Die inszenierte Authentizität

Robert Spaemann versammelt seine Forschungen zu Rousseau

Der Philosoph Robert Spaemann war im Juni vergangenen Jahres mit seinem Buch „Das unsterbliche Gerücht. Die Frage nach Gott und die Täuschung der Moderne“ im Juni auf der Bestenliste „Sachbücher des Monats“ von „Süddeutscher Zeitung“, NDR, „Buchjournal“ und „Börsenblatt“ gestanden. Das Buch macht bis heute in eher agnostischen Medien die Runde bei Talkshows und Radiosendungen, die sich der Frage einer tatsächlichen oder vermeintlichen Renaissance der Religionen und des Glaubens widmen – oder die die Debatte um Evolution und Hirnforschung führen, und dabei wissen wollen, welche Rolle hier noch der Gottesgedanke spielen kann.

Dass Robert Spaemann mit seiner Gottesfrage den Ton der heutigen Intellektuellen und Medienschaffenden trifft, die nicht im (kirchlich verfassten) Christentum verortet sind, mag damit zusammenhängen, dass er seine akademische Karriere nicht allein dem Gottesgedanken, sondern den Denkern gewidmet hat, die die heutige gesellschaftliche Atmosphäre mit ihrem zweifelnden, verstörenden, Gewissheiten relativierenden Denken geprägt haben – wie Friedrich Nietzsche oder Jean-Jacques Rousseau etwa. Letzterem hat Robert Spaemann jetzt ein Buch gewidmet, in dem er frühere Studien versammelt: „Rousseau. Mensch oder Bürger. Das Dilemma der Moderne“ heißt der Band bei Klett-Cotta. Es ist mit einer neu verfassten Einleitung eine Art Summe der Spaemann'schen Rousseau-Forschung.

Rousseau war schon der Gegenstand seines Habilitationsvortrages an der Universität Münster 1962 gewesen: „Natürliche Existenz und politische Existenz bei Rousseau“. Dort schlug er das Grundthema seiner Beschäftigung mit dem so bunt schillernden Sujet an: „Inwiefern ist denn Rousseaus geistige Erfahrung exemplarisch, sodass ihr eine theoretische und das heißt allgemeine Bedeutung zukommen kann“, fragte Spaemann. Und erkannte in dem Umstand, dass ein Denker wie Rousseau im 18. Jahrhundert seine eigene gebrochene Biographie als exemplarisch inszenierte, etwas, was eine allgemeine Aussage zulässt: Dass nämlich als Intellektueller exemplarisch sein zu wollen, ein Signum der Moderne ist.

Das ist Rousseau für Spaemann in diesem Vortrag deshalb, weil dieser das „Ideal absoluter Identität“ mit sich selbst so weit auf die Spitze getrieben hat, dass die „Spannung natürlicher und politischer Existenz“ erst zu einer Antinomie wurde und eine „exklusive Option“ notwendig machte, wie Rousseau sie selbst forderte. Diese Analyse von 1962 warf ein erhellendes Licht auf 1968 voraus – denn die gängigen Themen der damaligen emanzipatorischen Bewegungen der Studenten kreisten nicht zuletzt um diese rousseausche Frage der Entfremdung, deren Beantwortung die Rebellion der jungen Menschen gegen die damals gängigen bürgerlichen Rollen und Lebensentwürfe, die vorgegeben schienen und als einengend empfunden wurden, speiste – auch wenn die Mehrzahl der damaligen achtundsechziger Theoretiker sich eher auf die Entfremdungstheorie von Karl Marx und der Kritischen Theorie bezogen, wobei sie unterschlugen, dass diese ihrerseits wichtige Einsichten aus der Rousseau-Lektüre geschöpft hatten. Unzählige gesellschaftliche Trends und Strömungen im Anschluss an 1968 von der ökologischen Bewegung bis zur Esoterik kreisten um die rousseausche Frage nach der Möglichkeit der „absoluten Identität“, der Überwindung entfremdeter Verhältnisse. Wörter wie Authentizität oder Glaubwürdigkeit oder Querdenker, die bis heute gut klingen, machten in der öffentlichen Sprache Karriere und wurden zu Leitbildern, die zum Handwerkszeug jedes öffentlich tätigen Menschen gehören. Dass Politiker, Journalisten, Schauspieler, Stars, Kirchenmänner und -frauen bis heute gesellschaftlich anerkannt sind, wenn sie glaubhaft machen, dass sie ihren eigenen Idealen folgen, und sich von der Gesellschaft und Institutionen wie Parteien, Gewerkschaften oder Kirchen nicht „verbiegen“ lassen, „ganz ich selbst sind“, „meinen eigenen Weg gefunden haben“ und wie die Redewendungen alle heißen – gleichgültig, ob das, was sie sagen, inhaltlich vernünftig ist oder nicht – ist ein zeitgenössischer Wiedergänger von Rousseaus Inszenierung seiner selbst als exemplarischer Figur.

