„Die gefährlichste Idee der Welt“

Der Teufel spricht kein Arabisch – oder: Warum wir den Transhumanismus endlich fürchten sollten. Von Stefan Rehder

Titelseite der MIT: "Nun können wir die Menschheit nach unseren Vorstellungen modifizieren."
Im Mai 2015 drohte das MIT auf der Titelseite seines Magazins: „Nun können wir die Menschheit nach unseren Vorstellungen modifizieren.“ Foto: IN

Es gibt Sätze, die schlagen ein wie der Blitz. „Seit Bacon spricht der Teufel Englisch“ – zu finden in Harry Mulischs „Die Entdeckung des Himmels“ – ist einer davon. Mit dem 1992 erschienenen Roman gelang dem Sohn einer Jüdin und eines ehemaligen österreichischen Offiziers, dessen OEvre mehr als sechzig Werke umfasst und in dem Kritiker den bedeutendsten Autor der zeitgenössischen, niederländischen Literatur erblicken, ein Weltbestseller. Und das, obwohl – oder gerade weil – er auf einer fantastisch anmutenden Rahmenerzählung aufsetzt. In ihr schloss die Menschheit, vertreten durch den britischen Philosophen Francis Bacon (1561–1626) vor rund vierhundert Jahren einen Pakt mit dem Teufel, der sie dazu verdammt, durch die eigene Technologie zugrunde zu gehen. Als dies im Himmel entdeckt wird, ordnet „der Chef“ an, den Bund, den er einst mit Mose schloss, wieder zu lösen. Doch dazu müssen erst die Tafeln mit den Zehn Geboten, die diesen besiegelten, wieder in den Himmel gelangen.

Dass Mulisch Bacon den Pakt mit dem Teufel unterschreiben ließ, hat mutmaßlich mit zwei anderen Schriften zu tun. Auf Wunsch von Königin Elisabeth verfasste der spätere Burggraf von Saint Albans zunächst die Anklageschrift gegen den Grafen von Essex, einem in Ungnade gefallenen Liebhaber Elisabeths. Das Pikante daran: Der unglückliche Essex hatte zuvor vergeblich versucht, dem mittellosen Bacon einen einträglichen Posten am Hofe Elisabeths zu besorgen und ihm, als dies scheiterte, aus Mitleid ein Landgut aus eigenem Besitz geschenkt. Bacon revanchierte sich, indem er seine Unterschrift unter die Anklage des Grafen setzte – wissend, dass diese seinem Gönner den Kopf kosten würde.

Die zweite Schrift erschien erst nach seinem eigenen Tod. In seiner Fragment gebliebenen Staatsutopie „Nova Atlantis“ entwarf der unter Jakob I. in den Adelsstand Erhobene und zum Lordkanzler Aufgestiegene das Bild einer Gesellschaft, in welcher die Menschen die vollkommene Herrschaft über die Natur erlangt hatten und diese nun nach eigenem Gutdünken gestalteten. Bacon war – wenn man so will – der erste Transhumanist, lange bevor der Begriff des „Transhumanismus“ geboren wurde.

Als Schöpfer des Begriffs gilt ein weiterer Brite, der Biologe Julian Huxley (1887–1975), dessen Halbbruder Aldous mit dem Roman „Schöne neue Welt“ berühmt wurde. In seinem 1957 erschienenen Buch „Neue Flaschen für neuen Wein“, erläutert Julian Huxley, was er unter dem „Transhumanismus“ verstand. Mit Hilfe von Wissenschaft und Technik könne die menschliche Spezies über sich selbst hinauswachsen. „Nicht nur sporadisch, ein Individuum auf die eine Art, ein anderes auf eine andere Art und Weise, sondern als Gesamtheit, als Menschheit.“

Daran, dass dieser neue, aufgerüstete Übermensch zugleich den Abschied vom Menschen, wie wir ihn kennen, bedeutet, ließ Huxley keine Zweifel. Pathetisch dekretierte er: „Ich glaube an den ,Transhumanismus‘: Sobald es genug Menschen gibt, die das wahrhaftig sagen können, wird die menschliche Art an der Schwelle einer neuen Art von Existenz stehen; so verschieden von unserer, wie die unsere von der des Pekingmenschen.“

Heute, knapp sechzig Jahre nachdem Huxley den Begriff des Transhumanismus prägte, bekennen sich viele führende Wissenschaftler der sogenannten Schlüsseltechnologie-Branchen offen zum Transhumanismus oder müssen aufgrund der von ihnen vertretenen Thesen dieser Bewegung, die manche für eine Religion halten, zugerechnet werden. Ihre Anführer lehren an bedeutenden Universitäten, leiten große Forschungsinstitute und/oder Unternehmen und publizieren Bestseller. Unter ihnen sind so bekannte Forscher und Autoren wie der australische Kognitionswissenschaftler Rodney Brooks, Autor des Buches „Menschmaschinen“ und viele Jahre lang Direktor des Laboratoriums für Künstliche Intelligenz am renommierten „Massachusetts Institute of Technology“ (MIT), der Nanotechnologe Eric Drexler, der Computerspezialist Ray Kurzweil, Berater des früheren US-Präsidenten Bill Clinton und Autor des Buches „Homo S@piens“, der heute als „Leiter der technischen Entwicklung“ im „Google“-Vorstand die Strippen zieht. Auch der österreichische Robotikprofessor Hans Moravec, der Biophysiker Gregory Stock, Autor des Buches „Redesigning Humans – Choosing our genes, changing our future“, der an der University of California lehrt, müssen zu den Transhumanisten gezählt werden. Ebenso wie der Evolutionsbiologe Richard Dawkins („Der Gotteswahn“) und die Soziologen Riccardo Campa von der Universität Bologna und James Hughes, der am Trinity College in Hartford lehrt und derzeit an der Fertigstellung seines Buches „Cyborg Buddha: Using Neurotechnology to become better people“ arbeitet.

