch zudem die Frage, ob Menschen mit Behinderungen das Recht auf Gründung einer Familie haben (sollten).

Das Kindswohl lässt sich nicht einfach in Stellung bringen

Erst dann, so könnte man sagen, wäre das, was Inklusion meint, nämlich selbstbestimmte Teilhabe von Menschen mit Behinderungen in allen Lebensbereichen, auch tatsächlich erfüllt. Trotzdem gibt es dagegen immer noch Vorbehalte. Und nicht alle sind sie schlecht begründet.

Wer allerdings meint, hier problemlos das Kindswohl in Stellung bringen zu können, sollte zumindest gut überlegen, ob ein Leben mit Behinderung, das geliebt wird, nicht einem ohne Behinderung, in dem die Liebe fehlt, vorzuziehen ist? Die Porträts, die in diesem Buch gezeichnet werden, geben jedenfalls auch auf diese Frage eine klare Antwort.

Holm Schneider: Gewagte Beziehungen. Neufeld Verlag, Schwarzenfeld 2016, 128 Seiten, Gebunden, EUR 14,99