Spaemann hat in seinem Habilitationsvortrag 1962 den Trick durchschaut, mit dem dieses Spiel funktioniert – nämlich die Definitionsmacht über den Begriff der Natur zu beanspruchen. Rousseau hat sich ja ausführlich Gedanken über den Naturzustand des Menschen gemacht. Er hat ihn aber als unscharfen Funktionsbegriff gebraucht, ihn nicht inhaltlich gefüllt. Spaemann sagte 1962: „Die Unbestimmtheit des Naturzustandes macht es jederzeit möglich, im Rückzug und unter Berufung auf ihn jede bestimmte Gestalt geschichtlich-politischer Verwirklichung des Menschseins zu desavouieren und kritisch zu destruieren.“ Worauf unter anderem auch der politische Erfolg der Grünen beruht.

Rousseau hat der Natur gründlich die Teleologie ausgetrieben hat. Das hat Spaemann früh erkannt. Und so spürt er in weiteren Aufsätzen seines neuen Sammelbandes eben dieser Geschichte des Begriffes Natur nach. Lehrreich ist dabei vor allem die Lektüre von „Zur Vorgeschichte des Naturbegriffs im 18. Jahrhundert“, die 1967 im Archiv für Begriffsgeschichte erschienen ist. Sie zeigt, wie Rousseau Natur nicht etwa als ein oberflächliches „Zurück zur Natur“ im Sinne eines primitiven Lebens ohne Technik, Wissenschaft und Kultur versteht, das die Umwelt schont, was ihm von der ökologischen Bewegung zum Teil unterschoben worden ist, sondern Natur als ein „Spätprodukt“ der bürgerlichen Gesellschaft begreift, die als nicht zielgerichtete, spontane Subjektivität freigesetzt wird – also ein eher anarchischer, eskapistischer Zungenschlag, und ein „Zurück zur Natur“ in der Überbietung und des totalen Auslebens der Zivilisation gesucht wird. Abgesehen davon, dass Rousseau an vereinzelten Stellen den Begriff der Natur auch im Sinne der Bedeutung von „Natur der Sache“ benützt, die dann keinen emanzipatorischen Charakter hat, sondern als „Natur der Erhaltungsordnung“ gemeint ist, worauf Spaemann auch hinweist, ist doch diese rousseausche Verschmelzung des Naturbegriffs mit dem Subjektivitätsprinzip wirkungsmächtig geworden. Es ist das „Pathos der Befreiung“, das nach Spaemann spätere Generationen fasziniert hat, wenn sie Natur als politischen Kampfbegriff benutzen. Heute ist der Begriff der Natur ein schillernder, der ähnlich wie der Begriff der rousseauschen „absoluten Identität mit sich selbst“ als gesellschaftliches Leitbild funktioniert, gerade wegen seiner Vagheit – nämlich als eine Art heilsökonomischer Ort jenseits der entfremdenden Institutionen des vergesellschafteten Menschen.

Spaemann macht deshalb auch im Fazit seiner Rousseau-Forschung die „Unendlichkeit einer Subjektivität“ zum Fokus des Verstehens der exemplarischen Gestalt Rousseau. Diese will nichts Vorgezeichnetes akzeptieren, aus dem heraus der Mensch sein Maß gewinnt. „Der ,homme naturel‘ Rousseaus, das ist weder ein ,zoon politikon‘ noch ein ,zoon logon echon‘, weder ein politisches noch ein sprechendes Wesen, er ist nur ein narzisstisches Bedürfniswesen“, so Spaemann in seiner Einleitung. Narzisstisches Bedürfniswesen – das trifft das heutige menschliche Selbstverständnis recht genau. Rousseau ist für Spaemann der Denker, der den „Anfang, in dem kein Ende vorgezeichnet ist“, als persönlichen und gesellschaftlichen Lebensentwurf entwickelt hat und der in der Gegenwart, wenn auch oft in konfektionierter Weise, gelebt wird. Dass dies allerdings gleichermaßen handfeste modernistische wie antimodernistische Folgen annehmen kann, hat die Rousseau-Forschung bisher zu wenig ausgearbeitet. Spaemanns Verdienst ist es, diese doppelgesichtige Wirkungsgeschichte offengelegt zu haben. Dass der Mensch, wenn er sich auf Rousseau einlässt, dazu verurteilt ist, entweder in „permanenter Revolution“ zu leben, oder seine „anarchische Natur“ ihren „institutionellen Erhaltungsbedingungen radikal zu unterwerfen“, damit sich diese Natur nicht selbst verzehrt – dafür ist die Geschichte des 20. Jahrhunderts und seine Extreme bis heute Beleg. Weil ein solches Doppelleben aber auf Dauer den Menschen zerreißt, selbst in seinen aktuellen Schwundformen, wird Spaemann wohl von denen gehört, die zwar nichts mit Kirche und mit Theologie zu tun haben wollen, aber beim Gottesgerücht doch wieder hellhörig werden. Es könnte ja sein, dass ...