Mit der von dem britischen Philosophen Nick Bostrom 1998 ins Leben gerufenen „World Transhumanist Association“ (WTA), die später in „Humanity +“ umbenannt wurde, verfügen die Transhumanisten zudem über eine internationale Dachorganisation, die regelmäßig aufsehenerregende internationale Konferenzen in einer Weltmetropole organisiert. Transhumanisten streben danach, die Evolution des Menschen in die eigenen Hände zu nehmen. Mit Hilfe von Wissenschaft und Technik wollen sie die bisherigen „suboptimalen biologischen Lösungen durch eigene, unseren Vorstellungen entsprechende“ ersetzen. Dank des wissenschaftlich-technologischen Fortschritts sei der Mensch nicht länger „auf das blinde Spiel der Natur“ angewiesen, sondern könne sich „endlich frei entfalten“. Als anzustrebende „Verbesserungen“ betrachten Transhumanisten vor allem Dreierlei: die „Verlängerung der maximalen Lebenserwartung, die Erhöhung der Intelligenz sowie physische und psychische Verbesserungen des Menschen“.

Als bevorzugte „Werkzeuge der Umgestaltung“ gelten ihnen dabei heute die sogenannten GRIN-Technologien (GRIN = Gentechnik, Robotik, Informationstechnologie, Nanotechnologie). Total radikale Transhumanisten, die sich selbst „Extropianer“ nennen, halten den „Abschied vom Menschsein im heutigen Sinne“ erst dann für erreicht, „wenn wir in der Lage wären, den menschlichen Geist auf Computern ausreichender Rechenleistung ablaufen zu lassen“. Erst dann wäre man „dem alten Traum von Unsterblichkeit ein großes Stück näher, und die Verbindung vieler einzelner Geister zu einem ,Super-Bewusstsein‘ planetaren Maßstabs wäre der Beginn einer Intelligenz, die auf kosmischen Skalen agiert und nichts mehr gemein hat mit der der denkenden Zweibeiner auf wässriger Basis, aus denen sie einst entstand“.

Die Neigung, den „Transhumanismus“ und seine Vertreter nicht ernst zu nehmen, mag angesichts derartiger Szenarien zwar leicht nachvollziehbar erscheinen, wäre aber zugleich ein schwerwiegender und womöglich durch nichts zu korrigierender Fehler. Denn schließlich bemisst sich die Gefährlichkeit einer Idee nicht daran, wie realistisch anderen ihre Umsetzung erscheint, sondern allein danach, wie weit ihre Anhänger für deren Verwirklichung zu gehen bereit sind. Und so wundert es denn auch nicht, dass kluge Köpfe wie etwa Bill Joy, Jürgen Habermas und Francis Fukuyama den Transhumanismus sehr ernst nehmen. Bereits im Jahr 2000 publizierte die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ eine Übersetzung des Essays, den der Software-Entwickler Bill Joy, wie Steve Jobs oder Bill Gates eine Ikone des Silicon Valley, für das renommierte „Wired Magazin“ unter dem Titel „Why the future doesn't need us“ („Warum die Zukunft uns nicht braucht“) verfasst hatte. Darin heißt es unter anderem: „Die wichtigsten Technologien des 21. Jahrhunderts – Roboter, Genetik und Nanotechnologie – drohen den Menschen zu einer vom Aussterben bedrohten Art zu machen.“ 2001 bekannte Habermas: „Transhumanistische Vorstellungen gefährden unsere Gattung“. Und Fukuyama, der US-amerikanische Politikwissenschaftler, der nach dem Fall der Berliner Mauer und dem Untergang der Sowjetunion „Das Ende der Geschichte“ ausrief, erklärte den Transhumanismus 2004 in einem Aufsatz für „Foreign Policy“ gar zur „gefährlichsten Idee der Welt“.

Wir fürchten uns heute vor Terrorristen, die mit Sprengstoffgürteln durch unsere Innenstädte laufen oder mit einem Lastwagen in Menschenmengen rasen. Das ist menschlich verständlich. Und dennoch sollten wir das nicht tun, denn dann besorgen wir das Geschäft der Terroristen. Wirklich fürchten sollten wir stattdessen diejenigen, die, statt einzelne Menschen zu töten, in der Lage sind, die gesamte Menschheit abzuschaffen. An den Technologien, die dazu imstande sind, wird in blühenden Laborlandschaften überall auf dem Globus längst mit Hochdruck gearbeitet. Damit wir uns nicht missverstehen: Man kann in dem brutalen, islamistischen Terror durchaus eine Geißel der Menschheit erblicken. Aber diese ist wenigstens ausrott- oder jedenfalls in ihrer Wirkung begrenzbar. Die GRIN sind das nicht. Sich selbst replizierende Nanobots oder CRISPR/Cas9-Genscheren, mit denen heute jeder Laborant das menschliche Genom für immer verändern kann, können irreversible Fakten schaffen, gegen die sich selbst eine schmutzige Bombe, gezündet im Zentrum einer Metropole, wie ein freundliches Osterei ausnähme.

Anders formuliert: Wo der Islamist bereit ist, sein eigenes Leben zu opfern, um die zu vernichten, deren er habhaft werden kann, ist der Transhumanist gewillt, die menschliche Spezies zu vernichten, um sein eigenes Leben auf eine vermeintlich höhere Stufe zu heben. So gesehen hatte Mulisch durchaus Recht: Der Teufel parliert nicht Arabisch, er spricht Englisch.